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Reporter Alex Lechner im Gespräch

Immer bereit für die Reise

Als Reporter ist Alexander Lechner immer dann vor Ort, wenn es etwas Wichtiges zu berichten gibt. 2019 hat er seinen ersten eigenen Film über Lampedusa realisiert.

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Alex Lechner ist auch dann fotogen, wenn er mitten im Dreh von einer italienischen Schulklasse überrascht wird.
Bild: Alexander Lechner

Es ist die natürliche Neugier der Menschen, die wohl auch Alexander Lechner in seinem Beruf antreibt. Als Journalist ist es seine Aufgabe, neugierig zu sein. Immer ganz nah am Geschehen. Alexander Lechner hat für RAI Südtirol, Südtirol1, Puls4 und Pro7 gearbeitet. Seit 2010 ist er Redakteur, Reporter und Moderator des Nachrichten-Teams bei Servus TV.

2019 wagt er sich an sein erstes eigenes Projekt. Es entsteht ein Film über die Menschen in Lampedusa: LampEUsa.

Wie bist du zum Nachrichtengeschäft gekommen?
Relativ unspektakulär. Mein Praktikum bei Pro7 lief gerade aus und Servus TV in Salzburg hatte eine Stelle ausgeschrieben. Die war dann aber bereits vergeben, in der Nachrichtenredaktion, die zu dieser Zeit aufgebaut wurde, war allerdings eine Stelle frei. So bin ich zu den Nachrichten gekommen und bis heute da geblieben.

Was macht dir am meisten Spaß?
Die Vielfalt macht den Reiz aus. Hauptsache, es wird nie langweilig. Ich mag die Herausforderung.

Was macht dich zu einem guten Reporter?
Ich weiß nicht, ob ich das bin. Ich bemühe mich aber, mir selbst treu zu bleiben, mich nicht zu verstellen und authentisch zu bleiben. Ich bin immer mit Leidenschaft dabei und hoffe, dass der Zuschauer merkt: der hat etwas zu sagen, der will etwas sagen.

Als Reporter war und ist Alexander Lechner in vielen Ländern unterwegs. In Thailand bei der Rettung der verschütteten Kinder aus einer Höhle, nach dem Brückeneinsturz in Genua, in Deutschland beim Staatsbesuch von Erdogan, in Israel, als Sebastian Kurz zu Besuch war …

Gibt es Geschichten oder Schicksale, die dich nicht losgelassen haben?
Es passiert sehr viel, wenn man auf Reisen ist, wenn man mit anderen Menschen, in anderen Kulturen oder in schicksalsgebeutelten Gegenden unterwegs ist. Im letzten Winter gab es starken Schneefall in Österreich. Ich war da bei einem Dreh bei Salzburg, wo Flüchtlinge beim Schneeschaufeln geholfen haben. Sie waren richtig froh, endlich etwas Sinnvolles machen zu können.

Im Sommer habe ich dann erfahren, dass einer dieser Flüchtlinge einen negativen Asylbescheid bekommen hat und nach Kabul abgeschoben hätte werden sollen. Er ist zwar laut Pass Afghane, aber er hat nie dort gelebt, sondern sein ganzes Leben im Iran verbracht. In Afghanistan hat er niemanden, keine Freunde, keine Familie. Aus Angst vor dieser Abschiebung ist er jetzt ein weiteres Mal geflohen und untergetaucht. Es gibt keinen Kontakt mehr zu ihm. Das ist etwas, wo ich schon ab und zu daran denke. Wo ist er untergekommen, wie schlägt er sich durch, ist er hoffentlich nicht auf die falsche Bahn geraten? Und ich frage mich, wie man selbst angesichts so einer existenziellen Krise reagieren würde.

“Diesen Film habe ich im Urlaub umgesetzt und selbst finanziert.”

Ist die Flüchtlingsthematik etwas, was dich auch privat beschäftigt? Du hast dieses Jahr einen Film über die Menschen auf Lampedusa gedreht.
Ich glaube, dass es 2015, 2016 für uns alle in Europa sehr prägende und einschneidende Erfahrungen gegeben hat, die auf gesellschaftlicher Ebene noch nicht ganz aufgearbeitet wurden. Als Reporter war ich während der Flüchtlingskrise selbst in Lesbos und Idomeni, in Belgrad und auch an der österreichisch-deutschen Grenze. Jetzt ist es auf der zentralen Mittelmeerroute ruhiger geworden und ich wollte versuchen zu verstehen, wie die Menschen auf Lampedusa mit dieser Situation umgegangen sind und umgehen.

LampEUsa ist ein Porträt ausgehend von der historischen Flüchtlingskrise, über die Ängste und Sorgen der rund 5000 Bewohner der Insel Lampedusa, über ihre Traumata durch die Migrationsbewegungen und über die Flüchtlingsboote, die als Wracks am Meeresgrund und an Land Probleme darstellen. Lampedusa ist einer der südlichsten Punkte Europas. Die Insel liegt geografisch näher an Afrika (152km) als an Italien (210km).

LampEUsa war ein Privatprojekt.
Genau. Diesen Film habe ich im Urlaub umgesetzt und selbst finanziert. Der Entschluss, den Film zu machen, ist erst im August gefallen. Ich habe Flüge gebucht, mir Equipment besorgt und mich eingelesen. Ich wollte wissen: Wie ist es auf dieser kleinen Insel mit gerade mal 5.000 bis 6.000 Leuten, wo 100.000 Flüchtlinge durchreisen oder durchgereicht werden? Wie ist es, permanent im internationalen Fokus zu stehen, was die Migration betrifft?

Alex informiert vorher niemand über den Film. Er will authentische Stimmen einfangen. Anfangs weiß er nicht, ob die Menschen offen sind und ihm auch wirklich Interviews geben.

Auch privat reist Alexander Lechner gerne. Zum Beispiel nach Lampedusa, um seinen eigenen Film zu drehen.

Bild: Alexander Lechner

Wie hast du die Menschen auf Lampedusa erlebt?
Es war alles viel besser, als gedacht. Interessant war, dass die Leute vor den Interviews stets gefragt haben, ob der Film in Italien ausgestrahlt wird – die italienischen Medien werden von den Lampedusanern gehasst. Nachdem ich ihnen versichert habe, dass das nicht der Fall ist, haben sie sich geöffnet und ich konnte überraschend gute Interviews eingefangen.

Wie stehen die Menschen der Flüchtlingsthematik gegenüber?
Ich muss sagen, ich habe niemanden getroffen, der einen richtigen Hass an den Tag gelegt hat. Auch die Menschen, die gegenüber Flüchtlingen skeptisch eingestellt sind, haben ein gewisses Empfinden für die Not der Menschen. Im Gegensatz zu vielen Mitteleuropäern, die selbst eine Rettung nicht befürworten. In Lampedusa ist man in der Vergangenheit sehr viel mit Leid, Tod und Notsituationen der Migranten in Kontakt gekommen.

Aber die Inselbewohner fühlen sich allein gelassen. Von Rom. Von der EU.
Ja. Das lässt sich am Ergebnis der EU-Wahl im Mai und aus meinen Gesprächen ablesen. Die Lega von Matteo Salvini hat auf Lampedusa einen massiven Wahlerfolg eingefahren. Mit doppelt so vielen Stimmen, wie im Rest von Sizilien.

Bei meinen Gesprächen kam aber raus, dass das nicht nur wegen der Flüchtlinge ist. Von den 4 Prozent Ausländern, die auf Lampedusa leben, kommen die meisten nicht etwa aus Afrika. 56 Prozent davon sind Rumänen. Der Unmut hängt auch mit den ganzen Missständen zusammen, die auf einer Insel herrschen, die sehr weit weg von jeglichem Festland ist: Strom ist teuer, Benzin ist teuer – mehr als zwei Euro pro Liter, die Straßen und Verkehrsanbindungen sind schlecht – die Bewohner sind auf die Fähren angewiesen, die im Winter manchmal gar nicht fahren. Für medizinische Untersuchungen größerer Art müssen sie nach Palermo fliegen. Es gibt keine Chemotherapie, keine Geburtenstation, kein richtiges Krankenhaus.

Das sind Dinge, die das Leben der Menschen auf Lampedusa viel stärker beeinträchtigen als – im Moment – die Flüchtlinge.

Trotzdem ist diese Thematik immer noch präsent.
Ja, es hat in der Vergangenheit massive Probleme auch mit Migranten gegeben. Aufgebrachte Geflüchtete haben etwa das Flüchtlingslager in Brand gesetzt, nachdem sie nicht aufs Festland gebracht wurden. Das hat zu Aggressionen geführt. Derzeit ist es aber ruhig und man merkt die Migranten auf der Insel kaum.

“Ein Problem ist, dass der italienische Staat die Flüchtlingsboote nun nicht mehr an Land bringt, sondern versenkt. Fischer haben mir erzählt, der ganze Meeresboden ist mit Schiffswracks zugepflastert.”

In deinem Film zeigst du auch das Problem der Schiffswracks. Was passiert mit den ganzen Flüchtlingsbooten?
Die Schiffswracks werden auf Schiffsfriedhöfen gestapelt. Einer ist am Hafen, einer auf einem Militärgelände. Ich habe Szenen gefilmt, wo Schiffe mit brachialer Gewalt aufs Land gebracht wurden.

Ein großes Problem ist, dass der italienische Staat die Flüchtlingsboote nun nicht mehr an Land bringt, sondern versenkt. Fischer haben mir erzählt, der ganze Meeresboden ist mit Schiffswracks zugepflastert, die Netze verhängen sich darin und das biologische Gleichgewicht leidet darunter.

Vor kurzem ist ein Schiff vor Lampedusa gekentert und verliert Motoröl. Jetzt gibt es einen Ölteppich vor der Küste.

Es gäbe also permanent Neues aus Lampedusa zu berichten.
Ja. Ich bin am 18. September abgereist und alleine in dieser kurzen Zeit ist wieder so viel Neues passiert, dass man diesen Film laufend aktualisieren müsste. Mein Film ist also eine Art Momentaufnahme aus der Sicht der Lampedusaner. Ich muss auch dazu sagen, dass der Film nicht einwandfrei und perfekt gedreht ist. Er lebt vielmehr von den Stimmen und durch meinen journalistischen Zugang habe ich versucht, ein umfassendes Bild aller Meinungen einzufangen.

„LampEUsa" feierte am 24. Oktober bei den Filmtagen Trostberg in Deutschland Premiere. Wie waren die ersten Reaktionen?
Für mich war es überwältigend. Es war mein erstes Herzensprojekt. Nach der Vorführung gab es eine angeregte Diskussion. Ein Herr meinte, er musste sogar weinen. Damit hätte ich nicht gerechnet.

Im Publikum saß auch ein Flüchtling, bei dem die Bilder von der Ankunft von Flüchtlingen alte Wunden aufgerissen haben.

Auf deiner Website steht: „Um für seine Überzeugungen einzustehen, braucht es einen gefestigten Charakter - auch auf die Gefahr hin, sich unbeliebt zu machen.“ Hast du dich schon mal unbeliebt gemacht?
Ehrlich gesagt weiß ich das nicht. (lacht) Auch weil ich nicht sonderlich viel Wert darauflege, was andere über mich denken. Ich finde, man soll sich nicht verbiegen. Ich versuche meinen Prinzipien treu zu bleiben. Ich bin in einem offenen und toleranten Umfeld aufgewachsen und von diesen Werten möchte und werde ich auch nicht abrücken. Auch wenn es gerade gesellschaftliche Tendenzen in eine andere Richtung gibt.

Du hast ein Gefahrentraining für Journalisten bei der Deutschen Bundeswehr gemacht. Wie kann man sich das Training vorstellen?
Man weiß nie in welche Situationen man wirklich kommt. Dieses Training dauert eine Woche und findet in der Kaserne statt. Täglich gibt es Workshops mit Praxisbezug. Erkundungsrunden in schweren Schusswesten, Erste Hilfe, Workshops, wie man sich auf Minenfeldern oder bei Beschuss verhält. Das Ganze gipfelt in einer nachgestellten Entführungsszene. Zu viel darf man nicht verraten (lacht). Aber es sind sehr krasse Situationen, die auch wirklich realitätsnah dargestellt werden.

“Es war noch eine Minute bis zur Liveschaltung. Gerade in diesem Moment bebte die Erde wieder unter meinen Füßen.”

Wie wichtig ist dieses Training?
Es führt einem vor Augen, was alles passieren kann und wie man in Stress- und Bedrohungssituationen reagieren sollte. Bei vielen Redaktionen ist das Gefahrentraining eine Voraussetzung, um überhaupt in Krisenregionen entsandt zu werden.

Warst du schon mal in brenzligen oder gefährlichen Situationen?
So richtig gefährlich geworden ist es Gott sei Dank noch nie. Aber ich bin bisher auch noch nie in Kriegsgebiete gereist. Bei mir waren es Naturkatastrophen oder Terroranschläge. Es gibt auch dort natürlich immer eine latente Gefahr. Ich war beispielsweise in Brüssel, während die höchste Terrorwarnstufe galt und ich war in Norcia in Mittelitalien nach dem großen Erdbeben.

Dort haben wir uns gerade aufgestellt. Es war noch eine Minute bis zur Liveschaltung. Gerade in diesem Moment bebte die Erde wieder unter meinen Füßen. Einige Steine fielen von den Häusern. Da denkst du dir schon: Oh mein Gott.

Bild: Alexander Lechner

Du musst für diese Einsätze manchmal sehr spontan sein. Wie viel Reiselust muss man als Reporter mitbringen?
Als das Feuer in der Kathedrale Notre-Dame ausbrach, habe ich mir am Abend noch mit offenem Mund die Live-Bilder angesehen, während ich bereits meinen Koffer gepackt habe, damit ich am nächsten Tag schon vor Ort sein kann.

Diese Herausforderungen nehme ich gerne an. Das ist dieser Reiz, so schnell wie möglich am Geschehen zu sein und so viel wie möglich mitzuerleben, um die Situation richtig transportieren zu können.

Petra Schwienbacher

mag große Hunde, ihre rote Rostlaube und Mamas Lasagne. Sie ist laut ihren Freunden immer lustig und labert gerne Blödsinn. Beim Schreiben kann sie aber auch ernst bleiben.
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