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Klauber gesucht

Rund 14.000 Äpfelpflücker vor allem aus den ehemaligen Ostblockstaaten kommen jährlich nach Südtirol. Wir kennen sie aber kaum, die Menschen hinter den Zahlen.

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Bild: Elisabeth Tappeiner
Stolz postet Vili Fotos aus Südtirol auf seiner Facebook-Profilseite. „Gerne komme ich nach Südtirol, hier ist es sehr schön, die Leute sind nett“, sagt der ungarische Historiker. Vili ist aber nicht in Südtirol, um die schönen Berge im Urlaub zu genießen. Er ist hier, um Geld zu verdienen. Das macht er wie über 13.000 andere Menschen als Apfelpflücker in den Südtiroler Obstwiesen.
 
„Erfahrene Klauber suchen Arbeit." So und so ähnlich liest man in letzter Zeit in den verschiedenen Anzeigeblättern, in Schaufenstern und sogar auf Säulen in Apfelwiesen . Es ist wieder soweit. Die Apfelpflücker halten Einzug. Dann hört man in den Geschäften plötzlich ganz viele andere Sprachen, aber schon nach wenigen Wochen sind die Erntehelfer wieder weg. Meist ohne, dass wir mehr über sie erfahren haben. BARFUSS wollte es wissen: Wer sind diese Menschen? Wo kommen sie her? Was bewegt sie dazu, ein paar Wochen im Jahr nach Südtirol zu kommen?
 
Die Gesichter hinter den Zahlen
 
Die Arbeitsmarktnews vom Februar 2013 geben Auskunft: 40 Prozent der 13.854 gemeldeten Pflücker im Jahr 2012 kamen aus der Slowakei, 20 Prozent aus Polen, elf Prozent aus Tschechien und zehn Prozent aus Rumänien. Die Anzahl der Arbeiter aus den verschiedenen Ländern ändert sich allerdings kontinuierlich. So steigt zum Beispiel der Anteil der Rumänen, während der Anteil der Arbeiter aus den anderen Ländern deutlich sinkt. Der Trend verschiebt sich also immer weiter Richtung Osten. Dies hat mit dem Anschluss an die EU zu tun. Polen etwa ist mittlerweile selbst eines der größten Apfelproduzenten der EU und so bleiben viele Arbeiter vor Ort.
 
Allerdings ist der EU-Beitritt nicht überall glatt verlaufen. Ferenc, wie Vili aus Ungarn, ist dieses Jahr auch hier in Südtirol. Seit mehreren Jahren kommt er zum Apfelpflücken her, um sein Budget etwas aufzustocken. Der offene Mann erzählt mir, dass in seiner Heimat die Lebenshaltungskosten stark gestiegen sind. Die Löhne werden aber kaum angepasst. So verdiene man in Ungarn durchschnittlich zwischen 400 und 700 Euro im Monat. Ferencs Gehalt reiche kaum, um seine fünfköpfige Familie zu ernähren, sagt er. Dabei kann er sich noch zu den Glücklicheren zählen, da er als Vorarbeiter in einer Fabrik für Elektrobauteile sogar noch relativ gut verdient. Vili geht es da schon schlechter: Er hat in Ungarn Geschichte studiert. Lange konnte er als Projektmitarbeiter im Archiv einer Universität arbeiten. Doch wie es mit Projekten so ist – sie gehen irgendwann zu Ende. Geschichtelehrer war er auch mal. Aber da sind die Stellen rar. Seitdem hangelt er sich von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob. Auch ihm kommt die Arbeit in Südtirol gerade recht. Man kann sich einige Zeit über Wasser halten, mit dem was man hier verdient, meint er.
 
Die Vermittler
 
Beide, Ferenc und Vili, haben von der Möglichkeit in Südtirol zu arbeiten von Bekannten erfahren. Über einen Vermittler stellten sie den Kontakt zu dem Bauern her, bei dem sie nun seit Jahren schon arbeiten. Solche Vermittler sind für den Erstkontakt auch für viele Bauern praktisch. Man kann sich dann darauf verlassen, wirklich Leute zu bekommen. Die meisten dieser Vermittler kassieren am Stundenlohn der Apfelpflücker mit. So mussten Vili und Ferenc das erste Jahr pro geleistete Stunde 50 Cent an den Vermittler bezahlen. Bei einem Durchschnitt von sieben Euro die Stunde. Dann haben sie ihre Kontaktadressen mit dem Bauern ausgetauscht und können – durch neue Medien wie etwa Facebook sogar noch einfacher – kostenfrei in Kontakt bleiben und das nächste Jahr wiederkommen.
 
Bild: Elisabeth Tappeiner
„Eng zusammenrücken“
 
Froh sind die beiden auch, dass Unterkunft und Verpflegung bei ihrem Bauer gestellt werden. Auf die Frage, ob sie nicht lieber ein wenig mehr verdienen möchten – als „Selbstversorger“ kriegt man im Durchschnitt 1–1,50 Euro mehr pro Stunde – sagen sie: „Besser essen“. Dies ist also von Pflück-Trupp zu Pflück-Trupp verschieden. Manche bringen auch eine Frau mit, die die Erntehelfer bekocht. Diese bekommt dann einen Teil vom Stundenlohn der Pflücker. 
 
Für die Bauern ist die Organisation der Unterbringung oft nicht ganz einfach. Es muss  Platz für bis zu 15 Leute (und mehr) geschaffen werden. Eine „Klauberwohnung“ hat nicht jeder zur Verfügung, gewisse Richtlinien müssen auch beachtet werden. Das Unterbringen auf Matratzen in der Garage, wie es vielleicht vor etwa 20 Jahren noch recht gängig war, gibt es nicht mehr. Einige mieten sich für die Erntezeit Zimmer in Pensionen, Ferienwohnungen usw. Andere bringen die Pflücker in den eigenen vier Wänden unter. Für drei bis vier Wochen heißt es dann: eng zusammenrücken.
 
Damit auch rechtlich alles passt, geht’s zum Steueramt. Hat jemand nämlich noch nie in Italien gearbeitet, braucht dieser zuerst eine Steuernummer. Über eine Vollmacht, die vom Arbeitnehmer unterschrieben werden muss, kann der Bauer die Steuernummer für seinen Arbeiter holen. Denn nur mit einer gültigen Steuernummer kann der Pflücker hier auch angemeldet werden. Die Anmeldung erledigt der Bauernbund für die Bauern oder aber es kann selbst über das Bürgernetz online gemacht werden.
 
Keine idyllischen Obstgärten
 
In den Pausen macht Vili Tai-Chi-Übungen. Das Apfelpflücken hat er sich ganz anders vorgestellt: „Ich gedacht mit kleine Korb und große Leiter und große Baum“. Das Bild von Oma’s idyllischem Obstgarten. Der „Tschaggl“ ist aber leider kein kleiner Korb und die Arbeit macht sich auch schon im Rücken bemerkbar. Nebenbei erzählt mir Vili, dass er Chinesisch spricht und auch etwas Mongolisch. Über den letzten Batman-Film sprechen wir auch kurz – ein Kollege sieht ein wenig aus wie der Bösewicht. Er lacht. Vili ist froh, diese Wochen in Südtirol zu sein. Wie die meisten Pflücker will er wiederkommen.

Elisabeth Tappeiner

Nach Jahren in Wien jetzt Germanistin mit Traktorführerschein.
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