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Südtirols Kirche und die Option

Keine Sache des Glaubens

Die Option stellt eine Zäsur in Südtirols Geschichte dar. Alex Lamprecht zeigt in seinem neuen Buch, dass auch die Kirche kräftig mitgemischt hat.

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Die Option des Brixner Fürstbischofs Johannes Geisler am 25. Juni 1940 nach Nordtirol.

Lizenz: CC by-nd
Bild: Geschichtsverein Brixen

Die Kirche hatte in Südtirol immer viel zu sagen: Der Einfluss der beiden Erzbischöfe von Brixen und Trient sowie der vielen Geistlichen in den Gemeinden bestimmten jahrhundertelang den Alltag der Südtiroler und Südtirolerinnen. So war es auch die Kirche, die während der Jahre des Faschismus und der Option versuchte, Entwicklungen zu beeinflussen. Alex Lamprecht hat sich in seinem Buch „Zwischen Seelsorge und Propaganda – Südtirols Kirche in der NS-Zeit“ genau mit dieser Frage auseinandergesetzt: Wie hat die Kirche auf die Option reagiert? Warum waren unter den Klerikern so viele gegen die Option und warum weiß man so viel über die Option, aber so wenig über die Rolle der Kirche?  Das Buch entstand aus seiner Diplomarbeit, die er im Rahmen seines Lehramts-Studiums „Deutsch und Geschichte“ an der Uni Wien schrieb. Dafür hat er viel Zeit im Diözesan-Archiv von Brixen und mit dem Michael-Gamper-Nachlass in Bozen verbracht und neue und spannende Quellen aufgearbeitet. Erst vor Kurzem hat er sein Buch am Vinzentinum in Brixen vorgestellt, wo er mittlerweile als Erzieher arbeitet.

Worum geht es in deinem Buch?
Mein Buch arbeitet die Rolle der Kirche während der Option auf. Es gab bisher bereits einzelne Studien, mein Buch versucht jetzt einen Gesamtüberblick zu bieten, die problematischen Punkte aufzuarbeiten und die Komplexität aufzuzeigen. Meiner Meinung nach haben es sich viele in ihrer Einschätzung zu dieser Zeit zu einfach gemacht, denn eigentlich war es eine sehr komplexe Zeit mit vielen Spannungen. Ich habe viele Originalzitate und Texte ins Buch gepackt, und ich denke, sie vermitteln gut, wie herausfordernd diese Zeit war.

Alex Lamprecht

Lizenz: CC by (bearbeitet)
Bild: Alex Lamprecht

Was meinst du mit Spannungen genau?
Die Option war eine Zerreißprobe. Es gab Befürworter und Gegner, sowohl in der Kirche als auch in der Bevölkerung. Das Spannende ist, dass der Klerus genau entgegengesetzt zur Bevölkerung abgestimmt hat: Mehr als 80 Prozent der Bevölkerung hat für die Option und somit für das Deutsche Reich gestimmt, während sich 86 Prozent der Priester gegen das Deutsche Reich und für das Bleiben entschieden haben. Die Geistlichen haben sich über andere Dinge Gedanken gemacht als die restliche Bevölkerung. Viele in der Südtiroler Bevölkerung hatten keine Arbeit, lebten seit 20 Jahren unter Faschismus und Unterdrückung und wurden nun mit Lügen wie den geschenkten Höfen nach Deutschland gelockt. Viele hatten als Auswanderer wenig zu verlieren.

Und die Kleriker?
Für sie stand vielmehr die Frage im Zentrum, was ihre Aufgabe als Seelsorger ist: Sollten sie die Optanten schon allein aus religiösen Gründen ins Deutsche Reich begleiten, weil die Auswanderer sie genau dort brauchten – immerhin wussten sie von der kirchenfeindlichen Einstellung der Nationalsozialisten? Oder sollten sie genau deshalb in Südtirol bleiben und  versuchen, die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass es außerhalb Südtirols auch nicht besser sei? Diese politische Einflussnahme der Pfarreien führte aber zu vielen Konflikten. Kanonikus Michael Gamper beispielweise bekam Berge von Todesdrohungen, es wurde auf ihn geschossen, man hat ihm die Autoreifen aufgeschlitzt. Die Situation war stark aufgeladen.

Wir Südtiroler waren genauso aktive Täter: Es gab bei uns genauso Nationalsozialisten wie in Deutschland und Österreich, und es gab genauso Faschisten wie im restlichen Italien.

Die Kirche hatte zum Zeitpunkt der Option 1939 ja einen großen Einfluss auf die Südtiroler Bevölkerung. Wie kann es dann sein, dass die Priester ihre Gemeinden nicht stärker beeinflussen konnten?
Das ist eine sehr spannende Frage. Es war tatsächlich so, dass es kaum jemanden gab, der nicht die Messe besuchte, beichten ging und stark in das kirchliche Leben integriert war. Deshalb stellt sich die Frage tatsächlich, warum der Klerus nicht mehr Einfluss hatte, obwohl die meisten Priester ihren Standpunkt auch klar kommuniziert haben. Ich denke, dass das stark mit dem Nationalsozialismus zusammenhängt, der in Südtirol schon Jahre vor der Option verbreitet war. Er war das ideologische Gegenangebot zum Faschismus und viele waren zum Zeitpunkt der Option bereits überzeugte Nationalsozialisten. Das Umziehen ins Deutsche Reich war dann die logische Konsequenz. Dass der Nationalsozialismus bereits in den 1930er-Jahren in der Bevölkerung weit verbreitet war, zeigen auch die Dokumente, die ich im Buch aufarbeite. 1938 gab es eine geheime Dekanatskonferenz, bei der diskutiert wurde, wie man mit dem Nationalsozialismus umgehen sollte – die Kirche war sich nicht einig, es gab verschiedene Positionen.

Und die waren?
Man muss wissen, dass die Kirche in Südtirol zu dieser Zeit zweigeteilt war: Es gab die Diözese Brixen, die eher klein war, weil sie nach der Angliederung von Südtirol an Italien viele Gebiete wie Nord- und Osttirol verloren hatte. Und dann gab es noch die Diözese Trient, dessen Erzbischof Celestino Endrici ein klarer Gegner des Nationalsozialismus war. Er war Italiener, Patriot, hat mit den italienischen Behörden zusammengearbeitet, sich aber für die deutschsprachige Minderheit eingesetzt und beispielweise Tolomei verachtet. Endrici wollte, dass seine Priester bei den Konferenzen über den Umgang mit dem Nationalsozialismus beraten.

Die beiden Diözesen Trient und Brixen mit dem verlorenen Territorium der Diözese Brixen durch die Loslösung von Österreich.

Lizenz: CC0
Bild: Diözese Trient und Brixen

Wie war die Stimmung in Südtirol zu diesem Zeitpunkt?
Die Protokolle dieses Treffens zeigen klar, dass der Nationalsozialismus bereits einige Jahre Thema war: Der Priester von Meran berichtete, dass die Nazis zu diesem Zeitpunkt bereits seit fünf Jahren mitmischen. Der Pfarrer von Tramin sagte 1938, wenn man jetzt die Bevölkerung fragen würde, ob sie ins Deutsche Reich wollen, dann würden höchstens 50 Leute in ganz Tramin bleiben. Entscheidend war, dass die Nazis in Südtirol schlau genug waren, auf Angriffe gegen die Kirche zu verzichten. Das war ein kluger Schachzug, denn so taten sich die Priester schwer, auf die kirchenfeindliche Haltung des Regimes im Deutschen Reich aufmerksam zu machen. Ein Argument gegen die Option war ja, dass niemand so genau wisse, wie es fern der Heimat dann tatsächlich wäre. Der Bischof von Trient war nun ein erklärter Gegner der Nazis, war klar gegen die Abwanderung und hat versucht, die Priester zu motivieren, die Leute vom Dableiben zu überzeugen.

Und der Bischof von Brixen?
Der Bischof von Brixen wollte Politik und Religion immer trennen. Auch wenn Priester Autoritäten sind, bezieht sich diese Autorität in erster Linie auf das religiöse. Wenn ein Priester also anfängt zu politisieren, dann hat er dafür eigentlich kaum Legitimation. Johannes Geisler, der Bischof von Brixen, hat sich selbst zwar klar politisch positioniert, er lehnte den Faschismus sehr deutlich ab und optierte schlussendlich selbst. Er hat seinen Priestern aber immer gesagt, dass sie neutral sein müssten, sich auf die Seelsorge konzentrieren sollten, damit sie mit beiden politischen Lagern zusammenarbeiten und so alle Gläubigen betreuen könnten. Das Problem ist: Alles ist politisch, besonders in solchen Zeiten. Die nationalsozialistische Propaganda ist durch Südtirol gewütet, und das Schweigen des Bischofs hat es den Nazis natürlich einfacher gemacht.

Bist du der Meinung, dass Südtirol und die Südtiroler Kirche diese Vergangenheit und die Option ausreichend aufgearbeitet haben?
Grundsätzlich ist die Option in Südtirol ja ein alter Hut. Aber trotzdem kam mir beim Schreiben vor, dass wir zwar meinen, alles aufgearbeitet zu haben, die Wirklichkeit aber anders aussieht.

Was meinst du damit?
Papier ist geduldig. Historiker haben Vieles erforscht und erarbeitet, aber in der Gesellschaft ist der Riss, der durch die Option entstanden ist, immer noch vorhanden. Man sieht das klar an der Diskussion um den Doppelpass. Prinzipiell ist das ja eine Sache, über die man sachlich diskutieren könnte: Es gibt Argumente dafür und dagegen. Aber was wir erleben, ist eine emotional aufgeladene Schlammschlacht. Wir haben den Sprengstoff dieser spannungsreichen Jahre der Option, der Entscheidung, wer wir sein wollen, Jahrzehnte mitgetragen – auch weil wir so tun, als ob es diesen Sprengstoff nicht gäbe. Da hat die Kirche eine wichtige Rolle gespielt: Michael Gamper hat nach dem Zweiten Weltkrieg sinngemäß gesagt, dass man die unliebsame Vergangenheit dem Frieden zu Liebe vergessen und sich gemeinsam für eine bessere Zukunft einsetzen solle. Gamper war ein angesehener Journalist und hat viel zum Thema veröffentlicht, Südtirol dabei aber immer in der Opferrolle gesehen. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Wir Südtiroler waren genauso aktive Täter: Es gab bei uns genauso Nationalsozialisten wie in Deutschland und Österreich, und es gab genauso Faschisten wie im restlichen Italien. In dem Moment, in dem wir uns in erster Linie als Opfer darstellen und auf andere schimpfen, verhindern wir die Aufarbeitung dessen, was wir falsch gemacht haben. Historiker können Vieles schreiben, die zentrale Frage ist aber, ob ein geschichtliches Thema relevant für die Gesellschaft ist und Menschen heute zum Nachdenken anregt.

Das Klassenfoto der Vinzentiner Maturanten von 1903. Der spätere Erzbischof von Trient, Johannes Geisler, sitzt in der ersten Reihe als Dritter von rechts. Sein Mitschüler Otto Neururer steht in der zweiten Reihe als Zweiter von links. Neururer hatte Geisler im Sommer 1938 von der Kirchenverfolgung im Dritten Reich berichtet und wurde 1940 im Konzentrationslager von Buchenwald von den Nazis ermordet.

Lizenz: CC0
Bild: Vinzentinum Brixen

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durchforstet als Soziologin mit Freude Statistiken und liebt es, die Geschichten hinter den Zahlen zu erzählen. Gerne in der Ferne, schaut aber noch lieber von einem Südtiroler Berggipfel in die Welt.
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