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Unterwegs im dunklen Netz

Koks, Knarren und Revolten

Das Deep Web ist der versteckte Teil des Internets, den keine Suchmaschine findet. BARFUSS ist zu Auftragsmördern und Drogenhändlern in den Moloch gestiegen.

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Bild: Mark Ramsay

Mein erster Ausflug ins Deep Web gestaltete sich wie ein Trip in eine fremde Welt. Aufregend und erschreckend zugleich. An jeder Ecke lauerten irgendwelche unheimliche Gestalten. Ich war mir nie sicher, ob ich noch einen Schritt wagen, oder doch lieber umkehren sollte.

Ich habe während meiner Recherche nur an den Oberflächen des „tiefen“ Internets gekratzt. Trotzdem bin ich auf verschiedene Seiten gestoßen, auf denen mir Waffen, Drogen oder gefälschte Ausweise angeboten wurden. Aber der Reihe nach.

Das Deep Web ist ein virtueller Raum für all jene, die anonym bleiben wollen, und dessen Seiten auch nicht gegoogelt werden können. Darin tummeln sich Pädophile, Drogendealer oder Waffenhändler, aber auch Datenschützer, Aktivisten und Dissidenten. Drogenfahnder verteufeln diese dunkle Seite des Webs, weil sie für kriminelle Machenschaften missbraucht wird. Syrische Oppositionelle oder Aktivisten des arabischen Frühlings verherrlichen sie, weil sie ihnen ermöglichte, Informationen am Geheimdienst vorbei aus dem Land zu schaffen und so der ganzen Welt zugänglich zu machen.

Stefan Urbach, Internetaktivist und Blauirokese, war maßgeblich am Ausbau des Deep Web Netzes in den Revolutionsländern beteiligt. Vor meinem Ausflug ins Darknet erklärt mir Urbach über Skype, wie er das Deep Web mit seinem Team genutzt hat, um Informationen aus Ländern wie Syrien oder Libyen zu bekommen. Er besteht dabei immer wieder darauf, das Deep Web nicht als rechtsfreien Raum zu sehen, sondern als Spiegel der Gesellschaft. „Dieser Logik nach ist mein Wohnzimmer auch ein rechtsfreier Raum“, erläutert er mir.

Du kommst hier nicht rein

Um hineinzukommen ins Deep Web, benötige ich eine spezielle Verschlüsselungssoftware. Der Zugang erfolgt über eigene Browser, die es im „normalen” Internet als Download gibt. Es gibt mittlerweile mehrere Anbieter auf dem Markt. Ich entscheide mich für den TOR-Browser. Der Webseite zufolge ermöglicht mir TOR eine absolut anonyme und verschlüsselte Navigation im Deep Web. Mittlerweile wurde aber bekannt, dass die NSA jeden TOR-Nutzer überwacht und als Extremisten einstuft. Bin ich jetzt also ein Extremist? Laut einschlägigen Medienberichten stelle der Geheimdienst jeden, der seine Privatsphäre, aus welchen Gründen auch immer, schützen wolle, unter Generalverdacht. Auch bei investigativen Journalisten sei das so.

Der Browser ist installiert. Das Programm fragt mich sofort, ob meine Internetverbindung zensiert sei. In Ländern wie der Türkei oder Syrien, in denen das Internet starker Zensur untersteht, bietet TOR eine freie Navigation – auch im Surface-Web, dem sichtbaren Internet, das der einfache Nutzer kennt.

Kryptische Zeichenfolge

Um im Deep Web zwischen Seiten zu navigieren, braucht es eine etwas andere Internetadresse. Die Web-Adressen des Darknets lauten nicht www.beispiel.com sondern etwa http://kpvz7ki2v5agwt35.onion/wiki/index.php/. Diese Links können einem zugeschickt werden, man wird also quasi eingeladen, oder man recherchiert auf Google. Ich mache letzteres.
Nach kurzer Suche stoße ich auf die Adresse des „Hidden Wiki“, eine Art Verzeichnis für verschiedene Darknet-Seiten. Auf der Startseite wird mir sofort eine Liste verschiedener Links präsentiert. Ich kann aus Kategorien wie „Drugs“, „Commercial Services“ oder „Political Advocacy“ auswählen.

Unter anderem findet man dort auch die berühmte „Silk Road 2.0“, ein großes Handelsportal, das sich auf illegale Substanzen spezialisiert hat. Die Vorgängerversion 1.0 wurde Anfang 2013 vom amerikanischen Geheimdienst CIA abgeschaltet. Ross William Ulbricht, der Betreiber der Seite, wurde dabei enttarnt und festgenommen. Mit seinem virtuellen Marktplatz war er innerhalb von zwei Jahren zum größten Drogenhändler der Welt aufgestiegen. Neben dem Handel mit Drogen wurden ihm unter anderem Geldwäsche, Hacking und versuchter Mord vorgeworfen. Der Gewinn seiner Seite wird auf 80 Millionen Dollar geschätzt.

„Technologie ist niemals gut oder böse“

Auf Seiten wie „Rent a Hacker“ bieten erfahrene Hacker ihre Dienste an. Gegen Geld seien sie fähig, Personen privat wie geschäftlich zu zerstören, werben sie für ihre Fähigkeiten. Auf der nächsten Seite werden mir Waffen angeboten, darunter ein halbautomatisches Maschinengewehr, das tschechische Spezialeinheiten im Afghanistankrieg benutzt haben sollen. Im Deep Web ist es für fast 1.800 Dollar erhältlich. Ich könnte es mir kaufen, wenn ich genug Bitcoins hätte, die elektronische Währung, mit der im Hidden Web Geschäfte gemacht werden.

Drogen, Waffen oder gefälschte Führerscheine werden dem Besucher im Deep Web angeboten, das sich scheinbar jeder Kontrolle von außen entzieht und so zur Schmuddelecke des Internets verkommt. Als Kommunikationsplattform für Rebellen der Nordafrikanischen Demokratiebewegung hatte die fehlende Kontrolle aber auch seine guten Seiten. „Technologie ist niemals ‚gut’ oder ‚böse’, sie ist neutral. Es hängt von der Absicht des Menschen ab, was man mit ihr macht,“ erklärt Ivo Plotegher, Oberinspektor der Staatspolizei und Dienststellenleiter der Postpolizei in Bozen.
Ein etwas mulmiges Gefühl bleibt trotzdem, als ich den TOR-Browser wieder schließe und Drogenhändler und Auftragsmörder hinter mir lasse.

Thomas Tribus

Als Studierender schreibt, filmt und fotografiert er für mehrere Redaktionen dies- und jenseits der Alpen. Liebt gutes Essen und gute Musik.
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