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Sprachprojekt an Oberschulen

Luther auf Italienisch

An CLIL, dem Sachfachunterricht in der Zweit- und Fremdsprache, scheiden sich die Geister. Was Schüler, Lehrer und die Politik darüber denken.

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Hannes Zuech, Aaron Geiser Ben Ali und Thomas Egger

Bild: Lisa Maria Kager

Hätten Hannes Zuech, Aaron Geiser Ben Ali und Thomas Egger diese Stunde in ihrer Klasse verbracht, hätten sie ihren Rechtskundelehrer nach dem Klingeln der Schulglocke mit einem lautem buongiorno begrüßt. Stattdessen sitzen sie aber im Büro der Direktorin der Wirtschaftsfachoberschule in der Guntschnastraße in Bozen. Die Direktorin Barbara Pobitzer hat die drei Schüler zum Interview hinzugeholt. Die Maturanten sind drei der vielen „Pilotschüler“, die von der CLIL-Methode profitieren sollen. Sie werden in einigen ihrer Sachfächer in italienischer Sprache unterrichtet und finden das gut: „Das ist die einzige Methode, wie beide Sprachen Freunde miteinander werden können. Hochdeutsch und Italienisch werden außerhalb der Schule einfach viel zu selten gesprochen“, erklärt Hannes Zuech, strengt sich dabei an, selbst Hochdeutsch zu sprechen und schwenkt dann doch lieber in den Südtiroler Dialekt um. Die beiden Jungs neben ihm müssen lachen.

Schullandesrat Philipp Achammer ist dem jungen Maturanten in dieser Hinsicht ziemlich ähnlich. Auch er wechselt im Laufe des Interviews von der Hochsprache zum Dialekt. „CLIL ist kein Allheilmittel, aber eine Möglichkeit!“, sagt er. CLIL ist derzeit in aller Munde. Die „Content and Language Integrated Learning“ Methode beinhaltet die Vermittlung von Sachinhalten von Nichtsprachenfächern in einer Fremd- oder in der zweiten Landessprache und soll Südtiroler Schülerinnen und Schülern dazu verhelfen, diese besser zu lernen. Bisher hat das nämlich noch nicht so gut geklappt. Das B2-Niveau nach europäischem Referenzrahmen sollte nach Abschluss der Oberschule jeder Südtiroler Oberschüler in der Zweitsprache erreicht haben. Dieses beinhaltet unter anderem, dass die Sprachenlernenden Hauptinhalte komplexer Texte verstehen, sich spontan und fließend verständigen und sich mit Muttersprachlern ohne größere Anstrengung unterhalten können. Laut KOLIPSI-Studie der Eurac, die 2009 die Zweitsprachkompetenzen der Südtiroler Oberschüler untersucht hat, erreicht jedoch nur rund die Hälfte der Schüler mit der Zweitsprache Italienisch und etwas weniger als ein Viertel der Schüler mit der Zweitsprache Deutsch dieses B2-Niveau. „Schuld an diesem Dilemma ist eindeutig der fehlende Sprachkontakt“, meint Georg Stoumbos, didaktischer Leiter der Sprachschule alpha beta picadilly in Meran. 

Ergebnisse der CLIL-Studie

Mit neuen Sprachprojekten wie etwa CLIL will die Politik diesem Manko entgegenwirken. Deshalb wird seit dem Schuljahr 2013/14 in einigen vierten und fünften Klassen von Südtirols Oberschulen der bilinguale Sachfachunterricht angeboten. Bisher nur als Pilotprojekt in Zusammenarbeit mit der Uni Rom – Vorreiter in Sachen CLIL-Forschung. Jetzt kann CLIL bereits ab der zweiten Oberschule angewandt werden. Entscheidend dabei: Jede Schule kann selbst festlegen, ob nach CLIL unterrichtet wird – maximal jedoch im Ausmaß von bis zu 50 Prozent. „Die Ergebnisse sind positiv und genau deshalb haben wir auch beschlossen, das Projekt weiterzuführen“, meint Achammer. An den Ergebnissen der Studie, die Achammer anspricht und die jetzt vorgestellt wurden, scheiden sich allerdings die Geister. Achammer verweist darauf, dass der Unterrichtsansatz von Eltern, Schülern und Lehrern positiv aufgenommen wurde. Er hätte auch dazu beigetragen, die Angst zu kommunizieren zu überwinden und die emotionalen Hemmungen im sprachlichen Austausch abzubauen. Die Freiheitlichen und der Schützenbund stellen die Studie hingegen in Frage. Letztere betonen, dass sich laut Studie das Sprachniveau der Schüler in Italienisch sogar verschlechtert hätte. Außerdem zwänge man den CLIL-Unterricht den Schülern auf. 

Philipp Achammer bei der Vorstellung der Ergebnisse der CLIL-Studie 

Bild: LPA/Arno Dejaco
Pius Leitner von den Freiheitlichen hält deshalb wenig vom Beschluss, das Projekt weiterzuführen. Die Stimme des ehemaligen Mittelschullehrers erhebt sich etwas, wenn man ihn auf die CLIL-Methode anspricht: „Keiner wird mir sagen, dass Tiroler Geschichte auf italienisch unterrichtet werden soll!“ Außerdem wird laut Leitner Art. 19 des Autonomiestatuts außer Kraft gesetzt, das allen Südtiroler Schülern das Recht auf muttersprachlichen Unterricht zusichert. „Das stimmt so nicht“, kontert Achammer. „Die Regelung, dass ein Fach nie mehr als 50 Prozent in der Fremd- bzw. Zweitsprache unterrichtet werden darf, sichert jedem Südtiroler Schüler das Recht auf Unterricht in seiner Muttersprache“, erklärt er die theoretischen CLIL-Spielregeln.

„Wir haben eine 800-jährige Geschichte des Habsburgerreiches. Mir ist einfach wichtig, dass meine Schüler diese in deutscher Sprache wiedergeben können.“ Eva Gratl

Eine Lehrerin, die bereits nach diesen Regeln spielt, ist Eva Gratl. Sie unterrichtet an der WFO in Bozen Deutsch und Geschichte – auch im CLIL-Format. Der 50-Prozent-Regelung steht sie eher kritisch gegenüber – und das obwohl sie selbst ausgebildete CLIL-Lehrerin ist. 150 Stunden umfasst die Ausbildung derzeit in Südtirol. Gratl betont im Gespräch zwar immer wieder die vielen Facetten und Vorteile dieser Methode, doch sollten die 50 Prozent im Unterricht voll ausgeschöpft werden, kann das in ihren Augen gefährlich werden. „Wir haben eine 800-jährige Geschichte des Habsburgerreiches. Mir ist einfach wichtig, dass meine Schüler diese in deutscher Sprache wiedergeben können“, meint sie. Zu viele Themen würden verloren gehen, würde man ein ganzes Semester lang Unterricht in der Zweitsprache halten. Luther in italienischer Sprache zu unterrichten, scheint für sie gar unvorstellbar.

WFO-Direktorin Barbara Pobitzer und CLIL-Lehrerin Eva Gratl

Bild: Lisa Maria Kager
Gratl streicht sich ihr pechschwarzes Haar aus dem Gesicht und wirft ihrer Direktorin einen auf Antwort wartenden Blick zu. „Darum werden an unserer Schule einzelne Module ausgewählt, die im Laufe des Semesters bereits in deutscher Sprache unterrichtet wurden und sich dazu eignen, erneut in der Zweitsprache herangezogen zu werden. Zwei bis drei Wochen im Jahr werden diese Themen dann von italienischsprachigen Lehrpersonen aus der Nachbarschule ITE Battisti hier in unseren Klassen durchgenommen – ganz ohne Druck“, erklärt die Direktorin Barbara Pobitzer und ist überzeugt, dass ihre Schüler damit Sprachhürden überwinden können. Sie wirft einen Blick auf den bunten Stundenplan und streift mit dem Zeigefinger einmal prüfend über das Blatt. „Ob risorgimento, rinascimento oder den percorso fascista attraverso Bolzano, es gibt viele Punkte auf dem Jahresprogramm, die mit der italienischen Sprache zu einem runden Unterricht werden können“, sagt sie und ist sich da mit Lehrerin Gratl einig. Die CLIL-Methode wird an anderen Südtiroler Oberschulen durchaus auch anders angewandt: So ist es häufig der Fachlehrer, der zum Beispiel Biologie auf Italienisch unterrichtet.


„Mehrsprachigkeit ist der Normalzustand des Menschen“

Im Büro der Direktorin der WFO Bozen ist man sich größtenteils einig, dass CLIL der Gestaltung der Stundenpläne gut getan hat. „Für mich ist CLIL die einzige Möglichkeit, an Fachbegriffe in der Zweitsprache zu kommen. Mit italienischen Freunden würde ich mich beispielsweise nie über italienische Buchungssätze unterhalten“, meint Thomas Egger. Sein Mitschüler Aaron Geiser Ben Ali hat sich zum Thema CLIL seine eigenen Gedanken gemacht. Er stammt aus einer Familie mit Migrationshintergrund, beherrscht mehrere Sprachen und ist froh, in einem mehrsprachigen Land aufzuwachsen. Dennoch hätte er das System etwas anders umgesetzt. Ginge es nach ihm, würde es von der ersten Oberschule an nur noch gemischtsprachige Klassen geben. „So könnten sich die Schüler gegenseitig helfen, Kontakte könnten geknüpft werden und außerdem würde man sich am Ende der fünf Jahre sicherlich leichter tun mit der Zweitsprache“, meint er.

Solchen Vorschlägen steht Eva Gratl skeptisch gegenüber. „In den beiden ersten Klassen muss zuallererst die Muttersprache verankert werden. Dass Schüler diese mit 15 Jahren schon beherrschen, entspricht nicht der Realität in Südtirol“, spricht sie aus Erfahrung über dieselbe Angst, die auch Pius Leitner öfters äußert. Achammers Devise hingegen lautet: Je früher, desto besser. „Im 15. Lebensjahr ist unser Deutsch bereits gefestigt und wir sollten uns im Bereich der Oberschule auch etwas trauen können“, sagt er. Außerdem habe die Evaluation des Projekts gezeigt, dass die Sprachkenntnisse in der Muttersprache durch CLIL absolut nicht abgenommen haben. Die an manchen Stellen geäußerten Sorgen seien Achammer zufolge also nicht berechtigt.

„Im Prinzip hat man früher gedacht, dass Mehrsprachigkeit eine Gefahr für die Muttersprache sei. Das ist so sicher falsch“, erklärt der Sprachenexperte.” Georg Stoumbos

Georg Stoumbos kann Achammer da nur zustimmen. Die Mehrsprachigkeit beeinflusse die Muttersprache in keiner Weise. „Im Prinzip hat man früher gedacht, dass Mehrsprachigkeit eine Gefahr für die Muttersprache sei. Das ist so sicher falsch“, erklärt der Sprachenexperte. Dieses ideologische Konzept habe nur mit unserer Tradition und dem dazugehörigen nationalstaatlichen Denken zu tun. Mehrsprachigkeit wurde dadurch abgewertet und Einsprachigkeit favorisiert. Dabei sei Mehrsprachigkeit eigentlich der Normalzustand des Menschen. Eine Gefahr für den Erhalt der Muttersprache sieht Stoumbos nur, wenn der Kontakt zu dieser abbricht. Das würde aber durch gemischtsprachige Klassen nicht passieren. Familie, Umfeld und Schule würden nach wie vor überwiegend in ein und derselben Sprache funktionieren. Diese drei Faktoren machten die Präsenz einer Muttersprache aus, so der Sprachexperte.

Ein Plan für die Zukunft

Pius Leitner hat einen ganz persönlichen Vorschlag zur Anpassung des Zweitsprachenunterrichts. Dieser sollte wie ein Reiseführer aufgebaut sein. „Am Anfang sollte man banale Dinge des Alltags lernen, die man dann nach und nach steigert“, meint er. „Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, fällt mir ein, dass ich den Cinque Maggio von Manzoni auswendig konnte, verstanden habe ich jedoch nichts“, erzählt Leitner.

Dem Wunsch des Landtagsabgeordneten kommen die Gesetze nahezu entgegen. Die Rahmenrichtlinien für den Unterricht in der Zweitsprache wurden nämlich bereits abgeändert. „Die Vermittlung von Sprache durch Literatur ist nur ein Vehikel. Mittlerweile wird der Schwerpunkt bereits auf die Konversation gelegt. Man bereitet sowohl die Lehrpersonen als auch das Unterrichtsmaterial darauf vor und dann schauen wir weiter“, sieht Achammer optimistisch in die Zukunft. Die einzigen, die im gesamten System nicht auf die Neuerungen vorbereitet werden, sind wieder einmal die Schüler selbst. 

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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