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Kommentar zum Fall Ashrafi

Ein Mord, der alle angeht

Ein sogenannter Ehrenmord erschütterte im Mai die iranische Gesellschaft. Der Täter ist nur einer, doch die Verantwortlichen sind überall.

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Bild: mostafa meraji/unsplash

Der Mord an Romina Ashrafi war kein gewöhnliches Verbrechen. Ihr eigener Vater war der Schlächter. Und er handelte nicht als verrückter Psychopath, sondern im Namen eines pervertierten gesellschaftlichen Konzepts: der Ehre.

Das 13-jährige Mädchen war zuvor mit einem zwanzig Jahre älteren Mann durchgebrannt. Als sie nach fünf Tagen von der iranischen Polizei aufgegriffen wurde, übergab diese das Mädchen trotz ihres Flehens an ihre Familie. Noch in der ersten Nacht, die Romina Ashrafi zuhause verbrachte, schnitt ihr der Vater mit einer Sichel die Kehle durch.

Nichtsdestotrotz – oder gerade deshalb – drohen dem Mörder nur drei bis zehn Jahre Gefängnis, ganz anders als bei gewöhnlichen Tötungsdelikten, die im Iran häufig auch mit der Todesstrafe belegt werden. Denn die iranischen Gesetze bestrafen Ehrenmorde besonders mild. Das geht auf die unter Fundamentalisten noch immer erhaltene Vorstellung zurück, dass eine Tochter Eigentum der männlichen Familienmitglieder ist.

„In was für einem Land leben wir eigentlich?”, fragten sich die Menschen im Iran.

Im Iran, und auch darüber hinaus, sorgte der Fall deswegen für große Aufregung. „In was für einem Land leben wir eigentlich?“, fragten sich die Menschen im Iran. Eine Protestwelle ging durch Social Media und setzte die Regierung der islamischen Republik unter Druck. So wies Hassan Ruhani, Irans Präsident, sein Kabinett am 27. Mai schließlich an, eine Anpassung der Gesetze zu erarbeiten.

Vielen progressiven Iranern ist eine formale Änderung der Spielregeln aber nicht genug. Sie erkennen die Ursache für Ehrenmorde in einer jahrhundertealten gesellschaftlichen Praxis, die Frauen als Besitz des Mannes versteht und zwischen Mann und Frau grundsätzlich kein anderes Verhältnis als das sexuelle gelten lässt. Bahar Rajavi*, eine iranische Designstudentin in Wien, kann sich einen echten Wandel nur vorstellen, wenn junge Menschen, vor allem Frauen, offen über die selbst erfahrene Unterdrückung sprechen und sie verurteilen. Hier erzählt sie von ihrer eigenen Geschichte und vom Kampf, den viele junge Iranerinnen um ihre Unabhängigkeit führen müssen:

Seit ich 19 war, lebe ich allein. Zuerst war es eine Einzimmerwohnung in Teheran, dann verließ ich den Iran, um meine Studien im Ausland fortzuführen. Alle um mich herum beneideten mich, immer wieder hörte ich meine Freunde sagen: „Was für ein Glück du hast, eine Familie zu haben, die dich respektiert und es dir erlaubt, frei zu sein.“

Das erinnert mich dann immer an meine Teenager-Zeit, als ich 13 war. Ich war damals nie allein, durfte nicht allein sein. Nicht einmal zum Supermarkt gleich gegenüber durfte ich gehen – geschweige denn, zu Freunden. Meine beste Freundin damals hatte einen Bruder, deshalb war es mir streng verboten, sie zu Hause zu besuchen. Einige Schulfreunde gingen damals schon allein zur Schule, ich wurde noch immer hingebracht und abgeholt. Ich schaute ihnen hinter den Fenstern meines Wagens zu und beneidete sie um ihre Unabhängigkeit.

Das war das erste Mal, als ich rebellierte. Ich wartete nicht, wie sonst immer, zur vereinbarten Zeit am selben Ort, um abgeholt zu werden. Stattdessen ging ich, ohne meinen Eltern etwas zu sagen, nach der Schule mit einer Freundin Eis essen. Nach einer Stunde kehrte ich heim und wurde mit Gewalt in mein Zimmer gesperrt, wo ich es eine Woche aushalten musste, ohne in die Schule gehen zu dürfen.

„Verantwortlich für diese Rückständigkeit sind nicht nur unsere mittelalterlichen islamischen Gesetze, sondern wir alle.”

Darauf folgten unzählige weitere Male, wo ich von zuhause ausriss und meine Freiheit teuer bezahlte. Bis zu meinem 19. Lebensjahr, war es wie ein Krieg. Schließlich hatte ich das Glück, dass meine Eltern nachgaben. Sie sahen in den ewigen Kämpfen keinen Sinn mehr und erlaubten es mir, als Studentin alleine in Teheran zu leben. Ein Privileg, das in den meisten Fällen nur den Söhnen vorbehalten ist. Denn Jungs, so sagt man im Iran in einer mir verhassten Redewendung, dürfen das. Warum? „Er ist ein Junge, das ist einfach etwas anderes.“

Ich glaube nicht, dass meine Eltern sich heute noch an jene Tage erinnern können. In Wien, wo ich heute studiere, lebe ich mit meinem Freund zusammen, wir sind unverheiratet, er ist nicht mal Muslim. Für meine Eltern ist das inzwischen Normalität.  Umso mehr frage ich mich: Mit welchem Gift sind die Köpfe in unserer Gesellschaft durchsetzt, dass sogar eine im Grunde offene und kaum religiöse Familie wie die meine, so rückständig denken und handeln konnte? Und wer ist dafür verantwortlich?

Verantwortlich für diese Rückständigkeit sind nicht nur unsere mittelalterlichen islamischen Gesetze, sondern wir alle: mein Vater und Romina Ashrafis Vater und alle Väter, die nicht imstande waren, geltende Normen zu hinterfragen; Frauen, die es genießen und es für ein Zeichen der Liebe halten, wenn ihr Mann eifersüchtig und besitzergreifend ist; Männer, die sich nur dann ehrwürdig fühlen, wenn sie ihre Frau als Besitz hüten und mit Zwang vor fremden Blicken verbergen. Sie tragen an ihren Händen das Blut der tausenden Frauen, die täglich für „Ehre“ und Eifersucht hingerichtet werden. Sie alle sind für Romina Ashrafis Tod mitverantwortlich.  

 

*Name geändert

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