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Im türkischen Frühling

Aus einem Städtetrip wurde ein Abstecher ins Herz des türkischen Frühlings. BARFUSS war bei den Protesten in Istanbul vor Ort.

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Bild: Magdalena Jöchler

Von einer Seitengasse schauen wir auf tausende Demonstranten, die an uns vorbei Richtung Taksim-Platz ziehen. Um den Hals haben sie Tücher gebunden, den Mund bedecken sie mit OP-Masken, die Augen mit Schwimmbrillen. In den Händen halten sie Zitronen, die gegen das Tränengas helfen sollen. Fast ununterbrochen ruft die Menge „Tayyip istifa!" - „Tayyip tritt zurück!". Passanten - Touristen wie Einheimische - klatschen den Vorbeiziehenden zu. Über die Istiklal Caddesi arbeitet sich der Protestzug zum Taksim-Platz vor.

Von hier sind es noch 1,8 Kilometer bis dorthin. „Dont Panic!" beruhigt uns eine 50-jährige Frau mit grau meliertem Haar und drückt uns zwei Schutzmasken in die Hand. Plötzlich ändern die Demonstranten die Richtung, bewegen sich wieder hinunter Richtung Meer. Einige biegen in unsere Seitengasse ab, beginnen zu laufen. Wir laufen mit. Tränengas strömt uns hinterher. Durch eine offene Tür stolpern wir in einen Hoteleingang, hinter uns fällt die schwere Glastür ins Schloss. Das Gas dringt trotzdem durch. Wangen, Augen und Hals brennen. Wir lutschen an den Zitronen, die uns Demonstranten geschenkt haben und lassen uns eine weiße Flüssigkeit ins Gesicht sprühen. Das Brennen lässt nach. Noch immer zittern meine Hände, die Knie sind weich wie Butter. Immer wieder sind Schüsse zu hören, die Polizei feuert Tränengas ab.

Tränengas und Wasserwerfer

Wir kennen weder Stadt noch Sprache. Wie es draußen auf den Straßen von Beyoğlu – dem Stadtviertel um den Taksim-Platz und den Gezi-Park – zugeht, wissen wir nicht. Ob die Polizei mit ihren Wasserwerfern und dem Tränengas mittlerweile unsere Seitengasse erreicht hat, ebensowenig. Wie es am Taksim-Platz aussieht, können wir uns jetzt ungefähr ausmalen. Wir wollen nur noch weg aus dem chaotischen Beyoğlu. Nach einer halben Stunde wagen wir uns aus dem Hoteleingang, laufen die holprigen Straßen hinunter zum Goldenen Horn.

Seit gerade mal 24 Stunden sind wir in Istanbul, und schon haben wir mit Tränengas Bekanntschaft gemacht. Am Tag unserer Ankunft, dem 31. Mai, hat die Polizei ein Protestcamp im Gezi-Park gewaltsam geräumt und damit die Proteste ausgelöst. Ging es am Anfang noch darum zu verhindern, dass eine der wenigen Grünflächen einem Einkaufszentrum weichen muss, ist daraus ein Protest gegen die ständige Bevormundung durch Regierungschef Recep Tayyip Erdoğan geworden. Quer durch alle Bevölkerungsschichten gehen die Menschen jetzt auf die Straßen. Jeden Tag versammeln sie sich zu Demonstrationen im hippen Istanbuler Stadtviertel Beyoğlu und fordern den Rücktritt von Erdoğan.

Brennende Container

Über die Galatbrücke flüchten wir auf den gegenüberliegenden Hügel. Von den Protesten in Beyoğlu ist hier nichts zu spüren. Auch Schutzmasken trägt hier niemand. Auf einer Terrasse trinken wir Tee und schauen Richtung Taksim-Platz. Schwarze Rauchschwaden steigen auf. Tränengas? Am späten Nachmittag überqueren wir mit der Fähre den Bosporus nach Kadiköy, zurück ins Hostel, weit weg von den Protesten. Schiffe voll mit brüllenden Menschen und türkischen Flaggen kommen uns entgegen. Erst am Abend erfahren wir über Twitter, dass die Protestierenden Baucontainer in Brand gesetzt haben.

Die Hostelmitarbeiter erzählen von ihrer letzten Nacht in Beyoğlu. Von Freitag auf Samstag seien sie um zwei Uhr nachts zusammen mit Tausenden anderen von Kadiköy auf der asiatischen Seite, über die Bosporusbrücke zum Taksim auf der europäischen Seite gezogen. In fünf Stunden legten sie die zwanzig Kilomenter bis dorthin zurück. Aus zerschnittenen Wasserflaschen bastelt Hostelmitarbeiter Etham für sich und seine Freundin Schutzmasken. Nach Dienstschluss werden sie wieder losziehen.

Von der Dachterasse im Hostel hören wir, wie kleine Grüppchen durch die Straßen ziehen, pfeifen, auf Töpfe klopfen, Sprechchöre anstimmen, Fahnen schwingen. „Fuck you Tayyip, du kannst uns mit Tränengas besprühen, du bist trotzdem erledigt!", übersetzt uns ein Mädchen die Parolen. Hupkonzerte sind zu hören. Passanten klatschen. Die Geräuschkulisse wird uns in dieser Nacht noch oft aus dem Schlaf reißen und in den nächsten Tagen immer wieder begleiten.

Auch  nach zwei Tagen haben wir noch keinen einzigen Polizisten gesehen, weder in touristischen Gegenden, noch in der Nähe von Beyoğlu. „Die sind alle am Taksim-Platz", sagt uns die Rezeptionistin Andaç. Seit Anfang der Woche sind die Proteste zumindest tagsüber abgeflaut. Da könnten wir uns ohne weiteres zum Taksim-Platz wagen, meint Alex, ein russicher Hostelgast.

Auf dem Taksim-Platz

Dienstagmittag wollen wir uns also ein Bild von jenem Ort machen, wo sich Demonstranten und Polizei jeden Abend Gefechte liefern. Unsere Schutzmasken haben wir immer dabei. Man weiß nie, wann es wieder so weit ist. Von der Fährenstation Kabataş gehen wir die steilen Straßen hinauf zum Taksim-Platz. Je weiter wir kommen, desto zahlreicher werden die Graffitis an den Häuserwänden. Die meisten beginnen mit dem Vornamen des türkischen Premierministers: Tayyip. Am Boden liegen zertrampelte OP-Masken und leere Wasserflaschen.

Über eine Seitengasse kommen wir zur Ismet Inönü Caddesi, die direkt zum Taksim-Platz führt. Normalerweise würde hier der Istanbuler Verkehr vorbeirollen. Heute ist kein einziges Auto zu sehen. Wie auch? In Abständen von ungefähr 20 Metern blockieren Barrikaden aus Pflastersteinen, Absperrgittern und Plakatwänden die Straße. Die Pflastersteine wurden aus den Gehsteigen herausgestemmt und zum Befestigen der Barrikaden in der Straßenmitte aufgehäuft. Eingeschmissene Schaufenster gibt es keine. Vereinzelt räumen Ladenbesitzer vor ihren Geschäften den Müll der vergangenen Nacht weg oder putzen die Fensterscheiben. Auch hier: keine Polizei weit und breit.

Der Taksim-Platz wird im Reiseführer als „busy square" mit chaotischem Busterminal beschrieben. Davon ist hier nichts zu spüren. Ausgebrannte Autos, türkische Flaggen, Transparente und Graffitis prägen das Bild. Schaulustige fotografieren, filmen oder schauen einfach nur mit ernster Miene auf die bürgerkriegsähnlichen Zustände. Im dahinterliegenden Gezi-Park liegen junge Menschen im Schatten der Bäume. Zwei ältere Männer diskutieren, um sie herum hat sich eine Menschentraube gebildet. Am Abend, nach der Arbeit, kommen die Demonstranten wieder hierher, um die Barrikaden zu verteidigen.

Einen Tag später ist unser Urlaub zu Ende. Zu unseren Mitbringseln gesellen sich Schutzmasken und eine kleine türkische Fahne. Eine eigenartige Mischung.

Ein großes Dankeschön an meine tapfere Reisebegleitung Ruth Eisenreich. Ihr multimediales Tagebuch findet ihr hier.

Bilder von den Protesten gibt es hier.

Magdalena Jöchler

lebt und werkelt in Wien. Sie erzählt gerne Geschichten, die hoffentlich auch gelesen werden. Nein, sie ist nicht mediengeil.
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