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Interview zum Corona-Schulbetrieb

Geteilt und gespalten

Einen ganzen Monat sind Südtirols Kindergärten und Schulen jetzt wieder in Betrieb. Kann Unterricht trotz der strengen Auflagen funktionieren?

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Plötzlich weit auseinander: Wie geht es den Schüler*innen und dem Lehrpersonal mit den neuen Regeln?

Bild: Andy Falconer/unsplash

Sechs Monate, nachdem im März alle Schulen landesweit aufgrund der Corona- Krise schließen mussten, drücken Südtirols Schüler*innen seit dem 7. September erneut ihre Schulbänke. Um die Lernenden, aber auch die Lehrenden und das Schulpersonal bestmöglich zu schützen, wurden strikte Maßnahmen seitens der Landesregierung getroffen. Auf dem Papier umsetzbar, doch wie sieht es in der Praxis aus?
Nadia Zuggal ist 17 Jahre jung und selbst Schülerin am Sozialwissenschaftlichen Gymnasium mit Schwerpunkt Musik in Meran. Was hat bisher funktioniert, was nicht? Als stellvertretende Vorsitzende des Landesschülerbeirats (LSB) zieht sie eine erste Zwischenbilanz.

Nadia Zuggal ist stellvertretende Vorsitzende des Landesschülerbeirats

Bild: Max Anders
Der Landesschulrat hat den größten Teil des Sommers mit der Planung des heurigen Schuljahres verbracht. Welche Maßnahmen wurden dabei beschlossen?
Ziel der strengen Richtlinien und des Sicherheitsprotokolls ist es, eine Verbreitung des Virus weitgehend zu verhindern, aber Bildung dennoch zu ermöglichen. Zu den Maßnahmen gehören unter anderem ein ständiges Desinfizieren der Hände beim Verlassen und Betreten des Raumes, das Tragen einer Maske, sobald man sich vom eigenen Sitzplatz wegbegibt und das Einhalten der Mindestabstände. Bei Nichteinhaltung der Regeln sind Vermerke oder gar Schulverweise vorgesehen. Diese Maßnahmen gelten jedoch nur für den Unterricht in einer „normalen“ Klasse. Gibt es beispielsweise einen Schulchor, müssen die Schüler*innen im Abstand von zwei Metern zueinander stehen und zur Lehrperson sogar drei. In solchen Fällen scheitert es meist nicht an den Maßnahmen, sondern am Fehlen der Räumlichkeiten.

Der Jugend wird meist vorgeworfen, sie halte sich nicht an die Regeln und verharmlose die Gefahr. Hält man sich größtenteils an die Maßnahmen?
Ich kann nur das wiedergeben, was mir erzählt wird und was ich sehe. Größtenteils halten sich Schüler*innen und Lehrpersonen daran, natürlich gibt es immer Ausnahmen. Leider habe ich in der letzten Zeit auch von solchen Ausnahmefällen gehört, wo sich entweder manche Lehrpersonen oder Schüler nicht an die Maskenpflicht halten oder wo Schüler*innen sich zwar im Schulgebäude an die Regeln halten, aber außerhalb der Schulzeiten keinen Abstand einhalten.

Die Klassen wurden am Anfand des Schuljahres in kleinere Gruppen unterteilt und wechseln zwischen Präsenz- und Fernunterricht.

Durch das Aufteilen der Klasse soll die Ansteckungskette so kurz wie möglich gehalten werden. In wie viel Gruppen eine Klasse unterteilt wird und wie oft der Präsenzunterricht für diese Gruppen an der Schule stattfindet, obliegt jeder Schule selbst. Ich weiß von Schulen, wo beispielsweise die erste und fünfte Klasse Oberschule 100% in Präsenz unterrichtet werden und die restlichen Klassen lediglich 50- 70%.

Mehrere Plattformen an der selben Schule zu nutzen, bringt Verwirrung und Stress mit sich.

Was passiert, wenn nun in einer Gruppe ein oder schlimmstenfalls sogar mehrere Corona-Fälle auftreten?
Die betroffene Gruppe wird in Quarantäne und somit in den Fernunterricht geschickt. Sollten in einer Schule vermehrt Fälle auftreten, wird diese eine Schule für eine bestimmte Zeit geschlossen und nimmt den Betrieb dann erneut auf. Die Wahrscheinlichkeit, dass alle Schulen auf einmal schließen müssen, so wie es im März war, ist sehr gering, besonders weil alles daran gesetzt wird, um das zu vermeiden. Mit Gewissheit kann man in diesen Zeiten aber nichts vorhersagen.

Der etwas andere Schulalltag stellt vor allem das Lehrpersonal vor neue Herausforderungen.
Viele Lehrer, besonders jene im höheren Alter, scheinen mit den technischen Umstellungen etwas überfordert zu sein. Das kann man niemandem übelnehmen. Von heute auf morgen wird man ins kalte Wasser geworfen, der Umgang mit modernen Technologien muss aber gelernt sein. Andererseits erlebe ich es auch als Chance, die immer besprochene Digitalisierung voranzutreiben. Situationsbedingt haben auch viele Lehrpersonen den Umgang mit digitalen Angeboten gut erlernt. Vorteilhafter ist es, nur eine Plattform für das digitale Lernen zu nutzen. Ich habe von Schulen gehört, die mehrere gleichzeitig nutzen. Das bringt Verwirrung und Stress mit sich, sei es für Lehrer*innen als auch für Schüler*innen.

Von welchen Problemen oder Schwierigkeiten berichten Dir die Schüler*innen?
Das Einhalten oder Nicht-Einhalten der Regeln spaltet die Schülerschaft in gewisser Weise untereinander. Ein anderes Problem kommt mit den Klassenteilungen. Wer mit seinem Freundeskreis nicht in dieselbe Gruppe eingeteilt wurde, dürfte die eigenen Freunde nicht mehr treffen, um mögliche Ansteckungen zu vermeiden. Viele leiden unter diesem „Freundesentzug“. Zudem birgt der digitale Unterricht ganz neue Herausforderungen. Besonders leistungsschwache Schüler*innen sind auf Unterstützung angewiesen, die über eine Webcam nicht angeboten werden kann.

Wie werden Prüfungen geschrieben?
Prüfungen und Tests werden meist im Präsenzunterricht abgehalten, damit nicht so leicht „geschwindelt“ werden kann. In der Theorie gut, in der Praxis bedeutet dies jedoch eine so vollgepackte Woche, dass du nicht mehr weißt, wo dir der Kopf steht.

Im Home-Learning merkt man erst, wie sehr die Schulatmosphäre das Lernen begünstigt.

Die Unterrichtsbedingungen sind dadurch sehr schwierig und komplex geworden. Wird im Gegenzug der Unterricht als solcher vereinfacht?
Nein, überhaupt nicht. In gewisser Weise ist er sogar schwerer geworden, da der geplante Unterrichtsstoff durchgebracht werden muss, man aber weniger Zeit in der Schule selbst verbringt. Einiges muss man sich in Eigenarbeit aneignen. Auch die Videokonferenzen sind sehr mühselig, denn man starrt durchgehend auf einen Bildschirm. Zuhause finden sich zudem mehr Ablenkungsmöglichkeiten. Da merkt man erst, wie sehr die Schulatmosphäre das Lernen begünstigt!

Von der Eigenständigkeit abgesehen: Welche neuen Kompetenzen werden durch den digitalen Unterricht erlernt?
Einteilungsvermögen, ganz eindeutig. Wann man welches Fach lernt oder die Arbeitsaufträge erledigt, muss durchdacht werden. Ansonsten steht man vor einem Berg von Arbeit und ist maßlos überfordert. In gewisser Weise werden durch die Verkleinerung der Klassen auch soziale Kompetenzen gestärkt. Besonders in großen Klassen bilden sich schnell Grüppchen. Die Klassenteilung führt aber dazu, dass man auch mit anderen in Kontakt treten muss und bestehende Verhältnisse vertieft.

Geht unterm Strich nicht einiges verloren?
Neue und unerwartete Freundschaften sind natürlich viel wert, aber bestehende Kontakte werden wiederum aus dem Auge verloren. Der Pausenhof ist kein Treffpunkt mehr, Gruppen dürfen sich nicht durchmischen, Kontakt zu anderen Klassen und Gruppen soll vermieden werden.

Durch die Maßnahmen ergibt sich eine Diskrepanz zwischen „ich soll nicht“ und „ich will“, besonders im sozialen Miteinander. Wachsen diesbezüglich die Unsicherheiten bei den Schüler*innen?
Große Unsicherheiten gibt es bei jenen, deren Familienmitglieder oder die selbst zur Risikogruppe gehören. Dementsprechend halten sich diese Schüler*innen sehr streng an die Regeln und ermahnen auch ihr Umfeld, dies zu tun. Das verstehe ich sehr gut, ich möchte meine Großmutter auch nicht anstecken. Dasselbe gilt auch für die Lehrpersonen. Es gibt Fälle, wo der Unterricht ausschließlich online stattfindet, um die Lehrperson vor einer möglichen Infektion zu schützen.

Niemand ist einem böse, wenn man den Dreh nicht nach der ersten Woche raushat.

An wen wenden sich die Schüler*innen bei Problemen und Unsicherheiten?
Am besten ist es immer, mit der zuständigen Lehrperson zu reden. Wir sitzen alle im selben Boot, sind alle gleich ahnungslos. Niemand ist einem böse, wenn man den Dreh nicht nach der ersten Woche raushat. Die besten Strategien entwickeln sich mit der Zeit.

Gibt es Maßnahmen, die Du anders geregelt hättest?
Natürlich deckt man in der Praxis die Schwachstellen der Theorie auf, wie etwa, dass die Verkehrsmittel nicht immer so viel weniger ausgelastet sind wie geplant. Ich persönlich hätte es aber nicht besser durchdenken können. Allein einen Stundenplan zu erstellen, der alle Gruppen einer Klasse gleichwertig Bildung garantiert, ist eine Höchstleistung! Jede Maßnahme verfolgt einen Zweck. 

Inwieweit wurde der Landesschülerbeirat in das Treffen der Maßnahmen und Entscheidungen miteinbezogen?
Aufgrund der Krise ist die Kommunikation etwas liegen geblieben. Wir wurden dieses Jahr nicht in die Entscheidungen oder Ideenbringung miteinbezogen, ebenso wenig der Landeselternrat. Es gab eine Videokonferenz mit Philipp Achammer, in der wir informiert wurden, wie das Schuljahr ablaufen würde, jedoch wurden wir nicht nach unserer Meinung gefragt. Das ist schade, denn im Endeffekt erleben wir den Schulalltag aus erster Hand. Wie gesagt, es wurde gut geregelt, aber natürlich wären wir gerne miteinbezogen worden. Wenn wir beim Thema Schule und Unterricht nicht mitreden können, wann dann?

Welchen Wunsch würdest Du gerne an den Landesrat, den Schüler*innen Südtirols und an alle Außenstehenden richten?
Liebe Außenstehende, ich weiß, es ist schwer, unsere Situation zu verstehen. Versucht bitte dennoch, euch in uns hineinzuversetzen, denn der Schulalltag ist nicht so leicht, wie er scheint. Lieber Landesrat, wir würden gerne miteinbezogen werden, denn im Endeffekt geht es um uns. Liebe Schüler*innen, lasst euch nicht unterkriegen! Ich bin überzeugt, dass wir diese Situation meistern. Dennoch wünsche ich mir, dass sich jede*r an die Regeln hält, um anderen Menschen viel Leid zu ersparen.

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