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Gastbeitrag eines Studenten

"Es geht nicht nur ums Saufen und Flirten"

Studierende sind zunehmend frustriert und fühlen sich nicht gehört, sagt Julian Nikolaus Rensi. Was andere jetzt Auszeit nennen, ist für sie verlorene Lebenszeit.

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Bild: Tim Gouw / unsplash

Die Ergebnisse der Beratungsgespräche sind alarmierend. Wenn in der Südtiroler Hochschülerschaft oder in der Bildungsberatung vom Land auf die erhobenen Zahlen und Werte geschaut wird, ist man beunruhigt. Die Rede ist von den Auswirkungen der Pandemie auf die Studierenden. Die vermeintlich beste Zeit des Lebens gestaltet sich für viele nun als belastende, zermürbende Erfahrung, unter die viele einen Schlussstrich setzen wollen. Eine Flucht vor den verwaisten Hörsälen, die Kapitulation vor einem zur Normalität mutierten Ausnahmezustand: Studienabbruch ist die Folge.

Coronabedingter Studienabbruch ist zwar noch kein Massenphänomen, aber die Ermüdungserscheinungen unter den Studierenden sind allgegenwärtig und depressive Verstimmungen ziehen immer weitere Kreise. Die psychologischen Dienste der Universitäten sind mehr als ausgelastet. Die allgemein gedrückte Stimmung, der gestiegene Prüfungs- und Leistungsdruck und der Mehraufwand durch die Fernlehre – das ergibt eine schwer verdauliche Mischung, die so manchem zu viel wird. Zahlreiche Studierende sind frustriert, fragen sich, ob sie überhaupt noch wirklich studieren und wenn ja, wofür.

Julian Nikolaus Rensi studiert Rechtswissenschaften in Innsbruck und ist Vorstandsmitglied der Südtiroler Hochschülerschaft.

Bild: Julian Nikolaus Rensi

Das liegt nicht unbedingt daran, dass sie alle unzufrieden mit dem Online-Angebot ihrer Unis sind. Zwar ist die Umstellung auf Fernlehre mancherorts immer noch holprig und einige Fächer lassen sich den neuen Erfordernissen nur schwer anpassen, insgesamt aber sind Effizienz und Qualität des Distance-Learning merklich gestiegen. Bloß geht vielen die Lust aus, einwandfreie Teamcalls hin oder her. Denn: Die akademische Diskussion vor und nach Veranstaltungen an der Uni bleibt aus und es wird immer komplizierter, sie mittels Webinare und Zoom künstlich am Leben zu halten.

Die kulturelle Öffentlichkeit – sie wird in vielen Fällen nicht zuletzt von Studierenden getragen – liegt brach. Für viele junge Menschen ist die Unizeit eigentlich jener Lebensabschnitt, in dem man sich soziale und kulturelle Kenntnisse und Kompetenzen aneignet, in dem man (zusätzlich zum jeweiligen Studienfach) ein individuelles Profil an Vorlieben, Interessen und Hobbys aufbaut, mit anderen Worten: die eigene Persönlichkeit formt. Doch das setzt eine Lebensweise voraus, die jetzt in weiter Ferne liegt, und verlangt nach einem Milieu, dem gerade die Luft ausgeht.

Es geht nicht nur ums Saufen oder Flirten, sondern um persönliche und charakterliche Entwicklung.

Zunächst fokussierten sich die Forderungen der Studierenden – und somit die Aktionen ihrer Vertretung – auf materielle, finanzielle Unterstützung. So wie bei allen Berufsgruppen. Schließlich fielen 2020 zahllose Nebenjobs weg, die für sehr viele die ökonomische Basis ihres Studiums darstellten oder die Chance, ihr Uni-Life ein wenig lebenswerter zu machen. Es war auch schon im Frühjahr absehbar, dass Sommerjobs in den an Corona kränkelnden Wirtschaftssektoren ausbleiben würden. Gerade für die Südtiroler Studierenden eine kleine Katastrophe. Also machte Mutter Provinz nach einigem Zögern immerhin 3,5 Millionen Euro locker.

Noch herrschte ein gewisser Optimismus vor, denn wenige von uns haben Mitte vergangenen Jahres gedacht, die Situation könne sich sogar noch verschlimmern. Die verdrängte Realität holte uns dann vergangenen Herbst ein. Präsenz an der Uni? Wunschdenken. Für Erstsemestrige machte man vielerorts Ausnahmen, um ihnen wenigstens eine pandemiegerecht dosierte Sozialisierung zu ermöglichen, zumindest in den ersten Wochen des Wintersemesters. Andere frischgebackene Kommiliton*innen sahen die Uni von innen nur, um ihren Studierendenausweis abzuholen. Besonders Studienanfänger*innen leiden unter dem neuen Normal an den Universitäten. Keine Ersti-Feten, keine Willkommenspartys, kein Pub-Crawl: All die feuchtfröhlichen Initiationsriten des Studierendenlebens fallen aus.

Dabei geht es nicht nur ums Saufen oder Flirten, nein, das Knüpfen neuer Kontakte zu Beginn des Studiums trägt zur persönlichen, charakterlichen Reife bei. Man lernt, sich in einem neuen Umfeld zu bewegen, und reflektiert in der Herausforderung, neue Freundschaften zu finden, sich selbst. Auch die Motivation, sich durchs Studium zu beißen, die anfänglichen Unsicherheiten zu überwinden, entwickelt sich im direkten und oft spontanen Austausch mit Gleichaltrigen, der jetzt weitgehend fehlt.

Die bleierne Zeit der Pandemie wirkt weniger wie eine „Auszeit“ als vielmehr eine „verlorene“ Zeit.

Natürlich darf die Kreativität, mit der Fachschaften und Studierenden-Vereine versuchen, ihrem Nachwuchs den Unistart ein wenig spannender zu gestalten, nicht vergessen werden. Doch im derzeit sehr engen Rahmen des Möglichen lassen sich freudlose, monotone, anonyme Tage, Wochen und Monate kaum verhindern. Freilich markiert die Pandemie nicht nur in der Biographie der jüngeren Semester einen Einschnitt, sondern auch bei ihren älteren Kolleg*innen. Das Erasmus-Semester, von dem man schon so geschwärmt hatte, die Fernreise, auf die man so lange gespart hatte – das muss ausfallen. Dabei schließt sich bei vielen schon bald das „window of opportunity“, das heißt, es herrscht die Erkenntnis vor, die eigene Studienzeit nicht beliebig ausdehnen zu können – denn man stößt auf klare, meist finanzielle Grenzen.

Insofern ist es schwer, von Studierenden eine optimistische Grundhaltung in dieser Krise zu verlangen. Man muss es sich auch leisten können, das Glas halb voll und nicht halb leer zu sehen. Die bleierne Zeit der Pandemie wirkt weniger wie eine „Auszeit“ als vielmehr wie eine „verlorene“ Zeit, die nicht mehr nachgeholt oder ausgeglichen werden kann. Man muss sich damit abfinden, dass einige lebensprägende Erfahrungen nie mehr gesammelt werden können. Gerade vor dem Hintergrund einer social-media-geprägten Gesellschaft, in der die Individuen um den abenteuerlichsten Lifestyle konkurrieren, ist das für manche schwer zu verkraften. Die Nervosität nimmt folglich zu.

Wer aus privilegierten Verhältnissen stammt, kann sich hingegen mit dem Gedanken trösten, dass die elterliche Kasse noch viele schöne Momente und aufregende Erlebnisse auch nach der Pandemie erlauben wird. Das hilft, mit der Trostlosigkeit der Gegenwart besser zurechtzukommen, ja vielleicht sogar, viel Vorfreude anzuhäufen. Selbst auf dieser speziellen Ebene des psychischen Wohlbefindens hängt also sehr vieles von sozialen, materiellen Faktoren ab: Die seelisch-emotionalen Auswirkungen der Pandemie und ihrer Maßnahmen vollziehen sich nicht zuletzt entlang der Grenzen zwischen Studierenden aus begüterten und jenen aus weniger vermögenden Verhältnissen.

Der Einsatz gegen die Resignation, den Studienabbruch, die Verzweiflung vieler Studierender ist also ein ganz aktueller Aspekt des Kampfes für soziale Gerechtigkeit im Allgemeinen. Und ja: Corona könnte die Tendenz verfestigen, dass höhere Bildung wieder zu einem Privileg wohlhabender Klassen wird und immer mehr junge Menschen von der Teilhabe an ihr ausgeschlossen sind.

Auf vielen lastet nach wie vor das diffuse Gefühl, nicht „gehört“ zu werden.

Bis hierhin ging es um die objektive Lage der Studierenden Anfang des Jahres 2021. Um Probleme, die mit den zahlreichen Einschränkungen zu tun haben, mit neuen Entwicklungen, die von der Pandemie verursacht wurden. Ich habe aber gemerkt, dass viele Studierende – und junge Menschen generell – auch in anderer Hinsicht großes Unbehagen verspüren. Auf vielen lastet nach wie vor das diffuse Gefühl, nicht „gehört“ zu werden. Nicht wenige Studierende meinen, dass ihre Sorgen von Gesellschaft und Politik nicht ernst genommen werden, dass sie sich im harten Konkurrenzkampf um mediale und öffentliche Aufmerksamkeit nicht durchsetzen können. Doch wie passt diese wahrgenommene Ohnmacht dazu, dass man doch mittlerweile immer häufiger von den Auswirkungen des Lockdown auf junge Menschen liest und hört?

Der Grund ist ein vierfacher. Erstens: Im öffentlichen Diskurs geht es primär um Kinder und Schüler*innen, aber so gut wie nie um Studierende. Gerade in Südtirol finden sie in den klassischen Medien bzw. überall dort, wo sich jene Meinung bildet, die dann auch die politische Schwerpunktsetzung prägt, nur sehr wenig Platz. Studierende sind in Südtirol noch immer etwas Eigenartiges, Fremdes, Fernes – als Folge der fehlenden akademischen Tradition im Land und wohl auch, da ihnen immer noch das Klischee anhaftet, sowieso nur eine kleine Elite zu bilden (dabei ist das seit Jahrzehnten nicht mehr der Fall).

Studierende wirken nicht wie ein selbstverständlicher Bestandteil der Bevölkerung vor Ort, da sie typischerweise immer außer Landes waren für ihr Studium, was auch heute, nach der Gründung der Uni in Bozen, noch für den Großteil von ihnen zutrifft. Wer aber nicht vor Ort verankert ist, hat in der örtlichen Debatte keinen Platz. Bei Schüler*innen ist das anders, denn von der Frage der Schulschließung bzw. -öffnung ist jede Familie betroffen. So wird auch schon über Impfmöglichkeiten für Schüler*innen debattiert; die Hochschulwelt erscheint hingegen nicht „systemrelevant“ genug.

Das Phantom einer gewissenlosen, selbstsüchtigen Jugend, die sich nicht an Regeln hält, geistert seit Monaten durch die lokale Presse.

Der zweite Grund: Wenn, dann sprechen Alte über uns Junge und unsere Probleme. Es sind nicht wir, die unsere Sorgen, Wünsche, Anliegen in dieser Zeit artikulieren, sondern Personen, denen wegen ihrer beruflich-wissenschaftlichen Qualifikation der Anspruch zuerkannt wird, in unserem Namen zu sprechen. Eine sehr technokratische Sicht. Ich glaube aber, dass es durchaus einen Unterschied macht, ob man selbst in der Position ist, die eigene Sache zu verteidigen und die eigene Meinung direkt zu äußern, oder ob das andere tun, weil man selbst von der Möglichkeit zu kommunizieren strukturell ausgeschlossen ist.

Letztlich trägt dies zu einem Gefühl der mangelnden Wertschätzung und fehlenden Gleichwertigkeit bei, und das umso mehr bei einer Generation, die sich ihrer Lage, ihrer Aufgabe und ihrer Fähigkeiten (wieder) bewusst ist, und die dieses neue jugendliche Selbstbewusstsein mit gesteigerter Aktivität und Awareness für soziale, kulturelle und politische Fragen verbunden hat. Dieser aktiven und nach Mitbestimmung verlangenden Generation wird die Bühne genommen, gerade, nachdem sie sie sich mühsam aufgebaut hatte.

Drittens: Jugendliche generell, aber gerade auch jene im typischen Studierenden-Alter müssen als Projektionsfläche für Verantwortungslosigkeit und Egoismus herhalten, wenn ältere Jahrgänge das Bedürfnis verspüren, von den Scharen an Verharmlosern, faktenfastenden Nichtdenkern und „Pandemiemüden“ in ihren eigenen Reihen abzulenken. Das Phantom einer gewissenlosen, selbstsüchtigen Jugend, die sich nicht an Regeln hält, geistert seit Monaten durch die lokale Presse; vor allem in ihrer auflagenstarken und meinungsbestimmenden Variante bildet dieses Zerrbild eine für die Leserschaft offenbar wohltuende Konstante.

Und viertens trägt der geringe Organisationsgrad der Studierenden zu jenem Eindruck der kollektiven Schwäche bei, der mit ein Hauptgrund für das Gefühl des „Nicht-Gehört-Werdens“ ist: Längst nicht alle Südtiroler Studierenden sind Mitglieder ihrer gemeinsamen Vertretung – der Südtiroler HochschülerInnenschaft – oder folgen ihrer Tätigkeit und ihrem Einsatz. Da denkt man dann schnell, es wäre niemand da, der gemeinsame Interessen voranbringt. Uns sollte aber klar sein: Wir Studierende können nur dann einen echten, empfindlichen Druck, wie andere gesellschaftliche Gruppen, ausüben, wenn wir uns auf gegenseitige Solidarität und Unterstützung verlassen. Wer sich in diesem Sinne organisiert und zusammenschließt, der wird Gehör finden. Das ist meine Erfahrung.

Empowerment durch Einbindung, Zuversicht durch Mitgestalten

Aber was ist eigentlich die conclusio? Was tun, um dem Unbehagen vieler Studierenden entgegenzuwirken? Es ist sehr schwer, hierauf eine allgemeine Antwort zu liefern. Die Bedürfnisse unterscheiden sich von Ort zu Ort, ja von Fach zu Fach und allen voran ist es unklar, wem gegenüber wir Südtiroler Studierende eigentlich Forderungen stellen sollten. Zumindest, wenn es um mehr geht als um Hilfsgelder. Ich denke, die Probleme anzusprechen, zu wissen, dass es anderen auch so ergeht, hilft schon manchen. Es bringt auch was, untereinander offen zu diskutieren und dadurch peer-to-peer-Ansätze in der Bewältigung seelischer Belastungen aufzubauen. An einigen Unis wird das bereits praktiziert.

Am Grundsatz der Verlagerung der Uni auf den heimischen Laptop lässt sich derzeit aber höchstens schrauben, ihn überwinden kann man wohl (noch) nicht. Trotz aller Unzufriedenheit wollen die Studierenden außerdem nicht instrumentalisiert werden von denen, die sich immer schriller und wütender aus der Realität – und aus der Verantwortung – verabschieden. Und wenn sie noch so laut „Für unsere Kinder und Jugendlichen“ kreischen. Populistische Pseudopolitik, die das sofortige Ende des Lockdowns und aller Maßnahmen skandiert, repräsentiert nicht unsere Interessen.

Vielmehr muss es Ziel der Studierenden sein, darauf zu pochen, dass in der Bewältigung der (wirtschaftlichen) Folgen der Krise nicht die Fehler der Vergangenheit gemacht werden: Nein zum Kaputtsparen der Bildung, nein zum Ausbluten der Universitäten. Die Studierenden müssen besser eingebunden werden in politische Entscheidungen. Nur so kann Vertrauen hergestellt werden. Bei all dem Pessimismus, den man jetzt überall aufsaugen kann, bin ich zuversichtlich, dass es unserer Generation gelingen wird, sich letztlich Gehör zu verschaffen. Nicht nur, um verstanden zu werden, sondern um die Zukunft – die jetzt so beängstigend wirkt – in unserem Sinne zu gestalten.

Julian Nikolaus Rensi

Der Nachname ist (fast) Programm, hieß es; hyperaktiver Schulbürokrat, hieß es. Tu mal was, heißt es jetzt, wo bleiben die Prüfungen?
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