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Olympische Spiele

Live aus Sochi

Ein Blick hinter die olympischen Kulissen: BARFUSS hat den RAI-Journalisten Markus Kaserer begleitet.

Was wurde nicht alles geschimpft und gezetert vor den Spielen. Putins Spiele, Korruption allerorts, Zerstörung der Natur, Vertreibung von Einheimischen. Die islamistischen Todesschwadronen stünden schon vor der Tür, es wurden gar Parallelen zu Hitlers Spielen 1936 gezogen, als das Regime nach außen den guten Gastgeber gab, während im Inneren schon der Krieg geplant wurde.

„Live aus Sochi" 

Die Realität ist vor allem anstrengend. Die Fülle an Veranstaltungen, die man besuchen sollte, Verständigungsprobleme mit den Einheimischen und die Konkurrenz unter den Journalisten prägen den Alltag. Markus Kaserer, RAI-Journalist aus Bozen, ist dauernd zwischen Küste und dem „mountain cluster“ unterwegs. „Abseits des olympischen Mainstreams bin ich kaum“, sagt er. Seine Kollegen Jimmy Nussbaumer und Georg Jocher fuhren Anfang der Woche zum ersten Mal nach Sochi, aus dem sie ja – so sagt man uns im TV – eigentlich berichten. Doch Sochi, der russische Ferienort schlechthin, liegt 30 Kilometer von Adler und seinem Olympiapark entfernt. Dort gibt es Olympia nur beim Public Viewing. Dafür Rimini-Feeling hoch drei.

Der Kontakt zu den Einheimischen ist gering bis nicht vorhanden, nicht zuletzt, weil die wenigsten Englisch sprechen. Seit einigen Tagen begleitet Vlad als Dolmetscher die Bozner RAI-Reporter, was den Südtirolern vieles einfacher macht und zu allerhand kuriosen Szenen führt. Wie wenn Vlad zum Eishockeymatch USA-Russland will, die Reporter aber den Biergarten vorziehen. Und dann noch nicht mal ein russisches Bier trinken! Oder wenn Vlad die malerische Bergwelt des Kaukasus rühmt, und man dann an Wäldern vorbeifährt, in die Schneisen breit wie Autobahnen für Skilifte geschlagen oder ganze Hänge abgetragen wurden, um die bestmögliche Erreichbarkeit zu gewähren. Über Sexten würde Putin nur lachen.

Der Sport im Vordergrund

Neben dem wenig sensiblen Umgang der Russen mit ihrer Umwelt haben vor allem die politischen Zustände im Land, der autoritäre Stil des Präsidenten, das Vorgehen gegen Opposition und Homosexuelle und der Konflikt um die Ukraine die Berichterstattung vor den Spielen geprägt. Seit Beginn der Spiele steht der Sport im Vordergrund, auch weil die Sportler es vorziehen zu schweigen. „Es gibt wenige Sportler, die zu Menschenrechten und Umweltsünden Stellung nehmen“, sagt Kaserer. Es gebe einen Platz, wo öffentliche Proteste möglich sind, dort tauchten allerdings nur Journalisten auf.
Die haben ohnehin kaum Zeit, auch abseits des Sports zu recherchieren. Ein typischer Sportreportertag dauert im schlimmsten Fall mehr als 20 (!) Stunden, wie am vergangenen Sonntag, als Zöggeler und Innerhofer am selben Tag eine Medaille gewannen. „Auf Innerhofer haben wir zwei Stunden im Zielraum gewartet“, sagt Kaserer. Denn zuerst sind die TV-Stationen an der Reihe, die live übertragen, dann jene, die die Rechte gekauft haben, dann die übrigen TV-und Radiostationen, ganz am Ende die Presse. Der erste Radiobericht am folgenden Tag läuft dann auch schon um 6 Uhr früh über den Äther.

Das Löcher-in-den-Bauch-Fragen

Untergebracht ist Kaserer in Adler in der Nähe des Olympiaparks, in einer Hotelanlage mit 2.880 Zimmern und 5.000 Betten. Ins olympische Dorf selbst dürfen die Reporter nicht. Mit einer speziellen Genehmigung darf man hinein, dort aber auch nur auf die Plaza mit den Geschäften und Bars. Die Wohnbereiche sind Tabu. „So haben die Athleten endlich mal Ruhe vor uns Journalisten“, mein Kaserer und grinst.
Zumindest, wenn sie nicht allzu bekannt sind. „Lustig fand ich, wie italienische Journalisten dem Armin Zöggeler Löcher in den Bauch gefragt haben“, erzählt Kaserer. „Was er frühstückt, was er mittags isst, wie er es schafft, auf Alkohol und Süßigkeiten zu verzichten, ob er sich nicht doch zwischendurch ein Glas Wein gönnt und ob er sogar beim Sex enthaltsam ist.“ 

Bei all der (oft genug westlich-hochnäsigen) Kritik an Sochi wird auch das Wetter nicht verschont. Viel zu warm sei es, und was hätten Palmen und Skifahren gemeinsam. Markus Kaserer sieht’s locker: „Palmen und Schnee passen gar nicht so schlecht zusammen. Wir laufen bei Sonnenschein mit T-Shirt durch die Gegend und der Blick vom Meer auf die schneebedeckten kaukasischen Berge ist traumhaft.“ Na, dann wünschen wir noch einige angenehme Tage in Sochi!

Matthias Mayr

überzeugter Heimkehrer, solange man ihm seinen Reisepass nicht abnimmt. Salurner, Maschggramensch, mag es barfuß, warm und sonnig.
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