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Hundert und Zehn

Anna Huber wurde 1919 geboren und ist zehnmal so alt wie ihre Nachbarin Hannah Gschnitzer. In Thuins bei Sterzing traf zebra. die beiden zum Gespräch und fand heraus: Sie haben einiges gemeinsam.

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Bild: Georg Hofer

Wie seid ihr beide nach Thuins gekommen?
Anna:
Meine Mutter starb wenige Tage nach meiner Geburt im Jahr 1919. Die Frau, die mein Vater dann heiratete, hatte schon fünf Kinder und wollte mich nicht. Ich kam ins Liebeswerk-Heim nach Meran. Als ich fünf Jahre alt war, brachte mich ein Kapuzinerpater nach Telfes auf den Pfitscherhof. Wir gingen zu Fuß, ich erinnere mich genau. Auf dem Weg zum Hof trafen wir einen Bauer, der sagte: „Wenn man sie dort nicht will, kannst du sie bei mir lassen!“ Da wurde mir ein bisschen unheimlich. Unten am Hof war die Mutter gerade beim Krapfen backen. Sie hat mir gleich gefallen. Als der Pater nach einer Weile wieder gehen wollte, fragte er mich, ob ich mitkommen will. Da klammerte ich mich am Rock der Mutter fest. Sie war eine feine Frau. Nach Thuins kam ich erst als Erwachsene, als ich zu einem Bauer in den Dienst ging. 
Hanna: Ich bin als Baby nach Thuins gezogen, wo meine Mama daheim ist. Im oberen Stockwerk wohnt die Uroma, im unteren die Oma und wir wohnen im Zubau.

Wie war es als du, Anna, so alt warst wie Hannah heute?
Anna:
Die Zeiten waren anders und auch wir Kinder mussten viel arbeiten, aber ich hatte es gut bei meinen Zieheltern. Sie hatten noch zwei ältere, eigene Kinder. Der Bruder mochte mich, aber die Stiefschwester war eifersüchtig und konnte mich nicht leiden. Sie sagte immer ‚du bist aus dem Armenhaus!‘ Nach mir haben die Eltern noch ein Kind adoptiert, das mochte die Schwester viel lieber und das ließ sie mich spüren. Bei meiner Firmung hat sie mir sogar verboten, mit den anderen Kindern in der Kutsche mitzufahren. 
Hannah: Die Stiefschwestern sind immer böse. Das ist genau wie in den Märchen, die ich so gerne lese.
Anna: In der Schule haben mir die Kinder auch immer gesagt, dass ich eine ‚Angenommene‘ bin und nicht dazugehöre. Ich durfte oft nicht mitspielen oder wurde gehänselt. Ich habe mich immer fremd gefühlt. Das war nicht fein.
Hannah: Das kenne ich. Ich wurde auch schon gehänselt, weil ich in meiner Klasse eine der kleinsten bin und manchmal nennen sie mich ‚Streberin‘, weil ich gerne lerne und Mathematik mein absolutes Lieblingsfach ist.

Bild: Georg Hofer

Wie findest du alte Menschen, Hannah?
Hannah:
Die meisten sind nett, nett, nett. Einige sind auch ein bissl stressig, so wie meine Oma manchmal. Für sie muss immer alles sauber und ordentlich sein. Aber ich mag sie und man kann viel von ihr lernen. Bei Anna habe ich gerade gelernt, dass man die Fernbedienung in Frischhaltefolie wickeln kann. So kann man sie wahrscheinlich besser abstauben!

Und wie möchtest du einmal als Oma sein?
Hannah:
Oma? Vielleicht bekomme ich ja gar keine Kinder, dann werde ich keine Oma sein! Wenn ich alt bin, möchte ich noch aktiv und fröhlich sein.
Anna: Ich habe die alten Leute immer gern gehabt und bin gut mit ihnen ausgekommen. Und auch wenn man alt wird, man bleibt immer derselbe Mensch. Ich fühle mich gar nicht alt, ich fühle mich immer noch jung.

Was hältst du von den Jungen heute, Anna?
Anna:
Die jungen Leute sind schon in Ordnung, aber sie leben ganz anders als wir damals. Sie haben heute viel mehr Unterhaltung und Spaß. Das habe ich auch bei meinem Geburtstagsfest gesehen. Viele haben mir gratuliert, die Musikkapelle hat gespielt und so viele Blumen habe ich bekommen. Das war überhaupt der schönste Tag in meinem Leben.

Und was war die schwerste Zeit in deinem Leben? 
Anna:
Im Krieg gab es große Not. Kurz vor Kriegsende wurde mein Bruder eingezogen – zu Unrecht! Weil der Vater schon über 60 war, hätte er nicht einrücken müssen. Dass er gefallen ist, hat der Vater beiläufig erfahren. Beim Milchgeld-Holen unten in Stange hat es ihm einer lachend ins Gesicht gesagt. Der Onkel musste den Vater nach Hause bringen. Er hat es nicht verkraftet und im Sommer drauf ist er gestorben.
Hannah: Dass du den Krieg so nah miterlebt hast, hätte ich mir nicht gedacht. Was ist danach passiert?
Anna: Nach dem Krieg bin ich auf dem Hof geblieben und habe immer gearbeitet. Verdient habe ich nichts. 1952 brachte ich eine Tochter zur Welt. Ein lediges Kind war damals ein schweres Schicksal. Meine Ziehschwester hat das Kind aufgezogen und ich hatte leider keine Beziehung dazu. Das war sehr schwer für mich. Als 1966 die Mutter starb, bin ich gegangen. Ich wollte nicht länger auf mir herumhacken lassen. Ich habe dann in Thuins bei einem Bauern gearbeitet. Als ich älter wurde, hat die Gemeinde mir diese Wohnung im alten Schulhaus zur Verfügung gestellt. Hier geht es mir sehr gut.
Hannah: Wenn ich alt bin, möchte ich auf jeden Fall auch in Thuins leben. Am liebsten mit meiner Familie, nicht im Altersheim. Wenn ich vielleicht noch irgendwann Geschwister bekomme, dann könnte ich mit einer Schwester wohnen oder auch mit Freundinnen. Obwohl … das könnte ein Problem sein, denn die sind gleich alt wie ich und dann wären wir wohl alle zu alt. Aber wir könnten uns dann eine Betreuerin teilen.

Bild: Georg Hofer

Was wünschst du der nächsten Generation, Anna?
Anna:
Ich wünsche Hannah und allen Jungen ein langes Leben in Frieden und Gesundheit. 
Hannah: Ich will alt, grau und schlau werden. Ich möchte ganz viel lernen und einmal studieren gehen und dann Lehrerin werden, oder Kindergärtnerin, oder Reitlehrerin oder etwas anders, das ich mir noch überlegen muss.

Machst du dir manchmal auch Sorgen, wenn du an die Zukunft denkst?
Hannah:
Ja, ich sorge mich hin und wieder. Ich hoffe, dass ich und meine Eltern nicht krank werden, und dass nicht wieder ein Krieg kommt. Ich wünsche mir, dass ich auch ganz alt werden kann und dabei so fit bleibe wie Anna.

Hast du da einen Tipp, Anna?
Anna:
Ich habe allerhand gesehen und erlebt. Schönes und weniger Schönes. Aber ich habe mich nie gegrämt, stets weitergearbeitet und war immer zufrieden. Wenn man zufrieden ist, erträgt man alles viel leichter. Wer unzufrieden ist, hat es schwer im Leben und die Angehörigen drum herum haben es dann auch schwer.

von Lisa Frei

Der Artikel ist erstmals in der 49. Ausgabe (Juni 2019) der Straßenzeitung zebra. erschienen.

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Straßenzeitung zebra.

Beim Zebrastreifen am Bahnhof, vor der Bäckerei, neben dem Dom – die VerkäuferInnen der Organisation für eine solidarische Welt bringen zebra. druckfrisch unter die Leute. Sie sind an ihren Ausweisen gut erkennbar und verkaufen die Straßenzeitung für zwei Euro. Ein Euro davon geht in die Produktion, der andere bleibt dem/der VerkäuferIn. Pro Ausgabe wird ein zebra-Artikel hier auf BARFUSS veröffentlicht – zum Reinschnuppern ins neue Heft.

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