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Straßenzeitung zebra.

Ein Café mit Außenwirkung

Das FemCafé in Meran ist ein Tummelplatz für feministische Themen und aktivistische Köpfe. Aber auch das gemütliche Zusammensitzen darf nicht zu kurz kommen.

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Immer wieder sind gemeinsame Aktionen geplant.

Bild: FemCafè Meran

Das Kollektiv hinter dem FemCafé schreibt sich persönliches Engagement und Aktivismus auf die Fahne, doch das wichtigste sei, sich persönlich auszutauschen, gemeinsam angeregte Diskussionen zu führen oder einfach nur „a Bierl zu trinken und zu quatschen“. Aus dieser Idee heraus ist das FemCafé im September 2019 nach einem Diskussionsabend im Ost West Club Est Ovest in Meran geboren. Für Julia Dalsant, Mitwirkende und treibende Kraft des FemCafés, und ihre Kolleginnen wurde schnell klar: „Da müssen wir dranbleiben, das müssen wir weiterführen.“ So spontan wie das FemCafé entstand, bleibt auch weiterhin die Vorgehensweise des Kollektivs, ganz frei nach dem Motto: Missstände erkennen, in Diskussionen aufgreifen und dann handeln.

Dafür treffen sich die Mitwirkenden des FemCafés und all jene, die spontan dazustoßen wollen, informell und ungezwungen einmal pro Woche (wenn gerade keine Pandemie herrscht), um in einem „Safe Space“, einem geschützten Raum, jene Themen zu besprechen, die gerade wichtig sind. Diese variieren, je nach Interessen und Anliegen der Anwesenden. „Oh, des isch mir ah passiert“, ist dabei kein seltener Ausruf. Männer sind auch manchmal dabei, wenn sie mögen, denn auch sie geht Feminismus etwas an, auch wenn das mit dem „isch mir ah passiert“ vielleicht ausfallen mag.

Neben den wöchentlichen Treffen hat das Kollektiv in den letzten Jahren verschiedene Aktionen durchgeführt, zum Beispiel eine Sticker-Aktion zum Thema “Frauen in der Politik”, eine Kampagne gegen stereotypisierte Werbeplakate im öffentlichen Raum, sowie jüngst eine Umfrage an Schulen zum Thema Menstruationsprodukte. Dabei geht es in erster Linie um die sogenannte „Period Poverty“ – um die hohen Kosten der Menstruationsprodukte. So kommt es leider auch in Südtirol vor, dass Mädchen im Schulalter im Unterricht fehlen, weil sie keinen Zugang zu Menstruationsprodukten haben. In Italien gelten diese immer noch als Luxusprodukte und sind mit 22% IVA besteuert, während andere Länder diese bereits kostenlos zugänglich machen (Schottland), gratis an Schulen verteilen (Neuseeland) oder zumindest niedriger besteuern. Das FemCafé möchte in Zusammenarbeit mit dem Jugenddienst auch obdachlosen Frauen in Südtirol Menstruationsprodukte zugänglich machen, aber auch all jenen, die sich finanziell schwertun, für diese zu bezahlen.

Aktivismus und Politik, aber auch mal gemütlich zusammensitzen und ratschen: das FemCafé in Meran.

Bild: FemCafè Meran

Die vielen Baustellen

Wie das Thema der „Period Poverty“ werden die meisten Anliegen des FemCafés aufgegriffen, weil Handlungsräume fehlen. Zum Beispiel entstand die Initiative „Frauen in die Politik“, weil Männer für gewisse Themen einfach nicht genügend sensibilisiert sind, diese nicht in ihre Parteiprogramme aufnehmen und Frauenanliegen somit politisch nicht repräsentieren. „Warum ist etwa die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in der Politik ausschließlich ein Frauenthema?“, fragt Julia Dalsant. Sollten sich nicht alle mit dieser Frage auseinandersetzen? Auch Männer haben sowohl Familie als auch Beruf. Trotzdem falle in sehr vielen Beziehungen die Verantwortung für Familie und Haushalt immer noch auf Frauen zurück, meint Julia Dalsant. Das Phänomen des sogenannten „Mental Loads“, der kontinuierlichen Belastung, an alles denken zu müssen, vor allem wenn man Kinder im Schulalter hat, summiert sich für viele Frauen mit Haushaltsarbeiten, der Pflege einer/s Angehörigen und der eigenen Erwerbsarbeit. Die Mehrfachbelastung von Frauen ist auch in modernen Beziehungen nach wie vor eine Tatsache, das oft gehörte „muasch lai sogn, donn hilf i dir“ exemplarisch dafür.

Julia Dalsant ist Handballerin und Kindergartenpädagogin. Sie erlebt in ihrem Berufsleben, wie geschlechterspezifische Stereotype bereits in Kindertagen gelernt werden. „Kinder sind kein weißes Blatt, wie man oft meinen möchte, sie kriegen alles mit!“, weiß sie. Kinder bilden damit auch klare Vorurteile in ihren kleinen Köpfen, die sie ins Erwachsenenleben mithineintragen. Viele Facetten von nicht-konformen Menschen sind für Kinder nicht sichtbar, wie etwa Transgender-Identitäten oder auch nur Nagellack auf Männerhänden, Frauen im Baugewerbe oder Papa beim Wäscheaufhängen. Schon von klein auf festigen sich somit Rollenbilder und machen Feminismus im pädagogischen Bereich besonders wichtig, um Geschlechterstrukturen aufzubrechen, oder zumindest zu lockern.

Julia Dalsant wünscht sich daher eine erhöhte Sensibilität aller Pädagog*Innen für das Thema Feminismus und eine selbstkritische Auseinandersetzung mit der eigenen Reaktion auf Kinder, die, je nach Geschlecht, oftmals unterschiedlich ausfällt. „Da Mädchen kulturell eher Eigenschaften wie Passivität zugeschrieben werden, während es bei Jungen normal ist, aggressiv und wütend zu sein, lässt man letzteren oft viel mehr durchgehen“, sagt die Pädagogin. Auch inklusiver Sexualunterricht und LGBTIQ* Themen sind für ein Aufbrechen der patriarchalen Strukturen wichtig. Obwohl Rollenklischees in Südtirol noch an der Tagesordnung sind, sind diese Themen kein Tabu mehr, meint Julia Dalsant: „Da tut sich was!“

“Rollenbilder entstehen im Kinderalter”: Julia Dalsant

Bild: Thomas Zelger

Auch wenn es um sexuelle Belästigung geht, sieht sie einen positiven Fortschritt: Die Akzeptanz dafür sei deutlich gesunken. Erlebt eine Frau einen sexuellen Übergriff, verbal oder physisch, verdrängt und verschweigt sie ihn heute weniger, als sie es noch vor wenigen Jahren getan hätte. Trotzdem sei es noch ein weiter Weg: Frauen und Mädchen lassen immer noch zu viel durchgehen. Warum? Schon von klein auf haben Mädchen (und auch Jungen) nie gelernt, gefragt zu werden, bevor sie angefasst werden, und dass es nicht in Ordnung ist, wenn andere sie einfach physisch anfassen. Auch im Erwachsenenalter sei die Tendenz, eine Belästigung, die man selbst erlitten hat, zu entschuldigen, groß: „Er war halt betrunken“, „Er wusste nicht, was er tat“.

Die meisten Frauen und Mädchen sind im Laufe ihres Lebens sexueller Belästigung ausgesetzt, in manchen Berufen steht sie sogar an der Tagesordnung, wie etwa im Gastgewerbe. Wenn Männer sexuell belästigt werden, ist die Hemmung, darauf zu reagieren, noch viel größer – Man(n) ist ja dann ein Lauch. Feminismus ist demnach auch für Männer gut, es befreit auch sie von Zwängen und aufgedrängten Rollenzuschreibungen.

Es tut sich was

Das FemCafé will offen und zugänglich für alle sein und ist gerade dabei, zu einem Verein zu werden. Trotzdem wünscht sich Julia Dalsant mehr Vielfalt in der Zusammensetzung des Kollektivs: „Wir sind fast alles CIS-Frauen der weißen Mittelschicht, zweisprachig, aber deutschlastig. Damit können wir nicht für alle Frauen sprechen, denn es gibt Realitäten, die wir nicht kennen und die wir nicht repräsentieren können“. Ein inklusiver, intersektionaler und antirassistischer Zugang ist für das Kollektiv rund um das FemCafé fundamental, die eigenen Privilegien zu erkennen, ebenfalls. Welchen weiteren Diskriminierungsformen ist eine schwarze Frau in Südtirol ausgesetzt? Wie sieht die Realität einer Transfrau aus? Wie offen geht die Gesellschaft mit Homosexualität um? Um diese Themen besser inkludieren zu können, sollen Allianzen mit anderen Menschenrechtsvereinen angestrebt werden, doch zuerst muss sich das FemCafé als Verein erst etablieren und festigen.

In Südtirol sind in den letzten Jahren einige Initiativen entstanden, die sich mit Themen rund um Geschlechtergerechtigkeit auseinandersetzen. „Es tut sich etwas in Punkto Feminismus und es ist schön zu sehen, dass an vielen verschiedenen Orten feministische Initiativen entstehen“, meint Julia Dalsant, auf deren T-shirt in großen Lettern die Worte SISTERHOOD IS POWERFUL (Schwersternschaft ist stark) steht: „Feminismus? Sell wert ollaweil cooler!“

Text von Linda Ghirardello

Dieser Text stammt aus der Ausgabe Nr. 63 von zebra.
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