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Ein Quäntchen Freiheit

Ein Viertel seines Lebens verbrachte Markus hinter Gittern. Seit fünf Jahren lebt er in Freiheit. Er sagt: „Resozialisierung funktioniert nicht.“

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Ein blinder Fleck in der geschäftigen Stadt: das Bozner Gefängnis.
Bild: Jörg Oschmann

Nirgendwo anders lässt sich der Grad der gesellschaftlichen Entwicklung eindeutiger fassen als in Gefängnissen, hat Rudi Dutschke einmal gesagt. Mit ihren Gefängnissen ist die Gesellschaft aber diskret, kaum etwas dringt an die Außenwelt. Einer, der weiß wie es hinter den Gittern der italienischen Vollzugsanstalten aussieht, ist Markus*. Der Südtiroler hat viel Zeit in den Gefängnissen Nord- und Mittelitaliens verbracht – denn schwere Gewaltverbrechen werden in der Bozner Haftanstalt üblicherweise nicht verbüßt.

Es ist ein sonniger Nachmittag in Bozen, die Kellnerin winkt freundlich, man kennt Markus hier. Markus grüßt zurück und zieht eine Zigarette aus der Packung. Viele Jahre nach der Tat, die sein Leben veränderte, sitzt er in einem Bozner Café und versucht sich in einer Erklärung. Zeit, sich eine zurechtzulegen, hatte er genug: Fast ein Viertel seines Lebens hat er hinter Gittern verbracht. Ja, er hat ein Verbrechen begangen, sagt er. Die Betonung liegt auf der Vergangenheit. Die Gesellschaft hat das Momentum der Tat auf einen Charakterzug ausgedehnt. „Du weißt zwar, wann du ins Gefängnis reinkommst, du weißt aber nicht, wann du wieder rauskommst“, umschreibt Markus das bleibende Stigma.

Seit fünf Jahren ist er wieder in Bozen, seine Strafe hat er bis auf den letzten Tag abgesessen. Richtig angekommen in der freien Gesellschaft ist er nicht. Letztlich bedeutet Freiheit auch, nicht auf seine Fehlentscheidungen im Leben reduziert zu werden. Konnte er die Zeit im Gefängnis nutzen, Frieden finden, etwas aufarbeiten, sich selbst verzeihen? „Was heißt das schon“, sagt Markus nach kurzem Überlegen. Er habe jedenfalls akzeptiert, was geschehen ist. Er nennt sein Opfer beim Vornamen als er sagt, Selbstkasteiung mache es auch nicht wieder lebendig – oder den Reintegrationsprozess einfacher.

Dass die Wiedereingliederung in die Gesellschaft nicht automatisch mit dem Entlassungsstempel passiert, weiß auch Alessandro Pedrotti von den Odòs, der mich etwas später freundlich in sein Büro winkt. 16 Schlafplätze hat Odòs für Menschen, die in „misura alternativa“ – wie es der italienische Staat nennt – ihre Resthaft verbringen dürfen. Als Brücke zwischen der Hafterfahrung und der Reintegration in ein freies Leben begleitet die Organisation der Caritas Menschen, die vom Überwachungsgericht als geeignet betrachtet werden. Ein neuer Bewohner kommt gerade an, Alessandros Mitarbeiter kümmern sich um den Mann, der mit müder Neugier und dem skeptischen Blick eines Neuankömmlings sein Gepäck in die Eingangshalle stellt. Die Warteliste ist lang, die Erfolgsquote hoch: Nur drei von zehn Straftätern, die bei den Odòs waren, werden rückfällig. Für staatliche Gefängnisse sieht die Bilanz weniger rosig aus: Sieben von zehn schaffen den Sprung in die Resozialisation nicht.

Die Odòs strukturieren den Tagesablauf und füllen ihn mit Aktivitäten, die Halt geben.

Bild: Jörg Oschmann

„Congelare“, dieses Wort fällt heute oft. Werden Menschen für fünf, zehn, zwanzig Jahre „eingefroren“, macht sie das kaum zu einem besseren Menschen. „Resozialisierung funktioniert nicht“, sagt Markus desillusioniert. Das Konzept der Resozialisierung setze jedenfalls voraus, dass man im Vorfeld der Strafe bereits von Sozialisation sprechen kann, findet Rechtswissenschaftler Müller-Dietz, was bei vielen allerdings nicht der Fall sei. „Resozialisierung funktioniert zumindest innerhalb der Gefängnismauern nicht immer“, sagt Alessandro vorsichtig. „Parkt man ein Auto für zehn Jahre, ist es nachher nicht funktionstüchtiger als vorher“, versucht er mit einer Metapher den Verschleiß der Gesellschaftsfähigkeit hinter Gittern nachzuzeichnen.

Der Alltag im Gefängnis ist zäh. Zäh, weil der Tag in der Zelle lang ist – trotz Hofgang. „Du musst schon selber zusehen, wie du die Tage rumkriegst“, sagt Markus. Lesen darf man, einmal in den Hof gehen darf man, schlafen so lange man möchte und auch schlafen gehen, wann man möchte. Ein Quäntchen Freiheit, das gerade mal so groß ist, dass es vor allem aufzeigt, was einem genommen wurde.

In italienischen Gefängnissen darf man maximal sechs mal im Monat Besuch erhalten, vier Päckchen bekommen und einmal die Woche telefonieren. Der Besuch darf eine Stunde bleiben, Telefonate höchstens zehn Minuten dauern und alle vier Päckchen zusammen 20 Kilogramm wiegen. Kleinigkeiten werden wichtig, der Kampf um Zigaretten, ein Brief oder Kleidung existenziell. Arbeiten, die anstehen, werden ab und zu von den Häftlingen übernommen, das Gefängnis wird dabei nicht verlassen. Die Zeit ist allein durch Mahlzeiten und den Hofgang getaktet. Als „eine unangenehme Windstille der Seele“, hat Nietzsche die Langeweile bezeichnet. Ein jahrelanger Leerlauf in einer reizarmen Umgebung, der oft mit Identitätsverlust einhergeht, trägt kaum dazu bei, dass der Gefangene ein besserer Mensch wird. Oder in Gesetzesdeutsch: „Ein fähiger Mensch, der künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten führen kann“.

Das ist das übergeordnete Ziel des Strafvollzugs und der Grund, warum der Rechtsstaat jährlich Milliarden dafür ausgibt, Menschen wegzusperren. Eine nachvollziehbare Idee, tatsächlich kommen die Inhaftierten oft lebensunfähiger aus der Zelle heraus, als sie hineingegangen sind. Es gibt viele Wege, wie man mit seinen Fehlentscheidungen umgehen kann: Vielleicht wird man demütiger, vielleicht verstockter, vielleicht brutaler. Stumpfer Freiheitsentzug alleine erhöht das Risiko, nach der Strafe immer wieder aus dem gesellschaftlichen Rahmen zu fallen. Die Zeit im Gefängnis kann zur besten Schule für ein schlechtes Leben werden, weiß Markus.

Die Gewaltbereitschaft gewaltbereiter Menschen nimmt nicht ab, wenn man sie zusammen in ein Gefängnis steckt und nicht weiter mit ihnen arbeitet. Die Überlebenstechniken, die sich viele in der Binnenwelt Gefängnis aneignen, sind kaum mit denen der Außenwelt kompatibel. „Am besten ist es, eine eigene Zelle zu haben“, sagt Markus, „alles andere kann ziemlich unentspannt sein.“ Dazu kommt der Kleinkrieg zwischen Bediensteten und Inhaftierten, die sich in einem Machtgefälle befinden, das sich zumindest eine der beiden Parteien nicht freiwillig ausgesucht hat. Tote habe er einige im Gefängnis gesehen, sagt Markus.

„Der Knast, das ist kein sicherer Ort.“

Die Subkultur hat ihre eigenen Regeln fern der Anstaltsleitung, ihren Schwarzmarkt, ihre Hierarchien und ihre Beziehungen. Dazu kommen in Italien die Clans der Mafia, die sich auch im Gefängnis unter den Insassen organisieren. Die Obrigkeit versetzt Häftlinge und versucht, Gruppendynamiken zu vermeiden, ganz verhindern kann sie sie trotzdem nicht. Die Resozialisierung von Mafia-Mitgliedern scheint insgesamt ein eher aussichtsloses Unterfangen, denn „wer draußen ist, ist entweder wieder dabei oder tot“, fasst Markus die Optionen zusammen.

Er stellt langsam seine Kaffeetasse hin, als er hinzufügt: „Der Knast, das ist kein sicherer Ort.“ Der Staat, der die Sicherheit seiner Gefangenen garantiert, ist mit der Überbesetzung der Gefängnisse chronisch überfordert. Es gibt zu wenige Zellen für zu viele Straftäter: Die letzten Daten des ISTAT für das Jahr 2013 zählen 62.536 Inhaftierte bei 47.709 Haftplätzen in Italien. Jährlich töten sich 60 Inhaftierte selbst, zumindest werden die Fälle so zu Protokoll und ins Archiv gebracht – Zweifel gibt es immer wieder. Symptomatisch für die Parallelwelt hinter Gittern: Was im Knast passiert, bleibt im Knast. Wenig gelangt an die Öffentlichkeit, die zumeist auch wenig Interesse für ihre Missetäter zeigt – zumindest nicht, wenn sie hinter Schloss und Riegel sind. „Wir wissen alles über das Verbrechen und die Verbrecher bis zum Zeitpunkt der Inhaftierung“, sagt Alessandro, „dann verschwinden sie von der Bildfläche“.

Das Bozner Gefängnis steht stoisch am Rande der Wahrnehmung und doch mitten in der Stadt wie eine gelbe Insel, aus der, wenn überhaupt, nur schlechte Neuigkeiten ins lebendige Umland schwappen. Eine Binnengesellschaft, von der man wenig weiß und die man auch nicht zu lange mit einem Fotoapparat in der Hand von außen betrachten kann, ohne vom Wärter verscheucht zu werden.

„Die meisten italienischen Gefängnisse wurden in den 70ern als Hochsicherheitsanlangen für Terroristen und Mafiamitglieder gebaut“, erklärt Alessandro. Sicherheit und nicht Resozialisierung als oberste Priorität. Das Bozner Gefängnis ist älter, noch werden dort die Türen mit der Hand und nicht per Knopfdruck geöffnet. Allein das sei bereits eine Geste der Menschlichkeit, so banal sie auch sein mag. „Unterm Strich sind das ja Kriminelle“, sagt Markus abgeklärt, „da kann man nicht auf alle Befindlichkeiten eingehen.“ Und natürlich gab es auch die Guten im Gefängnis, die versucht haben zu reden, zu unterstützen. Angenommen hat Markus die Hilfestellungen selten.

In Nord- und Mittelitalien ist Markus nach der Urteilssprechung gewesen, Deutsch hat er in all den Jahren fast verlernt, das Leben auch. Zurück in Südtirol kamen mit der Freiheit ihre Schwierigkeiten: Wer gibt mir Arbeit, wovon soll ich leben, auf wen kann ich noch zählen? Von der großen Freiheit, hinter Gittern oft erträumt und verklärt, bleibt wieder nur ein Quäntchen: Ex-Insassen werden regelmäßig kontrolliert, finden kaum Anschluss, haben oft Schwierigkeiten mit dem Geld. Bleibt der Ex-Häftling finanziell und sozial auf der Strecke, wird er schnell wieder straffällig.

Lang ist der Tag im Hausarrest: Die Kaffeemaschine ist ein beliebter Treffpunkt im Haus der Odòs.

Bild: Jörg Oschmann

Markus zündet sich eine weitere Zigarette an und seufzt. „Schnelles Geld ist schnell weg“, sagt er dann. Mit der Beute eines Bankraubs baue man sich kein solides Leben auf. „Die verpfefferst du, als gäbe es kein Morgen. Und der Morgen kommt und du brauchst wieder Geld.“ Ein paar kurze Ausflüge in den Knast hat Markus nach seiner langjährigen Haftstrafe noch gemacht. Alessandro und sein Team arbeiten daran, dass genau das nicht passiert, versuchen mit ihren Betreuten den Weg in ein stabiles Leben zu finden. Das Eis der Zivilisation ist dünn, gegen den Rückfall in die Straffälligkeit hilft das Übernehmen von Verantwortung, der Wechsel des sozialen Umfelds, die Strukturierung des Alltags durch Arbeit, sinnhafte Freizeitgestaltung.

Als ich bereits Stift und Block in die Tasche packe, sagt Markus, dass er aus einer moralisch integren Familie kommt: „Studierte sozusagen“. Er sagt es fast entschuldigend, wie um die ganze Last der Schuld auf sich zu nehmen. Und selbst eine schwierige Kindheit wäre maximal Ausrede für eine schlechtes Leben, aber keine Rechtfertigung. „Der Grat ist schmal“, sagt Markus, „jeder Mensch hat seinen Abgrund“. Das sei es auch, was er der Jugend mitgeben möchte: Verbrechen können passieren und man ist schneller der Böse in der Geschichte, als man es für möglich hält. Man solle vorsichtig mit sich und nachsichtig mit anderen sein.

Der Münchner Gerichtspsychiater Norbert Nedopil, der den schlimmsten Verbrechern in die Seele schaut, sieht das nur zum Teil ähnlich: Das Eis ist zwar für alle gleichermaßen dünn, aber die meisten Täter sind immer auch Opfer ihrer Familie, ihres Charakters und geprägt von den schwierigen Verhältnissen, die sie umgeben. Eine Annahme, die zwar nicht entschuldigt, aber erklärt. Als wir uns verabschieden, frage ich Markus noch, ob er die Strafe für seine Tat gerecht finde. „Ein Menschenleben ist genommen worden“, sagt er, „was ist dafür schon gerecht? Zehn Jahre, 18 Jahre, lebenslänglich, zweimal lebenslänglich?“ Er steckt müde die Zigaretten ein und winkt der Kellnerin. „Das“, sagt er, „kann man so oder so mit keiner Freiheitsstrafe aufwiegen.“

*Name von der Redaktion geändert

von Barbara Plagg

Der Text erschien erstmals in der 29. Ausgabe von „zebra.”, Juli/August 2017.

 

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