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Portrait einer jungen Mutter

Mein „kleiner Skandal“

Schwanger mit 16, Studentin mit 20. Valentina Vegni schafft alles, wenn sie nur will. BARFUSS erzählt sie von ihrem Leben als junge Mutter.

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Bild: privat

„Ich bin schwanger.“ Valentina fällt aus allen Wolken. Die Boznerin ist erst 16, sie besucht die dritte Klasse des Franziskanergymnasiums und ist eine gute Schülerin. Sie will Richterin oder Anwältin werden, das weiß sie schon lange, darauf arbeitet sie hin. Und jetzt ein Kind?

Heute sitzt mir Valentina Vegni im Innenhof der Innsbrucker Uni gegenüber und genießt die letzten herbstlichen Sonnenstrahlen. Valentina ist 20, sie studiert bereits im dritten Semester Jus und will in drei Jahren mit ihrem Diplom in der Tasche wieder nach Bozen, um dort zu arbeiten. Es verläuft alles nach Plan. So wie jeder Tag genau geplant ist. Gerade eben saß sie noch in der Vorlesung, in zwei Stunden setzt sich Valentina in den Bus und holt ihre dreijährige Tochter Jasmin vom Kindergarten ab. „Natürlich war es erstmal ein Schock, aber das wäre es wohl für jeden“, erinnert sich die junge Frau an die erste Zeit ihrer Schwangerschaft. Aber schon bald habe sie sich sehr gefreut. Ausschlaggebend war dafür besonders ein Gespräch mit dem Direktor des Franziskanergymnasiums. „Da hatte ich schon ein mulmiges Gefühl. Ich war die einzige, die in unserer Schule schwanger war. Im Fränzi wird man nicht einfach so schwanger“, erzählt Valentina von dem „kleinen Skandal“. Der Direktor habe aber so verständnisvoll reagiert, dass ihre anfängliche Unsicherheit gewichen ist. „Es war so nett, das kannst du dir gar nicht vorstellen! Das Gespräch hat mir richtig Mut gemacht, von dem Tag an, habe ich mich nur mehr gefreut“, so die 20-Jährige lächelnd.

Ein Baby verändert alles

Valentina ist eine selbstsichere Frau, die weiß was sie will. So nehme ich sie während unseres ganzen Gesprächs wahr. Sie redet bestimmt und klar, beantwortet Fragen auch schon, bevor ich sie gestellt habe und meint: „Ich erzähle dir jetzt einfach alles, das habe ich immer schon gemacht. Am meisten hat es mich nämlich gestört, dass jeder über uns geredet hat, aber über nichts Bescheid wusste. Da erzähle ich es lieber von mir aus, dann stimmt es zumindest.“ 

Bild: privat
Ein Baby verändert viel, auch in der Paarbeziehung. Für das junge Paar Valentina und Haymo war es eine große Umstellung, plötzlich mussten die jungen Eltern Verantwortung übernehmen und es drehte sich alles um Jasmin. Valentina ist froh, dass sie vor allem zu Beginn so viel Unterstützung der beiden Familien bekommen haben – die Hälfte der Woche war sie mit Jasmin bei ihren Eltern, die andere Hälfte bei Haymos Eltern. Jasmins Großmütter haben die Vormittagsbetreuung übernommen, so dass Valentina ohne Zeitverlust die Oberschule abschließen und sich für das Studium anmelden konnte. „Als ich mit Jasmin nach Innsbruck bin, habe ich sehr viele Heime angeschrieben. Viele haben geantwortet, sie hätten keine kindgerechte Einrichtung – was auch immer das heißen soll. Jetzt haben wir ein schönes Zimmer mit eigener Küche im Studentenheim Panorama, auch Haymo ist dort.“ Der Alltag ist strikt durchgeplant. Vormittags geht Jasmin in den Kindergarten, am Nachmittag wird sie von ihrer Mutter, ihrem Vater oder einer guten Freundin der beiden abgeholt, dann wird zusammen gespielt und gegessen. „Natürlich mache ich Abstriche. Oft habe ich am Vormittag auch keine Lust zu lernen, aber ich weiß, am Nachmittag geht es nicht mehr. Dann beiß ich mich eben durch“, erzählt Valentina, die fest gewillt ist, ihr Studium in der Mindestzeit abzuschließen: „Das muss ich einfach. Schon allein wegen Jasmin. Ich möchte nicht, dass sie in Innsbruck einschult und dann nach einem Jahr schon umziehen und ihre ganzen Freunde zurücklassen muss.“ 

„Man kann alles schaffen, man muss nur wollen.“

Bild: privat
„Man kann alles schaffen, man muss nur wollen.“ Das ist Valentinas Grundsatz. Und sie zeigt mir, dass sie das auch wirklich ernst meint. Oft wünscht sie sich, dass sie jemanden in ihrem Alter hätte, mit dem sie über ihre alltäglichen Probleme sprechen könnte. Das, was die gleichaltrigen Studenten im Moment bedrückt – wohin gehen wir heute feiern, mein Freund hat nie Zeit – ist nicht Valentinas Lebenswelt. Aber die Sorgen um den Arbeitsplatz von anderen jungen Müttern auch nicht. Valentina sitzt gewissermaßen zwischen den Stühlen. Dass Jasmin, die wie Valentina selbst zweisprachig aufwächst, durch Kita und Kindergarten immer in Kontakt mit Gleichaltrigen kam, war der jungen Mutter sehr wichtig. Nun freut sie sich, wenn die Erzieherinnen ihr berichten, welch gute soziale Kompetenz Jasmin bereits entwickelt habe.

„Ja, ich habe mein Leben komplett umstellen müssen. Ich habe auf vieles verzichtet. Aber das bereue ich nicht. Ich brauche mir die typischen Sinnfragen nicht mehr zu stellen, was mache ich mit meinem Leben? So einen Lebenssinn, wie diesen, findet man sonst nicht“, beschreibt Valentina die Liebe zu ihrer Tochter. 

Als ich mich auf den Heimweg mache, bin ich sehr nachdenklich. Wann ist denn der richtige Zeitpunkt, ein Kind zu bekommen? Mit 16, nein. Während dem Studium? Da passt es auch nicht so recht. In der Arbeitswelt angekommen, hat man vielleicht Aufstiegschancen und mag gerade auch nicht an Nachwuchs denken. Dass Frauen von Unternehmen schon beinahe gedrängt werden, ihre Eizellen einfrieren zu lassen, ist erschreckend. Aber ich bin nach diesem Gespräch auch beeindruckt von dieser willensstarken 20-jährigen Boznerin, die innerhalb kürzester Zeit erwachsen geworden ist – ja erwachsen werden musste – und geschafft hat, wofür sie kämpfte.

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Julia Tapfer

mag Geschichte und Geschichten. Liebt gutes Essen und hasst es, für schlechten Kaffee auch noch Trinkgeld geben zu müssen.
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