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Eine Schnapsidee?

Alkohol ab 18 – verschwindet so das Saufen aus dem Land der „Scheinheiligen“ oder gibt’s gar eine Südtiroler Sonderregelung? BARFUSS fragt nach.

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Bild: Flickr, Martin Cathrae
Alkohol scheint in unserer Kultur tief verwurzelt zu sein. Bereits die alten Römer wussten mit ihrem Spruch „in vino veritas“ die Wahrheit im Wein, die Toten Hosen singen noch heute „Kein Alkohol ist auch keine Lösung“. Mit Letzterem stimmt zumindest der italienische Gesetzgeber nicht überein, der mit dem Gesetzesdekret vom 13.9.2012 das Verbot von Alkohol für Minderjährige als Lösung des Problems ansieht. Zunächst wurde die neue Regelung so interpretiert, dass Jugendliche unter 18 Jahren keinen Alkohol kaufen, wohl aber in einem Lokal konsumieren durften. Im Juni dann die Wende, der Handels- und Dienstleistungsverband Südtirol empfahl den Gastwirten nach Abklärung mit dem Regierungskommissariat, sowohl den Verkauf als auch den Ausschank von Alkohol an Minderjährige zu unterlassen. Seitdem heißt es in Südtirol: kein Alkohol vor dem 18. Geburtstag. Doch wie sinnvoll ist dieses Gesetz wirklich? BARFUSS hat Jugendorganisationen, Bedienstete des Gesundheitswesens und den Landesrat für Gesundheit dazu befragt. Letzterer lässt mit der Ankündigung einer Sonderregelung für Südtirol aufhorchen.
 
Bild: Forum Prävention
Peter Koler vom Forum Prävention spricht seine Bedenken zum neuen Alkoholgesetz aus: „Aus einer Gesundheitsperspektive ist es sinnvoll. Je später man mit dem Alkohol anfängt, desto besser. Entwicklungspsychologisch betrachtet, ist es aber nicht mehr so sinnvoll, da junge Menschen immer früher selbstständig werden und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Dabei wird aber paradoxerweise der Alkohol ausgeklammert, der in der Erwachsenenwelt in allen Facetten konsumiert wird.“ Das Forum Prävention habe das Gesetz in seiner ersten Interpretation, also das Verkaufsverbot an Minderjährige, befürwortet, da der Alkoholkonsum so in Beisein von Erwachsenen gelernt und die Jugendlichen damit nicht allein gelassen werden. Dass zum Lernen des Umgangs mit Alkohol auch einmal ein Rausch gehören kann, „damit tut sich die scheinheilige Gesellschaft schwer.“
 
„Das größte Problem haben die Erwachsenen“
 
Europaweit ist laut Studien der Alkoholkonsum in den vergangenen Jahren zurückgegangen, auch wenn in den Medien verstärkt von jugendlichen Alkoholexzessen berichtet wurde. Dieser Widerspruch zeigt sich auch darin, dass in den vergangenen Jahren die Anzahl der Einlieferungen in Südtiroler Krankenhäuser aufgrund von Alkoholvergiftungen abgenommen haben. Das größte Problem mit dem Alkohol haben immer noch die Erwachsenen, so Peter Koler. Alkohol werde für Jugendliche nicht zu wichtig, wenn diese andere Möglichkeiten zum Erwachsenwerden haben. Deshalb gelte es vermehrt solche zu schaffen, um den Heranwachsenden Verantwortung in der Gesellschaft zu geben und ihnen etwas zuzutrauen. 
 
Sauftirol – Alcol Adige?
 
Bild: Julia Tapfer
Das Forum Prävention traut den jungen Menschen auch eine Teilnahme an der Diskussion zum Thema Alkoholkonsum zu. Unter den Beiträgen auf der eigens dafür eingerichteten Facebookseite Sauftirol  - Alcol Adige? sind dabei durchaus differenzierte Betrachtungen von Jugendlichen zu lesen.
Ein direkt betroffener 17-jähriger Bozner, der vor einem Jahr noch legal getrunken hat und nun wieder bis zu seinem 18. Geburtstag warten muss, meint auf das Gesetz angesprochen: „Mir kommt vor, das ist nur eine Provokation für Jugendliche. Wenn sich jemand unter 18 Jahren betrinken will, geht das trotzdem.“ Im Supermarkt werde zwar sein Ausweis kontrolliert, in Lokalen dagegen gehen die Wirte eher nach dem Aussehen, erzählt der 17-Jährige. Und wenn er oder seine gleichaltrigen Kollegen keinen Alkohol bekommen, könnten sie einfach einen volljährigen Freund darum bitten. 
Matthias Stuefer von Südtirols katholischer Jugend befürchtet den unkontrollierten Konsum von Jugendlichen als Reaktion auf das Gesetz. „Irgendwie werden Jugendliche auch unter 18 immer an Alkohol kommen. Das Problem ist, dass dieser irgendwo unbeobachtet in einem Wald oder Keller konsumiert wird. Das kann und wird doch nicht gut gehen.“ Ein Verbot vom Ausschank von Superalkoholika und Mischgetränken sei dagegen sinnvoller, so der Vertreter der katholischen Jugendorganisation.
 
Befürworterstimmen
 
Positiver betrachtet man das Gesetz in den Einrichtungen und Diensten des Gesundheitsbetriebs. Der Psychologe Edmund Senoner aus dem Therapiezentrum Bad Bachgart, respektiert das Gesetz, sieht aber auch die Herausforderung für Jugendliche, dieses zu brechen. Elio Dellantonio vom Dienst für Abhängigkeitserkrankungen im Sanitätsbetrieb Bozen wird deutlicher: „Einen für die Gesundheit absolut unschädlichen Gebrauch von Alkohol gibt es nicht. Jugendlichen, insbesondere Minderjährigen, sollte der Nicht-Konsum empfohlen werden.“ Das Gehirn befinde sich im Jugendalter in einem rasanten Entwicklungsprozess, während dem die toxische Wirkung von Alkohol im Gehirn verstärkt werde. Vor allem die Erwachsenen sollten ihr Modellverhalten überdenken und sich fragen, wie sie selbst mit Alkohol umgehen.
 
Land Südtirol will Sonderregelung
 
Richard Theiner gibt sich als Landesrat für Gesundheit alles andere als bedeckt: „Ich sage ganz offen, dass ich mit diesem Verbot nicht einverstanden bin, besonders nicht, was den Ausschank betrifft." Diese Regelung sei doch kinderleicht zu umgehen, so Theiner, der nun bereits seit sechs Jahren die Alkoholkampagne „Trinken mit Maß" verantwortet. Solch radikale Verbote helfen bekanntlich wenig. Deshalb verspricht der Landesrat: „Wir werden uns als Land Südtirol bemühen, das staatliche Gesetz durch eine autonome Regelung zu ersetzen, die die bestehende Altersgrenze von 16 Jahren bekräftigt."
 
Jugendorganisationen, Beschäftigte des Gesundheitsbetriebs und Politik sind sich uneinig. Wie bewertet ihr BARFUSS-Leser das neue Alkoholgesetz? Ist es eine sinnvolle Regelung oder doch eine Schnapsidee?

Julia Tapfer

mag Geschichte und Geschichten. Liebt gutes Essen und hasst es, für schlechten Kaffee auch noch Trinkgeld geben zu müssen.
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"Matthias Stuefer von Südtirols katholischer Jugend befürchtet den unkontrollierten Konsum von Jugendlichen als Reaktion auf das Gesetz." Und ich dachte Kannibalismus sei mindestens genauso verboten, wie Alkoholkonsum!?

I find des gesetz nit guat, weil erstens schodets in dr gastronomie. In endefekt kriagen die jugentlichen a iber ihre volljährigen Kollegen Alkohol und sein sicher mear neben die lokale und trinken sem gemeinsam . I denk ab 16 Johr sollte bier und co. schun erlab sein mit 18 Johr hochprozentigs .. I woas mir hoben s friaher genau so gmocht und an Kolleg inkafen gschickt .. Drunter leidet meiner meinung di Wirte ..
Meine Meinung ...

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