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I Love Music

Vom Ghettoblaster der Vorkriegsgeneration zum modischen Accessoire der 00-Jahre – die kleine große Geschichte des Musikhörens.

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Bild: Flickr, owlpacino

Wer kennt es nicht, das kleine kompakte Ding in jedermanns Hosentasche? Das kleine Ding, mit der Speicherkraft eines Computers. Das streichholzschachtelgroße Gerät, vollgepackt mit der Musik, die man liebt, die man hasst und von der man gar nicht wusste, dass man sie überhaupt noch hat? Gesundheitsschädigende Eigenschaften werden ihm zugeschrieben, ja verdummende Eigenschaften soll es sogar haben.

So manches Großmütterchen lässt es sich nicht nehmen, immer wieder über das nicht Vorhandensein des Dings in ihrer Jugend zu sinnieren. Nein, das Ding gab es damals noch nicht, damals war alles noch viel größer und lebensechter. Man konnte die Musik fühlen, man konnte sie ertasten und sogar schmecken, wer nicht aufpasste, zerbrach auch schon mal eine Platte. So mancher hat es sich nicht nehmen lassen, als Kind mit dem Plattenspieler des Verwandten herumzuspielen, denn man fühlte sich als größter DJ der Welt, wenn man einen „Scratcher“ mit der Originalpressung der Led Zeppelin 3 hinbekam. Abertausende Polyvinylchloridplatten sind damals der kindlichen Vorstellungskraft zum Opfer gefallen.

Ghettoblaster der Vorkriegsgeneration

Aber was war vor dem Ganzen? Worüber haben sich die Großmütter unserer Großmütter aufgeregt? Die Musik war lange Zeit nicht mehr als ein kurzes, vergängliches Erlebnis, jedes Mozartkonzert war in seiner Beschaffenheit einzigartig, keiner vermochte damals, das Gehörte festzuhalten. Emil Berliner, der Mann der das Grammofon salonfähig machte, bändigte die Musik. Plötzlich musste man kein Orchester mehr im Keller verstecken, um sein Haus mit Musik zu verschönern. Nun reichte es, mit einer trichterartigen Gerätschaft aufzutauchen und eine runde Scheibe aufzulegen. Der Erfindergeist ging sogar so weit, dass man das Grammofon, dank Tragegurt, zum Picknick mitnehmen konnte – das Grammofon als Ghettoblaster der Vorkriegsgeneration quasi.

Über die Jahre wurde mehr und mehr in Richtung Rundfunk experimentiert. Nikola Tesla begründete mit seinen Entwürfen Ende des 19. Jahrhunderts den Radiofunk, trotzdem dauerte es noch gut 15 Jahre, bis an einem verschneiten Weihnachtsabend im Jahre 1906, die erste Radiosendung in Amerika übertragen wurde. Im Laufe der Jahre avancierte das Radio zu einem der wichtigsten Haushaltsgeräte. 

Kampf zwischen Schallplatte und CD

Nach jahrzehntelanger friedlicher Symbiose zwischen Radio, Kassette und Schallplatte klopfte die CD an die Tür, um ihren Vater, das Vinyl, zum Kampf herauszufordern – und sie gewann! Kleiner war sie, attraktiver und noch dazu hatte sie mehr Speicherplatz als die altmodische Schallplatte. Die war ja eh nur etwas für Eltern und Großeltern. Der Walkman, ein Kind der 80er-Jahre, sicherte die Stellung der Kassette (und später die der CD) in der Welt. Nebenbei sorgte er auch noch dafür, dass die Schultasche – zum Leidwesen der Lehrer – für die eigene Kassetten-Sammlung zweckentfremdet wurde.

Gut zwanzig Jahre später kam dann der erste iPod auf den Markt. Das revolutionäre Ding, das vom Mann mit dem treuesten Modegeschmack der Welt erfunden wurde, Steve Jobs, der Technik-Messias, der leider viel zu früh an Krebs verstarb, setzte sich mit seiner Erfindung ein Denkmal. Als der iPod seinen Siegeszug antrat, glaubte zunächst keiner daran, dass es dieses eine Gerät schaffen würde. War er doch einer unter tausend anderen Mp3-Playern. Im Laufe der Zeit avancierte der iPod dann immer mehr zum Trendgerät. Die Evolution nahm ihren Lauf.

Nostalgie und Evolution

Mittlerweile wird der Ruf nach dem Analogen, in dieser digitalen Zeit, in der wir uns befinden, immer lauter. Nicht zuletzt deshalb erfreut sich das Vinyl wieder zunehmender Beliebtheit. Namhafte Plattenhersteller konnten erstmals wieder bekannt geben, dass sie ihre Produktion gegenüber dem Vorjahr verdoppeln konnten, trotz Tauschbörsen und Streamingdiensten – dem neuesten Hybrid der musikalischen Evolution. Nachdem es die Musikindustrie in den 90ern verpasst hat, sich gegen das Aufbegehren der Musikpiraterie zu wappnen, versucht sie aktuell mit Streamingdiensten wie „Spotify“ oder „Sony Music“ nochmal Oberwasser zu bekommen. Mit Erfolg, Streamingdienste gelten neben Downloaddiensten als profitabelste Sparte der Branche. Aber zu welchem Preis? David Byrne, seines Zeichens Ex-Frontman der „Talking Heads“, rechnete der „Süddeutschen Zeitung" in einem Interview vor, wer wirklich von solchen Diensten profitieren würde. Eine fiktive Band – bestehend aus vier Mitgliedern – müsste mit mehr als 230 Millionen Zugriffen auf einer der Streamingplattformen rechnen, damit sie den amerikanischen Mindestlohn verdiene. Werden zukünftige Großmütter also über Streamingdienste schimpfen? Hoffentlich, denn das würde heißen, dass noch Bands existieren, die sich das Musikmachen leisten können.

Thomas Tribus

Als Studierender schreibt, filmt und fotografiert er für mehrere Redaktionen dies- und jenseits der Alpen. Liebt gutes Essen und gute Musik.
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