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Maskiert

Hörbeeinträchtigte sind auf das Lippenlesen angewiesen. Seit Maskenpflicht gilt, wird der Alltag für sie zur Zerreißprobe. Gibt es eine Alternative?

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Bild: Anna Mayr

„Wie bitte?“ Schon zum dritten Mal muss Praktikant Simon seinen Schüler bitten, die Frage zu wiederholen. Die Klasse ist laut, Schüler*innen sprechen durcheinander. Der 26-Jährige hat vor einem Jahr mit dem Lehramtsstudium in Innsbruck begonnen und absolviert sein erstes Praktikum an einer Mittelschule in Südtirol. Seit seinem sechsten Lebensjahr hört Simon auf seinem rechten Ohr nichts mehr. Einseitige neurosensoriale Schwerhörigkeit hieß die Diagnose. Trotz Orientierungsschwäche kommt er normalerweise gut zurecht, hat sich angewöhnt, die Lippen seines Gegenübers zu lesen. Aber auch nach etlichen Wiederholungen kann er seinen Schüler nicht verstehen. Die Maskenpflicht macht ihm das unmöglich.

So ähnlich wie Simon geht es vielen Menschen mit Hörbeeinträchtigung. Seit über einem Jahr ist eine Mund-Nasen-Bedeckung verpflichtend. Wer sich nicht daran hält, muss mit einer Geldstrafe rechnen. Diese Regelungen gelten ebenso für Schulen. Masken wurden eingeführt, um den Präsenzunterricht wieder aufnehmen zu können. Die Pflicht, das Mundbild zu verhüllen, erschwert Menschen mit Hörbeeinträchtigung die Kommunikation. Sie sind darauf angewiesen, die Lippen und die Mimik ihres Gesprächspartners lesen zu können. Zusätzlich kommt die Stimme durch den Stoff wesentlich gedämpfter durch, vor allem bei FFP2-Masken werden die hohen Töne herausgefiltert. Tatsächlich sind aber gerade Töne im hohen Frequenzbereich entscheidend für das Verstehen einer Sprache. Besonders bei Stimmengewirr und Lärm tun sich schwerhörige Menschen schwer, sich auf Gesprächspartner zu konzentrieren und Umgebungsgeräusche auszublenden.

Kein Lippenlesen, gedämpfte Töne: Die Maskenpflicht erschwert Menschen mit Hörbeeinträchtigung die Kommunikation.

Bild: Anna Mayr

Laut einer Studie, die das italienische Forschungsinstitut Censis 2019 durchgeführt hat, leiden allein in Italien 7,3 Millionen Menschen, also rund 12 Prozent der Bevölkerung, an Hörproblemen. Die Schwerhörigkeit nimmt vor allem bei den über 80-Jährigen zu, aber auch 40- bis 60-Jährige leiden immer häufiger darunter. Die Südtiroler Landesverwaltung berichtet, dass die Zahl der Hörgeschädigten auch in Südtirol steigt. Hierzulande gelten rund 300 Menschen als gehörlos, hinzu kommen fast 500 Minderjährige mit vermindertem bis keinem Hörvermögen. Um sich in der Ausbildung und im Beruf behaupten zu können, sind hörgeschädigte Menschen in Südtirol angesichts der drei Amtssprachen doppelt gefordert. Das Amt für Weiterbildung fördert darum seit jeher Kurse der integrierten Volkshochschule, Gebärdensprachkurse und eigene Sprachkurse für Teilnehmer*innen mit Hörbeeinträchtigung. Dabei ist es besonders wichtig die Problematik frühzeitig zu erkennen und untersuchen zu lassen, um zu verhindern, dass die Probleme schwerwiegender werden.

Der Elternverband hörgeschädigter Kinder Südtirol (E.h.K.) setzt sich bereits seit Beginn der Pandemie vermehrt für gehörlose und schwerhörige Kinder ein. Es wurde eine Initiative ins Leben gerufen, um die ideale Mundschutzmaske für den Gebrauch im Unterricht zu finden. Dabei wurden verschiedene Modelle getestet, die meisten erwiesen sich aber als ungeeignet. Alternativ ließ man im ersten Lockdown die Gesichtsvisiere in den Schulen zu. Im zweiten Lockdown waren diese aber nicht mehr erlaubt. Karin Waldboth vom Verband erklärt, dass es mittlerweile zwar zertifizierte transparente Modelle gäbe, jedoch sei das Lippenlesen auch bei diesen nur eingeschränkt möglich. In einem eigens erstellten You-Tube-Video demonstriert der Elternverband verschiedene Masken und definiert mögliche didaktische Maßnahmen.

Nicht allein Menschen mit Hörschädigung kämpfen aufgrund der Masken mit Kommunikationsproblemen, auch vollständig Hörfähige fühlen sich durch die Mundbedeckung eingeschränkt. Das liegt daran, dass das Gehirn Wörter durch den Mundschutz teilweise nicht mehr klar erkennen und zuordnen kann. Als Folge davon werden Gespräche als anstrengender wahrgenommen und unbewusst immer häufiger vermieden. Hat man sich vor der Pandemie noch gerne mit jemanden auf der Straße unterhalten, tendieren viele jetzt dazu, das Gespräch rascher zu beenden. Es liegt daher nahe, dass die Maske längst nicht mehr nur als Schutz gegen das Corona-Virus dient, sondern die Menschen in gewisser Weise auch zusätzlich voneinander trennt.

„Ich schäme mich, wenn ich meinen Gesprächspartner öfters bitten muss, einen Satz zu wiederholen“

Das Gefühl der Abschottung kennen Hörgeschädigte nur zu gut. Allein das Zuhören kostet sie sehr viel Konzentration. Besonders wenn Geräusche aus verschiedenen Richtungen kommen oder Hintergrundlärm herrscht, müssen sich Betroffene sehr viel mehr anstrengen. Man spricht dabei von der sogenannten „Höranstrengung“, die zu Müdigkeit, Erschöpfung und Kopfschmerzen führt. „Ich schäme mich, wenn ich meinen Gesprächspartner öfters bitten muss, einen Satz zu wiederholen“, sagt Simon. Deshalb gibt er oft Antworten, ohne das Gesagte überhaupt richtig verstanden zu haben. Schon in seiner Schulzeit wusste er teilweise nicht, was er tun sollte, einfach weil er bestimmte Arbeitsaufträge missverstanden hatte und nicht schon wieder nachfragen wollte. Die Maskenpflicht verschlimmert dieses Problem erheblich. Betroffene halten sich häufig lieber aus dem Gespräch raus. Das geht so lange gut, bis, wie in Simons Fall, auch das Berufsleben davon betroffen ist und es schlichtweg notwendig wird, Gespräche genau zu erfassen. Das gilt besonders für die Arbeit mit Kindern. Auch für die Schüler*innen ist es anstrengend, die Maske ständig zu tragen und es kann nicht erwartet werden, dass Kinder auf Lehrer mit Hörschwierigkeiten Rücksicht nehmen. Um dieses Problem in den Griff zu kriegen, müssten die Lehrer*innen ihre Klasse durchgehend ruhig halten, was nicht immer möglich ist. Ein solcher Arbeitstag ist für hörbeeinträchtigte Menschen sehr viel anstrengender und hat auch Auswirkungen auf ihre psychische Gesundheit.

Wirklich alternativlos? : Politik und Wissenschaft fragen sich zur Zeit, wann und wo Masken wirklich unabdingbar sind.

Bild: Anna Mayr

Betroffene fragen sich ständig, ob das Thema Gesichtsmasken unter bestimmten Umständen auch anders gehandhabt werden könnte. Wann und wo die Masken für alle Menschen tatsächlich alternativlos sind, damit beschäftigt sich derzeit auch die Politik und manche Wissenschaftler*innen. Inwiefern in der Debatte aber auf Hörgeschädigte Rücksicht genommen wird, bleibt ungewiss.

Eine weitere, wenn auch weitaus weniger beachtete, Begleiterscheinung der Maskenpflicht betrifft nicht nur Hörgeschädigte, sondern alle: Im Gespräch und unter den Masken wird kaum mehr gelächelt oder gar gelacht. Die Situation ist ernst, das Virus ansteckend, doch gerade in schwierigen Zeiten ist Humor besonders wichtig. Vor allem für diejenigen, die sich mit dem Virus infiziert haben, die mit Symptomen der Infektion – abgeriegelt von der Außenwelt – klarkommen müssen, kann Humor eine Bewältigungsstrategie sein. In bedrohlichen Situationen schafft Humor Distanz zur Realität. Auch für Menschen, die unter Ängsten und Sorgen leiden oder oft allein sind, ist Lachen sehr wichtig. Durch Lachen wird Anspannung reduziert und mehr Sauerstoff gelangt ins Gehirn. Schon ein kleines Lächeln setzt enorm viele Endorphine frei und steigert die Stimmung sofort. Das passiert auch, wenn anderen beim Lachen zugeschaut wird. Das Lachen und mit ihm seine positiven Eigenschaften sind ansteckend. Unter der Maske ist dieses Lächeln jedoch nicht mehr nötig, fast schon überflüssig, es wird nicht bemerkt.

Wann und wo die Masken für alle Menschen tatsächlich alternativlos sind, damit beschäftigt sich derzeit die Politik und manche Wissenschaftler*innen.

Auf noch eine besonders weitreichende Auswirkung der Maskenpflicht weist Karin Waldboth vom Elternverband hörgeschädigter Kinder hin: „Sogar bei Interviews in den Nachrichten bleiben die Masken immer öfter oben.“ Besonders in den Interviews von RAI Südtirol werde, im Gegensatz zu einigen anderen TV Sendern, die Maske nicht abgenommen. Weil es auch keine Untertitel gibt, stellt dies hörgeschädigte Menschen vor große Probleme. Sie werden so von wichtigen Informationen ausgeschlossen. Der Verband hat bereits mit dem Sender Kontakt aufgenommen, um nach einer Lösung zu suchen.

Der Schutz vor dem Virus und der Weg zurück zur „Normalität“ steht jetzt an erster Stelle. Ob die Maskenpflicht immer und überall dafür vollkommen unumgänglich ist, bleibt aber fraglich. Gerade weil nach über einem Jahr Pandemie die verursachten Probleme und Folgeschäden für einige Menschen immer deutlicher werden. Momentan gibt es außer dem Gesichtsvisier, das ohnehin kaum getragen werden darf, keine Alternative, die den Alltag von Hörbeeinträchtigten und Schwerhörigen erleichtern würde. Die Möglichkeit des Lippenlesens bleibt essentiell.

Lehramtspraktikant Simon hofft auf eine baldige Lockerung der Regeln: „Es wäre schön, wenn auch Menschen mit Hörproblemen in dieser schwierigen Zeit die verdiente Aufmerksamkeit bekämen“, sagt er. Ein erstes kleines Zeichen hat die Jugendleiterin des Elternverbandes hörgeschädigter Kinder gesetzt: Unter dem Motto „Schwerhörigkeit sieht man nicht“ wurde ein Button entworfen, den Betroffene am Mundschutz befestigen können, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen.

 

Autorin: Dana Dorigatti

 

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