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Interview mit POW-Gründerinnen

Klimaschutz als Marke

Die Initiative „Protect Our Winters“ (POW) will ausgerechnet die Branche nachhaltiger gestalten, die am meisten unter dem Klimawandel leidet: den Wintertourismus.

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Bild: Alexandra Luniel/unsplash

Der US-Amerikaner Jeremy Jones ist nicht nur ein bekannter Freeriding-Snowboarder, sondern auch ein ambitionierter Umweltschützer. Nachdem wegen des Schneemangels immer mehr Sportler*innen die Pisten verlassen und einige Skigebiete sogar schließen mussten, gründete er 2007 die Umweltschutzorganisation „POW – Protect Our Winters“. Mit dieser Idee traf er den Geist der Zeit. In den kommenden 13 Jahren schlossen sich nicht nur US-Bundesstaaten, sondern auch acht europäische Länder Jeremy Jones‘ Organisation an. Das neunte Land, Italien, ist seit Januar 2020 Mitglied. Die Südtirolerinnen Carmen Geyr und Linda Schwarz bilden den Vorsitz von POW Italia und sprechen sich nicht nur für Nachhaltigkeit im Wintersport aus, sondern unterstützen auch die europaweite Kampagne „Lead the way“, wonach die Emissionen bis 2030 um 65% anstatt nur um 55% reduziert werden sollen.

Was genau ist POW und wofür steht ihr?
Carmen Geyr: POW ist eine weltweite Umweltschutzorganisation. Ihr Ziel ist es, im Outdoor-Sportbereich etwas gegen die Klimaerwärmung zu leisten. Dabei geht es nicht nur darum, Individuen einzubinden, sondern auch Marken und Veranstalter mit ins Boot zu holen. „POW Europe“ koordiniert die neun europäischen Länder, die an der Initiative teilnehmen. So kann eine gemeinsame Strategie entworfen werden, unter anderem mit dem Vorteil, dass wir auf politischer Ebene mehr erreichen können.

Niemand wird als Nachhaltigkeitsprofi geboren: Linda Schwarz.

Bild: Daniel Eggert
Welche Ziele – neben dem Erhalt der Skigebiete – strebt POW an?
Carmen Geyr: Das konkrete Ziel ist immer die Reduktion von CO2-Emissionen. Da geht es um folgende konkrete Fragen: Wie kommen die Leute in die Skigebiete? Mit welchen Energiequellen arbeiten die Skigebiete? Wie wird dort der Schnee produziert? Welchen Stellenwert hat Nachhaltigkeit in der Gastronomie? Der gesamte Prozess soll so nachhaltig und langlebig wie möglich gestaltet werden.

 

Beziehen sich die Ziele somit nur auf den Winter und den damit verbundenen Wintersport?
Carmen Geyr: Nein. POW steht namentlich zwar für den Winter, allerdings deshalb, weil die klimatischen Auswirkungen im Winter am Besten sichtbar sind. Aber im Grunde ist es ein Thema, das alle betrifft, nicht nur die Wintersportler*innen.

Besitzer*innen des POW-Passes erhalten bei Anreise mit den öffentlichen Verkehrsmitteln Rabatte.

Welche Projekte der POW- Mitgliedstaaten werden derzeit durchgeführt?
Linda Schwarz: Es gibt den „POW-Pass“, der allen aktiven und passiven Mitgliedern Vorteile bringen soll. Besitzer*innen eines solchen Passes erhalten beispielsweise bestimmte Rabatte, wenn sie mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ins Skigebiet anreisen. Der POW-Pass soll auch überregional Gültigkeit haben. Wir streben in Südtirol einige Kooperationen in der Gastronomie und im Bereich Mobilität, beispielsweise mit den Öffis oder mit Car Sharing, an. Außerdem wurde von POW Europe die Unterschriftenkampagne „Lead the way“ ins Leben gerufen. Die Kampagne ist ein Aufruf an die europäischen Gesetzgeber*innen, die Klimaziele zu verschärfen und die Emissionen bis 2030 um 65%, anstatt um 55%, zu reduzieren. Damit soll der globale Temperaturanstieg bis 2030 unter 1,5°C gehalten werden. Da der Europarat sich am 10. und 11. Dezember versammelt, um über die Reduzierung der Emissionen zu entscheiden, kann die Kampagne noch bis dahin unterschrieben werden.

Ist selbst auch gerne draußen: Carmen Geyr.

Bild: Carmen Geyr
Welche Projekte konnte POW bereits umsetzen?
Linda Schwarz: Jeder Mitgliedsstaat kann eigenständig Projekte umsetzen. So sammelt beispielsweise eine US-Kampagne Geld, das am Black Friday ausgegeben worden wäre und setzt es ein, um den Klimaschutz voranzutreiben. In österreichischen Skigebieten erhalten Besitzer*innen des POW-Passes bei Anreise mit den öffentlichen Verkehrsmitteln einen 25%-Rabatt beim regionalen Skiverleih. Die Schweiz verwendet Pistenfahrzeuge mit Hybrid-Antrieb und POW Deutschland kooperiert mit der Bekleidungsfirma „GORE-TEX“.
Carmen Geyr: Konkret kooperiert POW Italia noch mit niemandem. Wegen Corona fielen einige Projekte auch ins Wasser. Linda und ich haben aber beispielsweise schon mit dem Parlamentarier Herbert Dorfmann geredet und uns mit Car Sharing-Anbietern in Verbindung gesetzt.

 

Wie kam das Projekt nach Südtirol?
Linda Schwarz: Wir waren beide an Projekten von POW Österreich mitbeteiligt, weil wir in Innsbruck studiert haben. Da wir nicht die einzigen Südtiroler*innen waren, haben wir uns zusammengeschlossen und ziemlich schnell gemerkt, dass unsere Bedürfnisse sich von denen Österreichs unterscheiden: Südtirol vereint mehrere Kulturen, die Gesetzeslage ist eine andere und auch die Mentalität ist nicht dieselbe. Von POW Europe kam jedoch der Vorschlag, dass wir bei einer Neugründung auch das restliche Italien in unsere Überlegungen miteinbeziehen. So gesehen ist Südtirol noch das Pilotprojekt, das wir schrittweise auf ganz Italien ausweiten wollen.

Wenn jemand uns seine Vorschläge präsentiert, können diese im Rahmen von POW umgesetzt werden.

Welche Strategie verfolgt ihr, Südtirol grüner zu machen?
Carmen Geyr: Ich glaube, dass sich Südtirol im Vergleich zu anderen Regionen Italiens in vielerlei Hinsicht schon intensiv mit nachhaltigen Alternativen auseinandersetzt. Man denke an den Bereich der grünen Mobilität oder der nachhaltigen Energiebeschaffung. Wir versuchen schon seit einem Jahr mögliche Kooperationen zu erarbeiten und stoßen allgemein auf viel Interesse. Teilweise arbeiten viele schon sehr nachhaltig, kommunizieren es der Öffentlichkeit aber nicht. Dies schafft jedoch wiederum kein Bewusstsein bei den Kund*innen, auf Nachhaltigkeit Wert zu legen.

Wie kann sich der oder die Einzelne aktiv bei POW beteiligen?
Linda Schwarz: Wir sind offen für Ideen. Wenn jemand sich an uns wendet und uns seine Vorschläge präsentiert, können diese im Rahmen von POW umgesetzt werden. Wir sehen uns auch als Plattform für diejenigen, die mit ihren Ideen und Projekten ansonsten allein dastünden.

Wie wird nun aber die große Masse zu Klimaschützer*innen gemacht?
Linda Schwarz: Indem POW nicht nur eine Organisation, sondern eine Marke wird und aus der Marke eine Lebenseinstellung. Wenn sich ein Mensch mit einer Marke identifiziert, wird er sich auch nach deren Leitsätzen verhalten. Es soll auf niemandem der Finger gezeigt werden. Wir wollen als gutes Beispiel vorangehen. Athleten und Athletinnen, mit denen sich die Leute identifizieren können, werden zu Testimonials, die sich für Umweltschutz stark machen.
Carmen Geyr: Ich finde auch, dass POW die Möglichkeit bietet, Gleichgesinnte zu finden. Niemand von uns ist perfekt oder lebt komplett klimaneutral, man kann aber immer ein Stück besser werden. POW ist also auch eine Plattform, sich selbst weiterzubilden und Neues auszuprobieren. Ein jede*r soll das Recht haben, im eigenen Tempo den eigenen Weg zu gehen.

 

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