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Wir Ypsiloner

Generation Unehrlichkeit

Wenn Lügen kurze Beine haben, sind wir Ypsiloner alle Zwerge.

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Bild: flickr/wilfriedjoh

„Du sollst kein falsches Zeugnis von dir geben wider deinem Nächsten.“ So lautet das achte Gebot der Religion, in der ich getauft wurde. Irgendwo tief in meinem Inneren hatte ich zwar noch eine blasse Erinnerung an diese Nummer acht, wenn es aber darum ging, den genauen Wortlaut wiederzugeben, musste ich am Ende doch meinen Freund Google um Hilfe bitten. Eine Tatsache, die dafür spricht, dass diese Religion nur auf dem Papier die meine ist. Schade drum. Als ich diese zehn Gebote nämlich wieder einmal las, begriff ich, dass sie eigentlich gar nicht einmal so schlecht sind, wie ich mir das seit Langem einrede. Würden wir uns alle an sie halten, wäre die Welt bestimmt eine bessere. Ja, es würde wohl schon reichen, diese Werte, die wir Ypsiloner einfach vergessen haben, wieder zu lernen. Sie leben zu lernen.

Einer dieser Werte ist die Ehrlichkeit. Wir Ypsiloner können es weder ertragen, dass uns jemand ehrlich seine Meinung sagt, noch sind wir selbst fähig dazu, unsere Meinung zu äußern. Viel lieber verstecken wir uns irgendwo hinter Fotofiltern, Profilen und Studientiteln in einer Welt, in der wir einander etwas vorgaukeln. Doch warum nur können wir mit Lügen besser umgehen als mit der Wahrheit?

In einem Alltag voller Unwahrheiten groß geworden, hatten wir wohl keine andere Möglichkeit, als uns wieder einmal unserem Umfeld anzupassen. Medien lügen, um uns in eine politische Richtung zu drängen. Die Politik lügt, um uns vorzugaukeln, ihr korruptes System würde noch funktionieren. Die Modewelt lügt, indem sie uns ständig mit überdimensionalen Bildern von Magersüchtigen zukleistert und dabei behauptet, dass das Menschen mit normaler Ernährung und idealen Maßen seien.
Ja selbst unsere Eltern lügen, wenn sie uns von klein auf weismachen wollen, dass es das Christkind wirklich gibt. Na gut, die Geschichte mit dem Christkind haben auch die Generationen vor uns mitgemacht, doch unsere Eltern spielen in dieser Analyse trotzdem eine große Rolle. Um uns vor dieser Lügenmisere zu bewahren, haben sie nämlich entschieden, sich wie lebende Schilder vor uns zu stellen. Aus Angst, dass uns Terror, Drogen und das Internet zu Kreaturen machen, die sie nie in diese Welt setzen wollten, verteidigen sie uns, was das Zeug hält – egal ob als Kinder vor unseren Lehrern oder im Erwachsenenalter vor unserem Chef. Und dabei verweichlichen sie uns. Wir werden zur Generation der In-Schutz-Genommenen. Die, die mit der Wahrheit einfach nicht mehr können. Wie kleine Softies hängen wir dann bis wir 30 sind an Mama’s Rockzipfel und haben ihre Nummer für Notfälle – immer abrufbereit – in unserer Kurzwahlliste gespeichert.

Ob es aber wirklich die Lösung ist, die Schuld für unsere Lügen bei anderen zu suchen, bleibt fraglich. Wir sollten besser lernen zuzugeben, dass wir Lügner sind und nach dieser Erkenntnis einfach mit dem Lügen aufhören. Wir sollten lernen das auszusprechen, was wir denken. Immer und überall. Lügen haben sowieso kurze Beine.

Warum kann man es nicht einfach sagen, wenn man jemanden nicht mag oder sich in einer Situation unwohl fühlt? Warum muss man sich selbst ständig und überall verstellen, um sich den Konventionen der Gesellschaft unterzuordnen? Wir sollten einfach zugeben, dass wir trotz Studientitel eigentlich keinen blassen Schimmer davon haben, was wir studiert haben, sollten Fotofilter eliminieren und zu Fettpölsterchen, Augenringen und krausen Haaren stehen. Wir sollten auf die Frage, wie es uns denn geht, auch einfach mal antworten „nicht gut“, wenn dem so ist.

Ypsiloner, es ist Zeit, die Wahrheit zu revolutionieren. Vielleicht sollten wir aber auch einfach mal wieder ein wenig in der Bibel blättern.

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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Wir Ypsiloner

Die Generation Y ist jung, gebildet, arbeitsscheu und ihr stehen alle Türen offen. Sagt man zumindest. Aber stimmt das wirklich? Wie ticken wir wirklich? Was ist uns wichtig? Sind wir die heimlichen Revolutionäre? Eine Kolumne gibt den Ypsilonern eine Stimme.

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