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Into The Wild

Ergebnisoptimierung durch Erwartungsreduktion: Wenn man ein Dorf besucht, von dem man keine Ahnung hat – St. Martin in Thurn.

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Bild: Vera Mair am Tinkhof

Reisen ist ja auch nicht mehr das, was es einmal war. Früher war alles besser, die alte Litanei, manchmal scheint sie wirklich wahr. Man kann sich nur vorstellen wie es war, aufzubrechen ohne jede Ahnung, ohne tausend Tipps von TripAdvisor im Hinterkopf und dem Reiseführer auf dem Smartphone. Vor der Abreise erzählen Freunde von den eigenen Erfahrungen am Reiseziel, weil heute jeder schon überall war, und tragen einem auf, da und dort noch hinzugehen und dieses und jenes ja nicht zu verpassen. Das Abenteuer ist dann schon keines mehr, und was eigentlich Neuland sein sollte, ist schon vor dem Abflug ausgestampft und ausgetreten und mit Erwartungen beladen.

Schließlich angekommen in der Fremde hält diese dann auch nicht mehr das, was sie verspricht. „Na gea, du a do?“, hört man in Sevillas Straßen und gleich fühlt man sich wieder wie zu Hause. Griaßti. Und dafür fliegt man 2.000 Kilometer?
Man schimpft gern über die Enge der Provinz und flüchtet in die große weite Welt, weil es da noch was zu entdecken gibt. Dass es Überraschungen auch im Kleinen gibt, in unseren netten Dörfern, hat sich noch nicht so herumgesprochen. Dabei ist ein Dorf der letzte weiße Fleck auf unserer geistigen Landkarte. Zu Berlin fällt einem dies ein, zu London jenes – aber was soll man zu St. Martin in Thurn sagen? Eben. Das dachte ich mir auch.

Gasthaus, Kirche und ein Museum

Einen Anhaltspunkt hatte ich. Noch bis Mitte September findet dort SMACH. statt, eine sogenannte Open Space Exhibition, die die Kulisse der Dolomiten zur Bühne für verschiedene Kunstwerke macht, die sich mit Kultur und Geschichte der Gegend auseinandersetzen. Das wollte ich mir angucken, und sonst einfach mal sehen, was in der Halbfremde denn so passiert.

Meine Eltern und ich nutzten das Ganze für einen Familienausflug. Angekommen in St. Martin in Thurn gingen wir erst mal was trinken und saßen im Schatten, mit Blick auf Friedhof und Kirchturmspitze, bei unserem Sonntagskäffchen. Darüber gibt es nicht viel zu sagen. Der Kaffee war gut, die Wirtin nett, und meine Mutter meinte ich solle doch das Gasthaus fotografieren, das sei laut Plakette neben dem Eingang schon fast 500 Jahre alt, oder so ähnlich. Dann sollte ich noch ein Bild von der Kirche machen und von einem Haus am Straßenrand, dessen Balkone so schön mit Blumen geschmückt waren. Überhaupt, die Blumen überall fand sie wunderbar. Sie schwor sich, gleich nächstes Jahr auch Hängegeranien und Petunien und was weiß ich nicht alles für unsere Balkonzierde zu bestellen, damit auch unser Haus ein bisschen schöner ist. Da solle man sich ein Beispiel nehmen an den Gadertalern, meinte sie.

Weil Fotos von Gebäuden aber nicht genug sind für ein rundes Dorfporträt, mussten wir noch was erleben. Wir müssen mal ins Dorfzentrum, sagte ich, da ist vielleicht was los, und mein Vater meinte, dass es das schon sei, das Dorfzentrum. Ach so. Ich sah von unten den Hügel hoch zu einem Schloss, das da oben alleine thronte, und da fuhren wir auch gleich hin. Museumladin, las ich oben vor dem Gebäude. Leider war das Museum für ladinische Kunst geschlossen.

Zeitgenössische Kunst

Im separaten, modernen Teil des Kulturkomplexes nebenan, wo man sich normalerweise die Tickets holt, war im Untergeschoss aber eine kleine Ausstellung zeitgenössicher Kunst. Trienala Ladina 2013, mit dem Leitmotiv Chaos und Ordnung, erklärte mir die Frau am Eingang. Wenn ich schon mal hier bin, dachte ich, und erwartete nichts. Unten war ich ganz alleine. In der Stille hörte ich Geräusche, in ihrer Beständigkeit auf eine seltsame Weise entspannend. Es war eine Videoinstallation. Drei Videos nebeneinander, zwei davon stumm, das letzte von den dreien war mit Ton. Vier Minuten dauerte der Film, vier Minuten sieht man zwei Händen mit falschen pinken Nagelkrallen dabei zu, wie sie Mehl und Hefe und Wasser zu einem Klumpen kneten und die falschen Nägel dabei abbrechen und sich unter die Teigmasse mischen. Ich weiß nicht, was man mir damit sagen will, aber ich sah ganze dreimal bei der Prozedur zu. Das andere Video hieß „Grenadine's Dream“ und zeigte wieder Hände. Diesmal wie sie einen Granatapfel zuerst liebkosen, dann in ihren Berührungen immer wilder und grausamer werden, bis sie schließlich die Frucht durchbohren und entschlossen in zwei Hälften reißen und der rote Fruchtsaft wie frisches Blut von den Fingern tropft. Das war auch sehr schön.

Ich fühlte mich ein wenig, als hätte ich einen Schatz entdeckt, als sei ich der erste und einzige Mensch, der dieses Idyll hier im Untergeschoss gefunden hat, während alle anderen bloß im Freien auf die immer gleichen Berge laufen. Dann kamen drei andere Besucher die Treppen runter, und mit der Ruhe war es vorbei.

Bild: Vera Mair am Tinkhof

Aber das sollte es noch nicht gewesen sein. Wir mussten ja noch weiter, zu SMACH. und den ganzen Kunstobjekten. Wir suchten uns auf der Karte von den insgesamt zwölf Objekten jenes aus, das am nächsten lag. „Al Bagn Valdander“, sagte die Beschreibung auf dem Flyer. Ich war froh, dass ich nicht fahren musste, ich hätte das vermutlich nie gefunden. Ein Minischild am rechten Straßenrand zeigte den Weg, es ging ein paar hundert Meter den Hügel hoch, am Ende des Sträßchens war ein charmantes Häuschen, „Gasthof" stand auf einem Schild. Sonst war nichts zu sehen. Wir blickten uns um. Die Sonne ging gerade hinter der Bergkuppe unter und leuchtete mit ihren letzten Strahlen auf die Veranda. Das Licht brach sich an einer John Galliano-Tasche, die von der holzgetäfelten Decke hing. Das erwartet man so auch nicht. Im Inneren des Gebäudes erzählte uns der Hausherr, dass wir hier schon richtig seien und zeigte uns das Projekt „Visions of the past“, das in einem Raum des Hauses ausgestellt war. Auf einem Holztisch lagen Erinnerungen an vergangene Tage, Panoramabilder aus den 30ern, Abbildungen heutiger Großväter wie sie als junge Burschen auf die Berge klettern.
Der Hausherr erzählte uns noch, dass man die Gegend hier mal mit der Plose verbinden hätte wollen, daraus aber doch nichts geworden ist. (Das muss ich mir merken, dachte ich, das kann ich gut im Text verwenden, ein bisschen Hintergrundwissen, journalistische Recherche und so weiter. Vermutlich wissen das aber eh alle schon, und es ging nur an mir vorüber.)

Im Schatten des Berges

Nach einem Glas Apfelsaft fuhren wir wieder los, zum letzten Stopp, dem Würzjoch. Ich war noch nie zuvor da gewesen, und falls doch konnte ich mich nicht mehr daran erinnern. Auf 2.000 Metern liegt das, es war natürlich saukalt. Aber schön. Wirklich. Schon beim Aussteigen auf dem Parkplatz war es wie im Bilderbuch: die grünen Hügel, die kleine Hütte, der Peitlerkofel. Ich hatte den zuvor noch nie gesehen, nur auf Bildern, und selbst die hab ich nicht besonders interessiert angeguckt. Ich hab's noch nicht so mit den Bergen. Ich dachte, das spare ich mir für später auf, für die Sonntagsplanung mit Mann und Kindern, für eine Zeit im Leben, wo man abends früh schlafen geht und morgens früh raus.

Der Berg da vor mir aber war wunderbar, ihr wisst das natürlich alle schon. Ich war ganz hin und weg. Imposant nennt man so was wohl, und das meinte auch eine Frau neben mir auf dem Bänkchen, auf das ich mich gesetzt hatte. „Wie viele Tage der schon gesehen hat, Zeitalter um Zeitalter“, meinte sie in strammer Ehrfurcht, und hatte recht. Ich dachte mir, wie viele Leute wohl schon im Schatten dieses Berges saßen, vor weiß Gott wie vielen Jahren, und fragte mich, wie es wohl ganz oben sei. Kalt, natürlich. Ich stellte mir vor, wie ich da mal raufklettere, am besten an der Nordwand, und dann fertig mit den Nerven glücklich oben ankomme und zufrieden in den Himmel gucke. Da freue ich mich schon drauf. Auf solche Ideen kommt man bei ein bisschen Höhenluft.

Vera Mair am Tinkhof

mag die deutsche Sprache, kämpft daher unermüdlich gegen notorische "besser als wie"-Sager. Barfüsslerin der ersten Stunde.
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