Anzeige
Sinti im Fokus

Die vergessene Minderheit

Über Sinti und Roma gibt es viele Vorurteile, auch in Südtirol. BARFUSS hat mit einer jungen Sinti aus Bozen darüber gesprochen.

img_1375.jpg

Bild: Oliver Kainz

Südtirol ist ein eigenartiges Land. Der deutschsprachige Südtiroler wächst im Glauben auf, eine schützenswerte Minderheit zu sein. Was mit den Minderheiten innerhalb der Minderheit geschieht, interessiert ihn aber kaum. Geradezu unbeachtet von der Öffentlichkeit lebt beispielsweise die Minderheit der rund 900 Sinti und Roma in Südtirol. Was zeichnet diese Menschen aus? Warum gestaltet sich ihre Integration teilweise so schwierig?

Jaina Frosch gehört zur Volksgruppe der Sinti. Die Boznerin trägt bei unserem Gespräch im Café Exil eine hellblaue Jeans und eine stylische Winterjacke. Mit ihren langen, pechschwarzen Haaren erinnert sie ein wenig an Pocahontas. Die 18-Jährige hat ihre eigenen Antworten auf kritische Fragen. „Die Integration fällt oft schwer, weil uns die Gesellschaft häufig nicht akzeptiert so wie wir sind“, bedauert sie. Wenn ein Sinto einen Fehler mache, dann sei das gleich eine schreckliche Sache. „Wenn ein Südtiroler denselben Fehler begeht, dann ist alles halb so wild.“ Jaina spricht neben ihrer Muttersprache Sintitikes, einwandfreies Italienisch und ein bisschen Deutsch.

Sie wählt ihre Sätze mit Bedacht und übt auch Selbstkritik, denn die Eingliederung der Sinti in den Arbeitsmarkt fällt oft schwer. „Wir müssten häufiger selbst die Initiative ergreifen und Kurse besuchen, um die Integration im Arbeitsleben zu schaffen.“ Jaina hatte selbst Schwierigkeiten einen Job in Südtirol zu bekommen. Dank der Unterstützung im Rahmen des Caritas-Projektes „Auf der Suche“ arbeitet sie nun 40 Stunden die Woche in einem Bekleidungsgeschäft in den Bozner Lauben. Die Arbeit als Verkäuferin macht ihr Spaß. „Ich fühle mich im Geschäft richtig wohl“, sagt Jaina mit einem Leuchten in ihren dunklen Augen.

Das Besondere an der Kultur der Sinti ist ihr Verhaltenskodex. Wichtige Pfeiler dieses Kodex sind die übergeordnete Rolle der Familie und ein ausgeprägtes Solidaritätsempfinden. In der Vergangenheit wurden Sinti auch mit Nomadentum, einer hohen Analphabetenrate und arrangierten Hochzeiten in Verbindung gebracht. „Unsere Werte befinden sich im Wandel“, erklärt Jaina. Südtiroler Sinti wohnen mittlerweile fast alle nicht mehr in Campern, sondern in Wohnungen. Ihre Kinder besuchen die Volks- und Mittelschule. Es komme zwar vor, dass Sinti im Teenageralter heiraten, „aber soviel ich weiß, wird die Hochzeit keinem aufgezwungen“, sagt Jaina. Auch die patriarchalischen Familienstrukturen sind nicht mehr so strikt wie früher.

„Ich bin eine bolzanina, ein Sinto. Ich bin einfach von hier.“

Je länger Jaina von den kulturellen Besonderheiten der Sinti erzählt, von den rauschenden Festen und den traditionelle Tänzen und Liedern, desto häufiger fällt das Wort spirito libero. „Wir sind Freigeister; bei uns läuft alles spontan ab.“ Gefragt, ob sie denn ein Beispiel nennen kann, nimmt sie einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse und antwortet: „Erst gestern ist mir eine Idee durch den Kopf geschossen. Vielleicht eröffne ich irgendwann mit meiner Mutter, die eine hervorragende Köchin ist, ein Restaurant oder eine Bar.“

Die Volksgruppen der Sinti und Roma stammen ursprünglich aus Indien und wanderten über die Jahrhunderte Richtung Westen. Viele der rund 150.000 Sinti und Roma in Italien sind Opfer von Ausgrenzung und Diskriminierung. Der Senator Francesco Palermo setzt sich deshalb im römischen Parlament für die gesetzliche Anerkennung der Sinti und Roma als sprachlich-historische Minderheit ein. Palermo ist pessimistisch, was die Realisierung dieses Vorhabens angeht. Er kämpfe aber trotzdem für die Rechte der Sinti und Roma, weil dies eine unerlässliche Notwendigkeit sei, wie er in diesem Video erläutert.

Jaina fühlt sich grundsätzlich wohl in Bozen. Manchmal erntet sie skeptische Blicke, wenn sie über ihre Herkunft spricht. „Ich versuche dann mit Worten und Taten zu zeigen, dass die Vorurteile der Menschen nicht zutreffen“, erklärt Jaina. Eigentlich ist alles gar nicht so kompliziert. „Ich bin eine bolzanina, ein Sinto. Ich bin einfach von hier.“

Oliver Kainz

ist im Vinschgau daheim und in der Welt zu Hause. Er findet Politik faszinierend und ist jederzeit für einen „Watter" im Gasthaus bereit.
Anzeige
Anzeige

Hinterlasse einen Kommentar

Mehr Artikel

Better Must Come

Früher war Fabian Heidegger als Myztic Lion musikalisch unterwegs. Jetzt startet der Reggae-Sänger sein neues Projekt Seel.a.
 | 
Schauspielerin Katia Fellin

Ihre Zeit ist gekommen

Von Oberbozen ans Film-Set: Die Rittnerin Katia Fellin spielt im nächsten Tatort die Hauptrolle.
0    
 | 
He says, she says

Krisensexismus

Schwierige Zeiten legitimieren ungewöhnliche Reaktionen. Dazu gehört anscheinend auch Sexismus, denn in Zeiten von Corona erlebt er eine Blütezeit.
0    

Dieses Leben schreibt Geschichte

Die neue Single der Rockband „Stunde Null“ ist während der Ausgangssperre entstanden. Als Gastmusiker mit dabei sind unter anderem Tracy Merano, Philipp Burger oder Nicole Uibo.
 | 
Kommentar zum Ausnahmezustand

Vorbehalte eines Demokraten

Lässt sich die Pandemie noch eindämmen, ohne die Grundprinzipien einer liberalen Gesellschaft zu verletzen?
0    
Anzeige