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Indische Aktivistin zu Gast in Bozen

Handmade in India

Laila Tyabji setzt sich für die Rechte indischer Kunsthandwerker ein. Wer für die prekären Arbeitsbedingungen in den Fabriken verantwortlich ist und was Konsumenten tun können.

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Bild: Gritsch Brigitte

„Made in India“ steht auf dem Sari, den die Kunstdesignerin Laila Tyabji trägt. Um aus dem violetten Samt das Kleid zu schneidern und es mit Ornamenten zu besticken, arbeiteten mehrere Menschen stundenlang, vielleicht sogar mehrere Tage daran. Aber nicht in einer meterhohen Textilfabrik, in der hunderte Nähmaschinennadeln im Takt hämmern. Der Sari der 69-jährigen Laila Tyabji wurde von indischen Kunsthandwerkern gefertigt. An die 150 Euro hat sie dafür bezahlt. „Mit dem Wissen, dass die Produzenten gerecht entlohnt werden“, sagt sie.

1981 gründete Laila Tyabji mit fünf weiteren Frauen die Nichtregierungsorganisation Dastkar, um die Situation der indischen Kunsthandwerker zu verbessern. Nach wie vor hält sie als Geschäftsführerin Vorträge auf der ganze Welt, zuletzt in Bozen anlässlich der Tage der Entwicklungszusammenarbeit. Sie versucht eine Brücke zu schlagen zwischen Handwerkern und Käufern.

Frau Tyabji, mit welchen Problemen haben indische Kunsthandwerker zu kämpfen?
Die Produkte, die sie herstellen, entsprechen nicht dem Geschmack vieler. Der Sari, den ich trage, meine Ohrringe, viele Dekorationsgegenstände aus Terrakotta oder Holz – diese ganzen Dinge lassen sich begrenzt in Indien, im Ausland aber so gut wie gar nicht verkaufen. Außerdem, und dafür engagieren wir uns, sollen die Kunsthandwerker gerecht entlohnt werden. Viele Leute sind aber nicht bereit, für qualitativ hochwertige Produkte zu bezahlen.

Stattdessen kaufen sie Einrichtungsgegenstände bei Ikea und T-Shirts um weniger als zehn Euro bei Primark ...
Und das, obwohl sich die Konsumenten natürlich im Klaren darüber sind, unter welchen Arbeitsbedingungen und zu welchem Lohn unter anderem in vielen indischen Fabriken produziert wird. Dabei spielt nicht nur der Preis eine Rolle, sondern auch das Gebot der Konformität. Jeder möchte das gleiche essen und die gleiche Kleidung tragen wie alle anderen auch. Internationale Ketten bieten überall das gleiche an, egal ob in Amsterdam, in New York oder Tokio. Wird maschinell produziert, kann gewährleistet werden, dass die Endprodukte ident aussehen. Kunsthandwerker können das nicht. Jedes ihrer Produkte ist ein Unikat und gleicht keinem anderen vollkommen. Mein Kleid zum Beispiel ist einzigartig. Auch wenn in derselben Kollektion ähnliche produziert wurden, ist es schlichtweg unmöglich, die Stickereien genau so zu kopieren.

Bild: Angelika Aichner

Laila Tyabji sitzt in einem grünen Lederdivan im Hotel Laurin in Bozen. Hin und wieder holt sie ihr Smartphone aus der Tasche und schielt auf das Display, kontrolliert, ob jemand versucht hat, sie zu erreichen. Die wenigen Tage, die sie in Bozen ist, sind verplant. „Keine Zeit für Sightseeing“, sagt sie. Interviews, runder Tisch, eine Modenschau. Immer wieder spricht sie über die die Schattenseiten der maschinellen Produktion, die Möglichkeiten des Kunsthandwerks. „Zuzusehen, wie Hände aus einem Rohstoff ein Endprodukt fertigen, hat mich immer schon fasziniert“, so Tyabji.

Liegt es am Endverbraucher, die prekären Arbeitsbedingungen zu verändern?
Die Konsumenten sind zumindest mitunter dafür verantwortlich. Immerhin nehmen sie die Arbeitsbedingungen in Kauf. Allerdings sind es vor allem die staatlichen Einrichtungen, die sich kümmern müssten. Sie sollten strikte Regeln vorgeben und deren Einhaltung kontrollieren. Ein Mensch alleine wird das Problem nicht lösen können. Im Übrigen halte ich von einem Boykott einzelner Produkte aus Bangladesch, China oder Indien wenig. Viele meiden es, Kleidung mit dem Siegel „Made in Bangladesch“ zu kaufen, besitzen aber ein Smartphone, dessen Produktion mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit unter genauso unmenschlichen Arbeitsbedingungen stattgefunden hat. Ein Produkt nicht zu kaufen, ändert an der Gesamtsituation wenig, andere Produktionsbedingungen zu fordern dagegen sehr wohl.

Warum gründeten Sie gemeinsam mit fünf weiteren Frauen die NGO Dastkar?
Ich hatte das Privileg, sehr viel reisen zu dürfen und erkannte durch den Blick von außen auf mein Herkunftsland, wie viele talentierte Kunsthandwerker dort leben. Aus verschiedenen Rohstoffen, beispielsweise aus Holz, Terrakotta oder Wolle, fertigen sie unglaublich schöne Produkte. Allerdings fiel mir auch die Kluft zwischen den Handwerkern und den Konsumenten auf. Um das Kunsthandwerk zu stützen und diese Kluft zu überbrücken, gründeten wir vor 35 Jahren Dastkar.

Ist es Ihnen gelungen, die Kunsthandwerker und die Konsumenten einander näher zu bringen?
Mittlerweile kümmern wir uns um etwa 36.000 Handwerker, organisieren Kunsthandwerkmärkte, vergeben Kredite und unterstützen sie bei der Entwicklung neuer Produktionstechniken. Außerdem organisieren wir Vorträge, um die Konsumenten für das Thema zu sensibilisieren. Viele begreifen dadurch, dass die Produkte der Handwerker teurer sind, weil nur so eine gerechte Entlohnung möglich wird. Die Kunsthandwerker verdienen teilweise bis zu 75 Prozent des Verkaufspreises – auch weil aufgrund der mangelnden Nachfrage sehr wenig exportiert wird und dadurch die Zwischenhändler wegfallen. Die Tatsache, dass Dastkar viele Kunsthandwerker dabei unterstützen kann, von ihrem Talent zu leben, ist auf jeden Fall ein Erfolg.

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