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Höhenrausch auf zwei Brettern

Splitboards sind Tourenski und Snowboard in einem. BARFUSS hat sich mit dem teilbaren Brett auf eine Tour ins freie Gelände gewagt.

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Bild: Gerhard Jäger

Meine Oberschenkel sind butterweich. Ihre Kraft liegt hinter mir im Tiefschnee, verteilt auf 1.200 Höhenmetern. Schweiß rinnt mir am Bauch hinunter. Die Sonne brennt wie im August vom Himmel. Ich schiebe das Brett einen halben Meter vorwärts und rutsche zwei seitlich ab. Der Widerstand meiner Beine reicht nicht mehr, um im Pulverschnee am Hang des Finstertaler Schartenkopfes Halt zu finden. Ich blicke hoch zum Gipfel. Es sind nur noch hundert Höhenmeter. Spätestens jetzt ist klar: Splitboarden ist eine Ganzkörpererfahrung, die Kraft und Willensstärke erfordert, die aber beim Blick auf das Bergmeer vor allem tief unter die Haut geht.

Gut vorbereitet

Am Tag zuvor bei der Tourenplanung: In Südtirol ist Schneefall angekündigt, wir entscheiden uns für eine Tour in den Stubaier Alpen in Nordtirol. Finstertaler Schartenkopf auf 2.800 Metern, heißt unser Ziel. Keine Passage der Tour ist steiler als 35 Grad. Die Route ist also auch bei Lawinenwarnstufe drei sicher, erklären mir die zwei erfahrenen Skitourengeher, die mich begleiten werden. 1.300 Höhenmeter sind zurückzulegen. Kein Problem mit meinem neuen Splitboard, denke ich mir. Bauchweh verschafft mir zu diesem Zeitpunkt nur die Abfahrt. Meine Erfahrungen als Freeriderin sammelte ich vor allem auf der Couch mit Youtube-Videos.

Daheim im Warmen übe ich noch ein paar Mal, wie man die zwei Bretter zu einem Snowboard zusammenbaut: Aufstiegsfelle und Bindung runter, Bretter zusammenstecken, Bindung wieder fixieren und schon liegt vor mir ein Snowboard. Die Softbindung meines alten Boardes passt perfekt. Die neuen Einzelteile sind sperrig. Ich benötige 10 Minuten für den Umbau. Dass das Herumfingern am Brett bei Minusgraden am Gipfel genauso Spaß macht, bezweifle ich. Doch der Gedanke trübt meine Vorfreude aufs erste Mal im freien Gelände nicht.

A „Tolhatscher"

Wir starten in Niederthai im Ötztal. Trotz angekündigten Föhns ist es windstill. Nur ein paar zerfetzte Hochnebel und Schneefahnen verweisen auf Wind am Berg. Es geht taleinwärts einen Forstweg entlang. Daneben plätschert ein Bach. Ich muss die Beine nicht wie beim Schneeschuhwandern anheben, erklären mir meine beiden Nordtiroler Freunde nach den ersten Metern. Zunächst ist es ungewohnt. Doch schon bald genieße ich es, mich ohne Snowboard am Rücken durch das Winterwonderland zu schieben. Meine Bretter passen gut in die Spur meiner Tourenpartner. Ich bin frei vom schlechten Gewissen, Spuren mit Schneeschuhen zu zertrampeln.

Es geht nur leicht aufwärts. Wir gehen und quatschen dabei gemütlich. „Tourengehen ist ein super Wintersport“, schwärmen die Jungs, „es geht in Arme und Beine.“ Sie haben recht, es fühlt sich gut an. Eineinhalb Stunden und nur fünfhundert Höhenmeter später ist mir klar, was Einheimische am Morgen mit „Tolhatscher“ meinten, als sie von unserer Tour hörten. „Hier beginnen wir den Aufstieg“, zeigt der Spurer mit einer Banane Richtung Wald, als wir kurz rasten. Es sind noch 800 Höhenmeter bis ans Ziel.

Es wird steiler und heißer. Spitzkehren stehen an. Die Technik zum Wenden kenne ich von Pistentouren. Der Schnee an diesem Hang ist instabil. Hochkonzentriert stemme ich das untere Bein als Stütze in den Schnee, um mit dem bergseitigen Bein zu wenden. Plötzlich rutsche ich. Ein paar Meter geht es bergab. Erschöpft, verschwitzt aber immer noch hochmotiviert, versuche ich es auf ein Neues. Es klappt. Ich kämpfe mich weiter über den Hang zu den anderen. Erleichtert sehe ich, dass auch sie außer Atem sind.

Wir warten kurz, bis sich der Puls beruhigt hat. Wir sind alleine. Kein Geräusch ist zu hören. Die schneebedeckten, weißen Hänge unterhalb der Bergspitzen glitzern in der Sonne. Seit drei Stunden sind wir unterwegs. Unser Ziel ist immer noch nicht in Sicht. Meine Beine sind müde, aber ich fühle mich gut. Es geht flach weiter. Plötzlich sagt mein Freund: „Jetzt sieht man den Gipfel.“ Bis dorthin wollen wir heute noch gehen? In diesem Moment eine unglaubliche Vorstellung.

Aufstiegs- und Abfahrtsgerät in einem

Als wir am letzten Hang unterhalb des Gipfels angelangen, kommt Wind auf. Es zieht zu und kühlt ab. Wieder wird es steil. Jeder geht nun für sich. Der Spurer zieht an, ich rede in der Mitte auf mich ein und hinter mir träumt mein Begleiter von Chili con Carne. Wir sind am Ende unserer Kräfte. Doch auch gleich am Ende des Aufstiegs. Die letzten fünfzig Meter geht es ohne Bretter weiter. Wie befürchtet weht am Gipfel ein unerträglicher Wind. Wir beschließen, weiter unten zu rasten. Mit knallroten, kaum noch spürbaren Fingern und der Hilfe meiner Freunde baue ich aus meinen Skiern ein Snowboard. Dann geht es bergab.

Meine Beinmuskulatur macht schlapp. Ich gleite nur langsam im Tiefschnee den Hang hinunter. In einer geschützten Mulde essen wir was. Nirgends schmecken Käsebrote so gut wie am Berg. Dann kommt die Stunde der Wahrheit. Eigentlich will ich nicht, aber ich muss. „Lass einfach das Brett laufen. Du fällst eh federweich“, rede ich auf mich ein, als ich am Kopf des steilen Hanges stehe. Schon schwimme ich über den Schnee. Das Brett läuft fast von alleine. Berggipfel ziehen an mir vorbei. Wow! Es ist ein geniales Gefühl. Ein paar Mal falle ich hin und stecke hilflos im Schnee, wie ein Käfer auf seinem Rücken. Die Jungs helfen mir weiter. Die Abfahrt geht sehr schnell. Dafür zieht sich der flache Forstweg in die Länge. Ich will nicht vom Brett absteigen und so schiebe ich mich das letzte Stück mit Stöcken zum Parkplatz. Mit brennenden Oberschenkeln und schlappen Armen setze ich mich ins Auto. Ich bin fix und fertig, aber überglücklich. Nach dieser Tour steht fest: Couch-Freeriden ist von nun an Vergangenheit.

Silleskogel in den Zillertaler Alpen: BARFUSS-Redakteurin Eva bei ihrer zweiten Tour

Eva Schwienbacher

ist gerne in der Welt unterwegs, lebt jetzt im Moment in Innsbruck. Sitzt nicht gerne still und textet am liebsten beim Wandern.
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