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Einmal Bollywood und zurück

Bauchtanz erinnert an kitschige Filme, orientalische Klänge und viel Glitzer. BARFUSS hat es ausprobiert und die Hüften geschwungen.

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bunte Farben aus Fernost

Bild: Lisa Maria Kager

Wenn ich an Bauchtanz denke, denke ich an Bollywood. An Filme mit wenig Handlung und viel Tanz. Das alles mit einer gehörigen Portion Glitzer und Schminke in allen Farben. Beim Zappen durch die Fernsehlandschaft bleibe ich immer mal wieder an den kitschigen Filmen hängen und lasse mich für einige Augenblicke von ihnen verzaubern. Fasziniert wippe ich meistens schon nach wenigen Minuten im Takt mit den orientalischen Klängen. Vielleicht steht der Bauchtanz auch deshalb schon seit einer gefühlten Ewigkeit auf meiner imaginären To-do-Liste.

Während Poledance, Zumba und Co. uns in Sachen Tanztrends in den letzten Jahren förmlich erschlagen haben, vergessen wir oft die wahren Perlen des Tanzes. Der Bauchtanz oder Orientalische Tanz, so die korrekte Bezeichnung, ist bestimmt eine von ihnen. Ein solch kostbares Stück Vergangenheit, das es aus weiter Ferne bis zu uns geschafft hat, sollte man sich nicht entgehen lassen. Also habe ich meine alten Tanzschuhe gepackt, mich an meine erste Bauchtanzstunde gewagt und für BARFUSS mit einer Wüstenblume die Hüften geschwungen.

Orient-Import

Die Wüstenblumen sind 15 diplomierte Bauchtanzlehrerinnen, die 2012 den gleichnamigen Verein in Südtirol gegründet haben. Sie wollen den Bauchtanz und seine ursprüngliche Philosophie auch in unseren Breitengraden fördern. Dem Grundgedanken nach ist Bauchtanz ein Tanz der Frauen, der sich durch individuelle Bewegungen und nicht etwa durch Choreografien in freizügigen Kostümen ausdrückt. „Tanzen ist weit mehr als Technik und Aneinanderreihen von Bewegungen. Tanzen ist Gefühl, Ausdruck, Herausforderung und Leidenschaft,“ heißt es auf der Internetseite der Wüstenblumen.

20.000 Jahre soll es den Orientalischen Tanz schon geben, einer der ältesten Tänze der Welt. Bis er es aus dem fernen Orient zu uns geschafft hat, war es jedoch ein weiter Weg, der unter anderem über Amerika führte. Dort löste ein Tanzauftritt zur Weltausstellung 1893 eine richtige Orientwelle aus. Die Bewegungen des Torso in Zeiten des steifen Korsetts waren nämlich eine Sensation, auch wenn sie zu der Zeit noch als unanständig galten. Durch Choreographien und Shows hat der Bauchtanz seine eigentliche Philosophie damit kurzzeitig verloren und ist zum Tanz geworden, bei dem Frauen „nur ihre Körper zeigten“. Erst in den 70er-Jahren, als die damals emanzipierten Frauen den Tanz für sich entdeckten, gewann er seinen Respekt wieder und schwappte nach Europa über. Hier vermischt er sich mittlerweile mit Elementen aus dem Orient und aus Amerika.

Am Anfang der Tanzstunde sehe ich von beidem nicht viel, denn wir beginnen im Dunkeln. Petra, eine der Wüstenblumen und meine Bauchtanzlehrerin, führt uns mit leiser Stimme auf eine ferne Reise, um in der Stunde anzukommen. Mit geschlossenen Augen liegen wir am Boden. Jeder unserer Körperteile wird einzeln entspannt. Der Duft einer Duftkerze zieht an meiner Nase vorbei. Meine Gedanken schweifen kurzzeitig in 1.001 Nacht, bevor das Licht wieder angeht. Mit leichten Bewegungen dehnen wir uns, um uns für das spätere Tanzen bereit zu machen. Im Hintergrund Klänge aus dem fernen Osten. Trommelschläge führen uns über in die nächste Phase der Stunde. (Für das Originalgefühl play klicken)

„Während ich meine Krüge also einmal links und einmal rechts in ein Phantasiebecken eintauche, beobachte ich die anderen Teilnehmerinnen. Sie scheinen mittlerweile alle im Bann der Bewegung zu sein.”

Ganz in violett gekleidet, steht Petra in der Mitte des Kreises und leitet verschiedenste Einwärmübungen zur Musik an. Hüfte und Schultern stehen bei den Bewegungen im Vordergrund. Alle Blicke sind auf Petra gerichtet, die sofort zu strahlen beginnt, als sie mit den ersten Bauchtanzelementen beginnt.
Meine Hüfte kreist einmal wie eine liegende und gleich darauf wie eine stehende Acht. Einzelne Körperteile isoliert zu bewegen ist eine Fähigkeit, die für den orientalischen Frauentanz charakteristisch ist. „Denkt an die Krüge!“ ruft Petra. Welche Krüge? „Um sich Bewegungen leichter vorstellen zu können, mache ich gerne Vergleiche“, erklärt sie. Damit wir die Hüftbewegung besser ausführen können, sollen wir uns vorstellen, links und rechts an unserer Hüfte Krüge befestigt zu haben, die wir abwechselnd tief in ein Wasserbecken eintauchen.
Während ich meine Krüge also einmal links und einmal rechts in ein Phantasiebecken eintauche, beobachte ich die anderen Teilnehmerinnen. Sie scheinen mittlerweile alle im Bann der Bewegung zu sein.

Glitzer, Shimmy und ich

Den krönende Abschluss der Stunde bildet das eigentliche Tanzen. Alle verschwinden zu ihren Taschen und ich bleibe ganz einsam in der Mitte des Kreises stehen. Die Frauen haben ihre eigenen Bauchtanztücher und teilweise sogar lange Röcke mitgebracht. Der Raum erstrahlt in bunten, glitzernden Farben. An den Hüften der Frauen Perlen aus dem fernen Orient, die im Takt der Musik klimpern. Das kommt meinen Bildern aus Bollywood schon etwas näher, auch wenn ich neben den anderen etwas kahl aussehe. Petra drückt auf Play und fängt an, ganz ungezwungen Bewegungen zur Musik vorzutanzen. 

Petra zeigt’s vor, wir machen’s nach

Bild: Lisa Maria Kager

Die Frauen tanzen diese zwar nach, aber wenn ich meinen Blick durch die Runde schweifen lasse, sehen die Bewegungen bei jeder anders aus. Während einige Petras kreisenden Hüften und den zitternden Shimmys (rhythmisches, isoliertes Zittern der Hüften und anderer Körperteile) folgen, tanzen andere ganz frei, was im eigentlichen Sinne Petras liegt. Sie mag es nicht, wenn der Tanz aus dem fernen Orient in Choreographien gezwängt wird. „Ich bin kein Fan von Choreographien“, erklärt sie, „der Bauchtanz ist ganz individuell und soll aus dem tiefsten Inneren der Seele kommen“. Jede Frau entwickelt beim Tanzen ihre eigene, originale Tanzform. Das soll durch Selbsterkenntnis und geistige Stärke erreichbar sein. Und genau diese Eigenschaften sollen in den Kursen der Wüstenblumen gefördert werden.

Manche schließen ihre Augen, um sich besser in die Musik hineinzufühlen, andere sind noch etwas skeptisch und trauen sich nicht ganz, ihr Innerstes nach außen zu tragen. Auch ich versuche meine Augen zu schließen und das Frau sein zu fühlen. Gar nicht so einfach, seinen Kopf auszuschalten und trotzdem im Rhythmus zu bleiben. Doch man spürt in jeder Bewegung, dass der Bauchtanz eine typisch weibliche Kunstform ist, die aus religiösen Tänzen und Fruchtbarkeitsriten hervorgeht.

Tanz dich gesund

Doch nicht nur Entspannung und das Hervorbringen des eigenen Charakters zeichnen den Tanz aus. Petra erklärt, das er auch gut gegen jegliche Frauenleiden sei. Ob Schwangerschaft, Menopause oder Regelschmerzen, das Bewegen der Hüfte gilt als Allheilmittel.

Beim Tanzen stärken und dehnen die Frauen ihre tiefe Stützmuskulatur. Die Beweglichkeit der Wirbelsäule und der sie umgebenden Muskulatur wird verbessert und so Verkrampfungen, Haltungsschwächen, Rücken-, und Kopfschmerzen entgegengearbeitet. Auch das Becken kommt nicht zu kurz beim Orientalischen Tanz. Sowohl Beckenboden als auch Bauchdecke werden durch den Tanz gestärkt. Während man beispielsweise mit seiner Hüfte einer imaginären Acht folgt, spannt man die Muskeln im Wechsel an und lässt sie wieder locker. Dieses Loslassen zu lernen, könne Frauen bei chronischen Unterbauchbeschwerden und sogar bei der Geburtsvorbereitung nützlich sein, erklärt die Tanzlehrerin.

Zum Abschluss tanzt uns Petra noch etwas vor und zeigt, wie es nach vielen Jahren Praxis aussehen kann. Bis ich als Sheherazade in 1.001 Nacht durchgehe, fehlt mir bestimmt noch die eine oder andere Stunde. Doch der Bauchtanz und seine Philosophie haben mich gefangen, und das war bestimmt nicht das letzte Mal für mich.

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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