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Sexismus-Debatte #MeToo

Ich auch

Opfer von sexueller Belästigung weltweit melden sich unter dem Hashtag #MeToo öffentlich zu Wort. Auch in Südtirol.

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Lizenz: CC0
Bild: Pixabay, surdumihail

Weltstars wie Gwyneth Paltrow, Angelina Jolie und einige andere beschuldigen den Filmproduzenten Harvey Weinstein, sie sexuell belästigt zu haben. Hollywood, weit weg. Im Internet erheben aber auch Studentinnen, junge Mütter und berufstätige Frauen unter dem Hashtag #MeToo ihre Stimme. Sexuelle Übergriffe und Belästigungen finden nicht nur in der Welt der Reichen und Schönen statt, es gibt sie überall. Frauen werden begrapscht, beschimpft, gedemütigt. Viele schweigen dazu, andere schämen sich. Viele, die eine solche Tat mitbekommen, schauen weg. 

Wir haben deshalb auf Facebook einen Aufruf gestartet. Frauen sollten uns ihre Erfahrungen schildern. Mit ihren Geschichten wollen wir auch all jene erreichen, die selbst zwar keine Täter sind, aber sexuelle Belästigung verharmlosen oder zu Vorfällen schweigen. Denn diese Geschichten gehen uns alle an.

*Namen von der Redaktion geändert.

Sarah*

Es wurde darüber gelacht, als ein Mann mir auf einem Fest die Hand unter den Rock schob. „Jetzt sei doch nicht so“, hieß es. Es wurde gegrölt, als mich ein Mann am Hintern packte und in die Höhe hob. Es wurde zugeprostet, als ein Mann in einem Lokal auf mich zeigte und rief: „De figg i a no!“ Es wurde weitergetanzt und gefeiert, als mir ein Mann im Lokal auf den Hintern oder den Busen griff. „Geh halt weg, wenn du net magst“, sagte man mir. Ich wurde aus meiner Stammdiskothek geworfen, als ich mich wehrte, weil mir ein aufdringlicher Typ einfach so in den Schritt griff. Man sagte mir, ich müsse eben vorsichtig sein, als mir ein Mann in einem übervollen Bus unbemerkt den Reißverschluss meiner zu weiten Hose öffnete und mich betatschte; als ein Mann neben mir im Bus onanierte, mich dabei unmissverständlich anstieß und ich es dem Busfahrer sagte, meinte dieser, es sei gut, dass ich es gesagt habe, ich solle jetzt vorne bei ihm bleiben. Und dann gab es noch die Momente, an denen ich von einem oder mehreren Männern in die Ecke gedrängt, in die Enge getrieben, bedroht worden bin.

Nichts von dem war richtig, nichts davon war gerechtfertigt. Dennoch habe ich immer wieder Aussagen gehört wie: „Pass auf, wenn die Männer bsoffn sind“, „zieh dich nicht zu freizügig an“, „provoziere nichts bei den Männern“, „stell aus, wenn sie dir zu nahe kommen“, „such dir jemanden, der auf dich aufpasst“, „küss niemanden bzw. nimm keine getränke von jemandem an, sonst will er dann was von dir und du bist ihm was schuldig“.
Ich bin damit aufgewachsen, habe es, soweit es ging, beherzigt – und, was soll ich sagen, ich bin trotzdem nicht um die „negativen auswirkungen meiner Anwesenheit" herumgekommen.
Es war offensichtlich stets irgendwo noch in der gesellschaftlichen Norm und ok („es ist Dorffest, was erwartest du?“, „ja, die sind halt betrunken“, „das ist ja nur ein Spaß“, „bist du echt so spießig?“, „he, wir kennen uns ja, stell dich nicht so an“ etc. etc. etc.).

Ich möchte nicht immer in Begleitung anderer Frauen, oder im Idealfall eines Mannes unterwegs sein. Ich möchte mich anziehen können, wie ich möchte, ohne irgendwie dafür verurteilt zu werden. Ich möchte fröhlich sein können und leben, mit Respekt vor den anderen, und möchte, dass mir dieser ebenso entgegengebracht wird. 

Claudia*

Mit 14 war ich eine junge Frau mit wohl geformten Brüsten und Kurven. An warmen Sommertagen, wenn ich in einem Tanktop die Straße entlang spazierte, pfiffen mir erwachsene Männer nach und riefen: „Che figa!“, „Che belle tette“… Ich habe mich davon nie geschmeichelt gefühlt. Ich habe mich geschämt, fühlte mich ausgeliefert und entblößt. Ich wollte einen großen Overall anziehen, damit mich keiner mehr ansehen würde, und diese Rufe und Aussagen von Männern aufhören würden. So fing ich an, weite T-Shirts und weite Hosen zu tragen. Ich wollte keine Frau sein, ich wollte kein Sexobjekt sein.

Auch die Männer aus dem Dorf, Freunde der Familie äußerten sich zu meinem Körper. Ihre genauen Worte habe ich vergessen, nicht aber das Gefühl, das sie in mir auslösten. Ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Also grinste ich bloß schüchtern, errötete und versuchte, meinen Busen unter meinen Armen zu verstecken. Und dann fühlte ich mich schuldig. Ich dachte mir, die Männer wollten ja nur nett sein, wie konnte ich denn so undankbar sein? Heute weiß ich, dass diese Männer kein Recht hatten, sich so über meinen Körper zu äußern.

Mit 21 ging ich auf viele Partys. Einmal stand ich hinter einem jungen Mann an der Bar. Er war etwas kleiner als ich. Als er sich umdrehte, starrte er mir auf meinen Busen und packte ihn. Dann drehte er sich weg und ging. Er sah mir nicht einmal ins Gesicht. Ich war so perplex, dass ich keine Zeit hatte, zu reagieren.

Einmal hatte ich Sex und sagte irgendwann: „Stopp, genug.” Der Mann hörte aber nicht auf. Immer wieder sagte ich „Nein“. Also verstummte ich im Wissen, dass es bald zu Ende sein würde. Nach diesem Erlebnis ging ich nach Hause, verwirrt und beschämt. Ich fühlte mich schmutzig und unsicher. Ich hatte nein gesagt und er hatte weiter gemacht. Was bedeutete das? Das Traurigste an der Sache war, dass ich versuchte, sein Verhalten zu rechtfertigen. Ich sagte mir: „Vielleicht hat er mich nicht gehört, ich hätte es lauter sagen sollen“, oder „Es wird schon meine Schuld gewesen sein. Er war gerade mittendrin, ich kann nicht von ihm verlangen, aufzuhören“.

An alle jungen Frauen und Mädchen da draußen: Nein heißt Nein. Wenn er es nicht wahrnimmt, missbraucht er dich! Lasst euch von niemanden irgendetwas anderes erzählen, lasst euch nicht Schuld einreden!

Miriam*

#metoo Das eine Mal, als ich auf dem Nachhauseweg von einem Mann verfolgt wurde, und als ich endlich die Haustür hinter mir geschlossen hatte, rannte der Mann von der gegenüberliegenden Straße zu mir herüber und sprang gegen die gläserne Eingangstür. Anschließend läutete er bei allen möglichen Wohnungen. Ich stand zitternd vor dem Aufzug in der Hoffnung, dass dieser rechtzeitig kommen würde, um mich aus der Situation zu retten. Und dann ein halbes Jahr später an der Uni, als ich das erzählte und eine Studienkollegin gleich darauf fragte, was ich denn an diesem Tag getragen hätte…

#metoo Jedes Mal wenn ich tanzen gehe und einfach nur tanzen möchte und mich Typen anfassen, ansprechen, zu küssen versuchen – und ich will einfach nur tanzen und breche fast in Tränen aus vor Wut, weil das nicht möglich ist. Und dann sitze ich wütend in einer Ecke und es kommt einer und sagt mir, ich sei „doch so ein schönes Mädchen“, wenn ich doch lächeln würde.

#metoo Als ich meiner Mutter mit ca. zwölf Jahren sagte, ich wolle keine engen Shirts mehr anziehen, weil so viele Männer mich so ansehen würden, als ob sie mir gleich die Kleider vom Leib reißen wollten.

#metoo Jeder Pfiff, jeder Kommentar, jedes „Kompliment“, die nur darauf abzielen, meine Sexualität, mein Geschlecht zu kommentieren… Und der Gedanke daran, wie oft mir das gar nicht mehr auffällt, wie sehr ich schon daran gewöhnt bin, wie oft ich mit den Schultern zucke und mir denke „ist halt so“…

Isabell*

Ich wurde schon oft von fremden Männern angegrabscht, mir wurde auf der Straße hinterher gerufen und Männer machten Kommentare über meinen Körper oder bestimmte Körperteile. Egal ob in der Disco von jungen Typen oder in der Dorfkneipe von verheirateten Familienvätern! Pograbscher, eine Hand am Knie, ungewollte Umarmungen oder Küsse …

Besonders krass war ein Arztbesuch: Ich hatte Husten und der Arzt hat mich aufgefordert, mich oben rum komplett freizumachen, damit er mich abhören kann, also ohne BH. Dann hat er gesagt, wie schön er es findet, auch mal junge Frauen anschauen zu dürfen. Ich war so perplex in dem Moment, so wie in den meisten der anderen Situationen auch, dass ich nichts gesagt habe! Ich habe mich nur unheimlich schlecht gefühlt und mich geschämt! Aber das ist das Schlimme daran. Wir Frauen haben uns schon so an diese Situationen gewöhnt, dass wenn wir was sagen würden, wir wahrscheinlich eh als prüde oder zickig abgestempelt würden, oder wir keinen Spaß verstehen würden, oder es ja mit unserem Outfit oder Verhalten provoziert hätten!

All diese Momente führen dazu, dass man unsicher ist mit sich, mit seinem Verhalten, mit seinem Körper. Man traut sich weniger zu, weil man sich ständig beobachtet und aufs Aussehen reduziert fühlt und Angst hat, damit Männer zu provozieren. Man möchte am liebsten nicht auffallen. Ich habe immer ein Unwohlsein, wenn ich nachts alleine nach Hause gehe oder wenn ich zu meiner Lieblingsmusik zu viel die Hüften bewege oder wenn ich die Dorfkneipe betrete und nur alte, angetrunkene Männer am Tresen stehen! Ich fühle mich oft nicht frei!

Karin*

Zu oft schon ging ich am helllichten Nachmittag durch die Stadt und musste mir von vorbeispazierenden Männer(gruppen) Kommentare über meinen Körper („geile Titten“ usw.) anhören – zu perplex, um im richtigen Moment zu reagieren. Fünf Sekunden später, wenn ich den Ärger in mir langsam in Worte packen könnte, ists schon zu spät: Sie sind schon einige Meter weiter weg, mich umdrehen und ihnen nachlaufen will ich natürlich auch nicht.

Im vergangenen Sommer kam es aufgrund dieser Erlebnisse zu einer fast schon lustigen Situation: Ich hatte ein kurzes Kleid angezogen – es war übrigens dasselbe Kleid, das ich anhatte, als mir ein mir unbekannter Mann bei der Weihnachtsfeier zweimal an den Hintern grabschte: Beim ersten Mal hatte ich ihn schon zur Rede gestellt, beim zweiten Mal fing er sich eine Ohrfeige ein.  

An diesem Sommertag war ich also auf dem Weg zu meinen Freunden in die Stadt. Schon als ich von zu Hause losging, war ich irgendwie wütend – vielleicht war mir die Weihnachtsfeier gerade wieder eingefallen. Ich dachte mir: „Wenn mir heute jemand einen blöden Kommentar nachruft, dann wird der aber was zu hören bekommen! Der wird sich noch wundern!“ Und so dauerte es nur wenige Minuten, ich war noch keine 150 Meter von meiner Wohnung entfernt, als mir ein Fahrradfahrer nachpfiff und mit seinem Mund anzügliche Gesten machte. Perplex war diesmal aber nicht ich, sondern er, als ich ihn schon in derselben Sekunde beschimpfte und anschrie, wer er überhaupt zu sein glaubte. Nach einem kurzen Gespräch („das war ja nur ein Kompliment“) fuhr er weiter – und mir tat er schon fast ein kleines bisschen leid. In diesem Moment hat er stellvertretend für viele blöde Sprücheklopfer meine ganze Wut einstecken müssen. So schnell pfeift der niemandem mehr nach...

Das Kleid habe ich übrigens immer noch und trage es selbstverständlich auch! An keinem der Kommentare oder Taten war nämlich das Kleid schuld, sondern schuld war immer ein Mann.

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