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Apfelbauer Max von Pfeil

Generation Gemüsegärtner

Max von Pfeil ist eigentlich Apfelbauer. Jetzt möchte er es Familien ohne Garten ermöglichen, ihr eigenes Gemüse anzubauen. Beinahe wie Selbstversorger.

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Max möchte in seinen Schrebergärten kein Halligalli, sondern passionierte Gärtner.

Bild: Petra Schwienbacher

Vor zwei Jahren standen hier noch Apfelbäume Reihe an Reihe, Baum an Baum. Jetzt folgt der Boden einer anderen Bestimmung. Jetzt recken hier Salatpflanzen ihre Blätter in die Luft, Kohlrabi, Karotten und Kartoffeln bohren sich durch die fruchtbare Erde. Seit März 2021 wird hier, hinter der Industriezone in Tscherms, Gemüse angebaut. Der 33-jährige Tschermser Max von Pfeil hat Platz für 20 Kleingärten geschaffen.

Back to the roots

Es ist schwül heute Morgen, das Thermometer klettert im Laufe des Tages bestimmt noch auf die 30 Grad. Während andere ins Büro fahren, wirft Max wie jeden Morgen einen Blick über die Gartenzäune aus Lärchenspalten – ganze 4.000 Stück. Sie sorgen für Privatsphäre und für eine etwas andere Atmosphäre als in anderen Kleingärten. Vielleicht liegt es daran, dass  ein befreundeter Architekt, Georg Ladurner, die Gartenanlagedesignt hat. Die Gartenflächen sind nämlich nicht geradlinig angeordnet, vielmehr gehen sie ineinander über, verschmelzen zu einer Symbiose. Jede Fläche der Kleingärten ist dabei anders, von 72 bis 156 Quadratmeter groß.

Insgesamt 20 Beete hat Max angelegt. Einige davon sind noch frei.

Bild: Max von Pfeil

Einige davon liegen noch brach, damit sich der Boden regeneriert. Da wuchern Gräser, Wiesenblumen und Raps und da schwirren Bienen und Hummeln kreuz und quer. Die, die schon vergeben sind – insgesamt zehn Gärten und acht davon an Tschermser – sind alle unterschiedlich bepflanzt und gestaltet. Die jüngste Pächterin der Kleingärten ist 23 Jahre alt, der älteste ist 50.

Wenn Max am Morgen über die Gartenzäune blickt, sieht er zufrieden aus. Die Pflanzen sprießen förmlich aus dem Boden. Genauso soll es sein, denn Max will hier keine modernen Freizeit-Gärtner, die sich am Wochenende „zum Grillen und für Halligalli“ treffen. Vielmehr will er passionierten Gemüsegärtnern und jungen Familien einen Rückzugsort vom Alltag schaffen. Daher lautet eine Regel: mindestens 50 Prozent der Gartenfläche muss mit Gemüse oder Kräutern bedeckt sein. Biologisch angebaut ohne Pflanzenschutzmittel und chemischen Dünger. Back to the roots.

Weg von der Monokultur

Gerade in der heutigen Zeit, in der Klimaschutz großgeschrieben wird, zieht es immer mehr Leute raus in die Natur und spätestens nach dem ersten Corona-Lockdown möchten wieder mehr junge Leute ihren eigenen Garten anlegen und ihr eigenes Gemüse anbauen. Nicht alle haben aber die Möglichkeit. Und genau da kommt Max ins Spiel. Eigentlich ist er Apfelbauer, kümmert sich um den Anbau seiner Stark, Gala und Co., “aber ich möchte neue Wege gehen und nicht nur Obstbau betreiben”, sagt er. Kleingärten sind nachhaltiger und zeitgemäßer, findet er. „Wir müssen weg von der Monokultur“, sagt Max, obwohl er selbst noch integriert anbaut. Noch ist er mittendrin in diesem Hamsterrad, aber schon nächstes Jahr will er auf biologische Anbauweise umstellen. Ein erster Schritt zu mehr Nachhaltigkeit und in Zukunft will er noch mehr dafür machen. 

Der Boden ist fruchtbar – zwei Jahre lang lag er brach. Vorher standen hier Obstbäume.

Bild: Petra Schwienbacher

Familienzeit und Selbstversorger

Angrenzend an die Gärten gibt es eine Gemeinschaftsfläche. Sie darf im Moment noch nicht benutzt werden, weil die Genehmigung dazu noch fehlt. Aber eine genaue Zukunftsvision dafür hat Max bereits. Hier soll irgendwann ein Grill her, eine Outdoorküche mit Verarbeitungsraum, ein Pizzaofen und eine Sonnentrocknungsanlage. Damit die Familien ihr Gemüse und ihre Kräuter nach dem Ernten direkt vor Ort verarbeiten können. Damit sie in großen Töpfen gemeinsam Tomatensauce kochen, Gemüse einwecken oder Kräuter trocknen können.

„Mir ist einfach wichtig, dass die Leute wieder selbst ihr Essen anbauen. Dass Eltern ihren Kindern die Arbeit im Garten näherbringen und mit ihnen gemeinsam Zeit verbringen, dass die Kinder wieder lernen, draußen zu spielen.”

Auch einige Hühner möchte Max anschaffen, dann könnten die Gemüseabfälle verwertet werden. Das, was sie übriglassen, kann schließlich auf den Kompost, der später wieder in den Gärten ausgebracht wird. Ein Kreislauf.

„Mir ist einfach wichtig, dass die Leute wieder selbst ihr Essen anbauen. Dass Eltern ihren Kindern die Arbeit im Garten näherbringen und mit ihnen gemeinsam Zeit verbringen. Dass die Kinder wieder lernen, draußen zu spielen und sich sinnvoll beschäftigen. Weg von der Tablet-Generation. Das ist heute wichtiger denn je.“

Um genau diese Menschen anzulocken, stellt Max allen Interessierten drei Fragen: Warum willst du einen eigenen Garten? Wie könntest du ihn bereichern? Was stellst du dir für die Zukunft vor? Dadurch möchte er gleiche Interessensgruppen zusammenzuführen, um eine Harmonie in der Gartenanlage zu gewährleisten, damit sich hier jeder wohlfühlt.

Die Pächter und Pächterinnen machen es sich schön – mindestens 50 % der Fläche müssen sie aber für den Gemüseanbau hernehmen.

Bild: Petra Schwienbacher

Irgendwann möchte Max seine Gartenanlage erweitern, denn die angrenzenden Apfelwiesen, insgesamt drei Hektar, gehören ebenfalls dem Junglandwirt. „Mal schauen“, sagt Max, der nicht gerne vorausplant, sondern einfach macht. Die Gärten sind ein guter Nebenerwerb für den Apfelbauern, aber allen voran möchte er eine Bereicherung fürs Dorf schaffen. Die Eurac will ihn nun dabei begleiten. „Kleingarten 2.0 nennen sie das Projekt“, sagt Max. „Weil es momentan noch keinen Kleingarten gibt, der so nachhaltig und familienfreundlich ist.“

Petra Schwienbacher

mag große Hunde, ihre rote Rostlaube und Mamas Lasagne. Sie ist laut ihren Freunden immer lustig und labert gerne Blödsinn. Beim Schreiben kann sie aber auch ernst bleiben.
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