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Essen mit GAS

zebra. hat die solidarische Einkaufsgemeinschaft GASpita besucht. Deren Mitglieder wollen wissen, was sie essen und den kennen, der es anbaut. Dafür zahlen sie einen fairen Preis.

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Georg Hofer

Der 43-jährige Daniele Mistura gehört zu den Gründern der solidarischen Einkaufsgruppe GASpita: „Was brauchen wir wirklich? Woher kommt das, was wir essen? Können die produzierenden Bauern davon leben?“, fragt er sich nach wie vor und worauf seine Familie verzichten kann. Überflüssiges will er vermeiden. Im Jahr 2005 hat sich der Bozner mit kritischen Denker*innen zusammengetan und überlegt, ob ein gemeinschaftlicher Einkauf jenseits von Zwischenhändlern möglich ist. Der Gruppe ging es nicht nur um den direkten Kontakt zu den Produzent*innen, sondern auch um Transparenz, faire Preise, kurze Fahrtwege, reduzierte Verpackung, biologische Qualität und um Solidarität. Daniele Mistura und seine Kolleg*innen haben sich in den 90er-Jahren in der Entwicklungszusammenarbeit engagiert und wussten um die Macht des Geldes und die schonungslose Ausbeutung von Mensch und Umwelt. Lebensmittelskandale waren auch zu Beginn des neuen Jahrtausends in aller Munde, Obst und Gemüse ohne Pestizide und Insektizide kaum zu bekommen. Kleine bäuerliche Betriebe schlossen, weil sie mit der Konkurrenz aus der Agrarindustrie nicht mehr mithalten konnten. Die GASpita-Gründungsmitglieder wollten keine Betriebe fördern, die Turbokühe mit täglich mehr als 70 Liter Milch züchteten und die Hennen in Legebatterien klemmten. Sie wollten etwas tun. Am direktesten ging das über den täglichen Einkauf. GASpita ist eine der ersten GAS-Gruppen Südtirols (GAS = Gruppo di Acquisto solidale). Man holte sich bei der ältesten GAS-Gruppe Italiens – sie war 1994 in Fidenza in der Emilia-Romagna gegründet worden – Rat und Kontakte zu vertrauenswürdigen Direktvermarktern.

Heute gehören der solidarischen Bozner Einkaufsgruppe zehn Familien an. Ihre Mitglieder sind italienischer, deutscher und norwegischer Erstsprache, sie arbeiten in der Schule, in der Apotheke, als Sekretärinnen, Osteopath, Journalist, Journalistin und als Feuerwehrmann. Der Name GASpita spielt mit dem Wort caspita, das mit Donnerwetter! oder Du lieber Himmel! ins Deutsche übersetzt werden kann. Himmlisch passt auch zum Essen: Alessandra und Marco Cosi haben den Tisch in ihrer Wohnung in Gries festlich gedeckt und Kuchen gebacken. GASpita steht auch für Genuss: Jeder Gast bringt etwas mit, wenn sich die Gruppe einmal monatlich abwechselnd bei den Mitgliedern zu Hause trifft. An diesem Abend löffeln sie Suppe und Risotto, streichen mit Kräutern verfeinerten Topfen auf selbstgemachtes Brot, trinken Holundersaft und diskutieren über vegetarische Suppenwürfel, die einige von ihnen zum ersten Mal hergestellt haben.

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Maria Lobis

Die zehn Männer und Frauen zwischen 40 und 70 Jahren treffen sich nicht nur zum Abhaken von Bestelllisten, zur Diskussion über die Qualität des letzthin Gekauften, zum Verteilen der Waren und zum Einsammeln des Geldes. Es geht auch um Gesundheit: Daniele Mistura erzählt, dass er fermentiertes Kraut am liebsten roh isst, weil es Krebs vorbeuge. GAS-Gruppen boomen derzeit in Südtirol. Enzo Del Fatto von Intergas, einer landesweiten Plattform, schätzt die Gruppenzahl auf mehr als 40. Manche haben nur zehn Mitglieder, andere bis zu 30. Sie sind hauptsächlich in Bozen, Meran, Brixen, Leifers, Branzoll, Lana, Jenesien, Kaltern, Kastelruth und Neumarkt aktiv. GASpita nimmt an den regelmäßigen Austauschtreffen von Intergas teil. Die Vereinigung SKONSUMO ist aus der Intergas-Plattform hervorgegangen und inzwischen zum Motor für regelmäßig stattfindende solidarische Märkte in Südtirol geworden.

Jede*r Konsument*in solle sich die Frage stellen, ob ein Liter Milch oder ein Kilo Gurken um 60 Cent im Supermarkt angeboten werden könne, ohne die Produzent*innen unter Druck zu setzen.

Immer wieder fragen Menschen, ob sie GASpita beitreten dürfen. Doch die Zehner-Gemeinschaft hat sich bewährt: Treffen bei den Mitgliedern zu Hause sind so noch möglich und die Verteilung der Produkte auch. „Ich lade die Leute dann ein, Gleichgesinnte zu suchen“, sagt Daniele Mistura und unterstützt sie mit Adressen von zuverlässigen Produzent*innen. Die Journalistin Cornelia Dell’Eva ist ebenfalls Gründungsmitglied von GASpita: „Wir sind nicht generell gegen Geschäfte“, erklärt sie. Ihnen seien Billigsupermärkte ein Dorn im Auge, weil sie das Leben von Kleinproduzent*innen zerstören. Unfairen Preisen gehe immer eine unfaire Behandlung voraus - von Mensch, Tier und/oder Boden. Jede*r Konsument*in solle sich die Frage stellen, ob ein Liter Milch oder ein Kilo Gurken um 60 Cent im Supermarkt angeboten werden könne, ohne die Produzent*innen unter Druck zu setzen.

Als die Kinder der GASpita-Familie Sitton-Sparapani zur Geburtstagsfeier von Freunden eingeladen wurden, lernten sie Cola, Patatine und Nutella kennen. Zu Hause bekämen sie das nicht, sagten sie: „Wir haben eine biologische Mutter.”

GAS-Gruppen umgehen Zwischenhändler, halten Lieferstrecken kurz und bevorzugen lokale Partner, auch beim Handwerk. Dell’Eva organisiert seit Jahren Kleidertauschparties, zu denen sie Freundinnen einlädt und verlängert damit das Leben von gebrauchten Kleidern. Die GASpita-Mitglieder sind per WhatsApp und E-Mail verbunden. Jede*r ist für mindestens ein Produkt verantwortlich, bleibt mit dem jeweiligen Hersteller in Kontakt, weiß um dessen Sorgen, Erfolge, Erntetermine und Preise und sammelt in der Gruppe die gewünschte n Bestellmengen. Manches wird nach Bozen geliefert, anderes holen die Mitglieder von GASpita selbst ab und verteilen es. Derzeit bestellen sie drei Mal im Jahr Orangen und Apfelsaft, kaufen zwei Mal jährlich Parmesan, Nudeln, Getreide, Produkte aus dem Weltladen, Forellen, Meeresfrüchte, Reis, Hülsenfrüchte und Waschmittel. Im April ordern sie Spargeln, im Sommer Truthahnfleisch, im Herbst Nüsse, Kastanien und Olivenöl, einmal im Jahr Balsamico-Essig, Speck, Rindfleisch, Naturkosmetik und Wolle und je nach Bedarf bei einer Genossenschaft in Carpi Schuhe. Fast zwei Drittel ihres Lebensmittelbedarfs kaufen die Mitglieder im Rahmen der solidarischen Einkaufsgemeinschaft: „Wir investieren viel Zeit in unser Essen“, sagt Daniele Mistura. Er ist froh darüber, dass seine Kinder wissen, woher Obst und Fleisch kommen und warum es nicht jederzeit Tomaten, Erdbeeren oder Spargeln gibt. Als die Kinder der GASpita-Familie Sitton-Sparapani zur Geburtstagsfeier von Freunden eingeladen wurden, lernten sie Cola, Patatine und Nutella kennen. Zu Hause bekämen sie das nicht, sagten sie: „Wir haben eine biologische Mutter.“

Bevor die GASpita-Mitglieder ein neues Produkt auf ihre Liste nehmen, statten sie den Hersteller*innen einen Besuch ab. Sie bevorzugen kleine Bauern, die sich bei der Vermarktung oft schwertun. Die Bezahlung erfolgt mittels Rechnung und bei Bedarf im Voraus. Das „S“ in „GAS“ – Solidarität – ist ihnen wichtig. Ihre Einkaufsgemeinschaft sei nicht darauf ausgelegt, bei den Produzent*innen möglichst groß und günstig einzukaufen, sagt Mistura. „Wir zeigen uns solidarisch mit ihnen.“ Als vor drei Jahren das Anbaugebiet eines Reis-Produzenten im Veneto überschwemmt wurde, versicherte die Gruppe dem Bauern, auch weiter einzukaufen, obwohl der Preis unwetterbedingt gestiegen war. „Wir geben den Hersteller*innen Sicherheit, garantieren unsere Zusammenarbeit über Jahre hinweg und verlangen dafür Transparenz“, erklärt der Leiter von GASpita. Solidarität brauche Pflege wie ein Baum: mit Wurzeln, die sich in der Erde ausbreiten und Ästen, die sich dem Himmel öffnen. Überall in Italien arbeiten GAS-Gruppen mit Bauern zusammen, die auf verlassenen Höfen die Äcker bebauen und mit Genossenschaften, die mafiabefreite Böden bewirtschaften oder Menschen mit Beeinträchtigung beschäftigen. Ein wertschätzender Umgang mit Grund, Boden und Mitarbeiter*innen zieht sich als Regel durch.

Die Gastgeber*innen des Abends Alessandra und Marco Cosi sind GASpita als Letzte beigetreten. Sie freuen sich über die regelmäßigen Ausflüge zu den bäuerlichen Betrieben. Dabei lernen sich die Familien besser kennen. Die Hersteller*innen empfehlen ihnen oft auch Produkte befreundeter Bauern. So tun sich Türen auf, die ihnen als Vorbeifahrende oder Surfende im Internet verwehrt blieben. Zum Abschluss gibt es Kaffee aus dem Weltladen. „Beim Fairen Handel haben wir zwar keinen direkten Kontakt zu den Produzenten“, sagt die Gastgeberin, aber fairtrade-Zertifikate böten Sicherheit. Sie hat Hoffnung: Wenn in zehn Jahren biologisch, fair, lokal und solidarisch der Standard sei, „dann werden wir in dieser Gruppe nicht mehr einkaufen, dann treffen wir uns nur noch zum Essen.”

von Maria Lobis

Der Text erschien erstmals in der 24. Ausgabe von „zebra.”, Februar 2017.

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