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Wir Ypsiloner

Generation Weichei

Einfach durchbeißen? Nein, danke! Die Ypsiloner haben Schwäche zur neuen Stärke gemacht.

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Bild: flickr/sheenajibson

Dass das Wort „Weichei“ erst seit dem Jahr 2000 im Rechtschreibduden steht, wundert mich nicht. Mit der Geburt des ersten Ypsiloners ist wohl der letzte Hartgesottene gestorben und es wurde Zeit für einen Neologismus, der unsere Einstellung zum Leben beschreibt. Unsere Generation hält nämlich nichts vom Durchhalten. Wir schreien lieber laut, bis sich etwas ändert.

Hartgesotten oder doch lieber weich?
Als ich neulich um acht Uhr morgens den ersten roten Apfel vom Baum pflückte und den gefrorenen Tau unter meinen Fingern bröckeln spürte, ahnte ich bereits Böses. Als mir meine Mutter eine halbe Stunde und zehn tiefgefrorene Finger später immer noch von ihrem ersten Job im eiskalten Apfelmagazin erzählte und mit jedem zweiten Wort betonte, welche Jammerlappen wir Jungen doch seien, musste ich mir schließlich eingestehen: Wir sind wohl wirklich die Generation der Weicheier. Während Mama damals, als sie sogar noch jünger war als ich, ohne ein Wort zu sagen, Zwölf-Stunden-Schichten schob und Äpfel am eisigen Fließband sortierte, weil der Chefin sogar bei Minusgraden die Heizung zu teuer war, stehe ich hier im für sie nur kühlen Morgentau und lamentiere, weil ich ein knappes Stündchen lang meine Finger nicht mehr spüre. „Spätestens wenn dich die ersten Sonnenstrahlen treffen, ist eh alles vorbei“, sagt Mama während der kalte Rauch aus ihrem Mund strömt. Dann ist sie still und pflückt weiter.

„Sind wir Weicheier, nur weil wir sagen, was uns nicht passt? Oder sind es die Generationen vor uns, weil sie nie gesagt haben, was ihnen nicht passte?”

Von starken und schwachen Weicheiern
Durchhalten, denke ich mir, ist das eigentlich wahre Stärke? Oder ist es eher schwach, wenn man die Zähne zusammenbeißt und still leidend weitermacht? Sind wir Weicheier, nur weil wir sagen, was uns nicht passt? Oder sind es die Generationen vor uns, weil sie nie gesagt haben, was ihnen nicht passte?
Nie würden wir Kälte leiden, weil unser Chef mit dem Heizungsgeld lieber das Sparschwein füttert. Wir würden sagen, dass wir zu kalt haben, und würden kündigen, wenn sich nichts ändern würde. Aushalten ist nichts für uns Ypsiloner. Für uns stehen wir selbst im Vordergrund und das wichtigste ist, dass es uns gut geht. Entweder das Leben tanzt nach unserer Pfeife und sonst muss die Pfeife eben in einem anderen Rhythmus gespielt werden. Doch sind wir deshalb Weicheier? Im Gegenteil. Ich finde, man sollte uns viel eher als Revolutionäre rühmen, weil wir den Zeiten des stillen Aushaltens endlich ein Ende gesetzt haben. Wir haben die Grenzen verschoben und die Schwäche zur neuen Stärke gemacht.  

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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Wir Ypsiloner

Die Generation Y ist jung, gebildet, arbeitsscheu und ihr stehen alle Türen offen. Sagt man zumindest. Aber stimmt das wirklich? Wie ticken wir wirklich? Was ist uns wichtig? Sind wir die heimlichen Revolutionäre? Eine Kolumne gibt den Ypsilonern eine Stimme.

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