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Mein Name ist Mama

Kindersterblichkeit kann nie als alltäglich abgetan werden. Sie berührt. Die herzzerreißende Geschichte über Mütter, die ihre Babys nicht aufgeben.

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Bild: Elisa Reiterer
Sobald sie ein Kind bekommt, wird eine Frau in Uganda von allen nur noch „Mama“ genannt. Mama Ojok, Mama Akelo, Mama Rwotomiya, Mama Opiro. Mama zu sein ist etwas Wertvolles. Ich werde nie den ersten gramerfüllten Schrei einer Mutter vergessen, als ihr Kind den letzten Atemzug tat. Vor zwei Wochen meinte ich, man gewöhnt sich an alles. Nicht an sterbende Kinder. An dem Tag, an dem mein erstes Kind starb, brach ich abends im Bett in Tränen aus und weinte mich in den Schlaf. Ich verfluchte die ungerechte Ressourcenverteilung dieser Welt und verachtete mich selbst für meinen Wohlstand. Am Morgen darauf musste ich erneut tief durchatmen. Ein weiteres Kind hatte die Nacht nicht überlebt.
 
Beinahe siebzig von tausend Neugeborenen in Uganda überleben die ersten vier Wochen ihres Lebens nicht. Die Kindersterblichkeit ist damit 27-mal höher als in Italien. Auf der Patientenkarte in der Geburtenstation gibt es ein Feld zum Ankreuzen: „Mehr als drei Kinder in der Familie gestorben.“ Ich traf eine Mutter, die achtmal geboren hat. Drei Kinder sind ihr geblieben. Vielleicht habe ich deshalb hier noch nie die Option „Maschinen abschalten“ (die eine Maschine, die es gibt, ist der Sauerstoffgenerator) auch nur irgendwo flüstern hören. Leben wird hier anders wahrgenommen, es ist egal, wie ein Kind das Krankenhaus verlässt, solange es dieses überhaupt verlassen kann.
 
Eine starke Mama voller Hoffnung
 
Pamela, 22. Sie war bereits auf der Station, als ich Anfang August zu arbeiten begann. Ihr kleiner drei Monate alter Sohn Jonathan lag im Sauerstoffraum. Sie ist eine der wenigen Mütter hier, die fließend Englisch spricht. Als ich in der Krankenakte Jonathans blätterte, sah ich gleich: Er war ihr zweites Kind, das erste war bereits gestorben. Betroffen entschied ich, zu versuchen, mit ihr zu sprechen. Das Thema der sterbenden Kinder ist hier ein Tabu – es gibt zu viele davon, und die Narben trägt fast jede Mutter.
 
Bild: Elisa Reiterer
Zehn Tage später fasse ich mir ein Herz. Es ist halb acht Uhr abends, die Ärzte sind bereits nach Hause gegangen. Keine Hektik, die Mütter sitzen an den Betten. Die Sauerstoffgeneratoren piepen penetrant, doch das gedämpfte Licht schafft eine Art von privater Atmosphäre. „Mama, can I talk to you for a second, please?“ Sie füttert Jonathan gerade, will aufstehen und ist umso erstaunter, als ich abwehre, über den Generator steige und mich zu ihr auf den Boden setze. Unter einem Waschbecken, zwischen einem Bett und einer Liege, mit nur einer Bastmatte zwischen meinem Sitzfleisch und dem kalten Fliesenboden erkläre ich ihr leise und sanft mein Anliegen. Sie solle bitte Nein sagen, wenn sie nicht will. Doch im Gegenteil. Sie lächelt und beginnt ohne Umschweife, ihre Geschichte zu erzählen, hier auf dem Krankenhausboden.
 
Sie ist nicht zum ersten Mal hier im Lacor Hospital. Im Jänner vergangenen Jahres brachte Pamela ihr Erstgeborenes mit einem angeborenen Herzfehler hierher. Bis im August blieb sie auf der Station, nachdem man ihr bereits mitgeteilt hatte, dass man Herzfehler korrigierende Operationen leider nicht durchführen würde. Doch die stärksten Frauen findet man auf der Kinderintensivstation. Pamela und ihr Mann gaben nicht auf und kontaktierten eine ganze Reihe von Hilfsorganisationen, erzählten die Geschichte ihrer Tochter und baten um Hilfe. Diese kam schließlich aus Indien, wo man der Kleinen die Möglichkeit einer Operation bot. Pamela und ihr Mann opferten ihre gesamten Ersparnisse und flogen mit dem Kind nach Indien. Aber drei Tage nach der Operation begannen die Komplikationen. Das Kind verstarb.
 
Nun ist Pamela erneut hier. Mit ihrem zweiten Kind, von dem sie nicht weiß, ob es das Krankenhaus überhaupt jemals verlassen kann. Und trotzdem lacht sie, umarmt mich und bekommt leuchtende Augen, als ich dem kleinen Jonathan auf ihrem Schoß in die Wange kneife, er die Augen öffnet und mich schlaftrunken anblinzelt.
 
Die kleinen Wunder
 
Bild: Elisa Reiterer
In meinen bisherigen drei Wochen hier sind auf der Station acht Kinder, denen ich gefolgt war, und zehn weitere gestorben. Insgesamt achtzehn Kinder.
Doch die kleinen Wunder gibt es auch: Jason (im Bild), in der 27. Woche mit 800 Gramm auf die Welt gekommen, wiegt zwei Wochen später bereits 1.300 Gramm und wächst und gedeiht im Brutraum. Das ist ein auf fast vierzig Grad geheizter Raum mit einer Theke, auf der in haufenweise Tücher eingewickelt die Frühgeborenen liegen. Ein überdimensionaler Gruppenbrutkasten.
 
Und Pamelas Sohn Jonathan durfte vor ein paar Tagen nach Hause. Als ich ihn das erste Mal sah, wurden schwere Hirnschäden diagnostiziert und niemand glaubte an sein Überleben. Aber er zeigte es allen: Er begann wieder zu atmen, zu zappeln, zu schlucken, zu saugen und zu lachen. Mein kleines persönliches Wunderkind.
 

Elisa Reiterer

Vagabundin durch alle Ecken und Enden des Planeten, liebt das Meer, Sonnenuntergänge und Vorweihnachtszeit mit Neuschnee. Wird hibbelig, wenn sie zu lange an einem Ort bleibt.
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Abenteuer Afrika

Da bin ich nun, Medizinstudentin am Ende des zweiten Jahres, bei meinem ersten richtigen Praktikum. Ins kalte Wasser springen tut gut, also packte ich die Gelegenheit beim Schopf und fuhr für einen Monat nach Gulu im Norden Ugandas. Vier Wochen Pädiatrie, vier Wochen Afrika.

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