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Die Schattenseiten

Die Reise geht weiter durch das Armutsviertel Tiranas und zu den Benachteiligten der Gesellschaft. Und immer sind die Albaner gastfreundlich. Teil 2

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Bild: Armin Mutschlechner
Nach dem Abstecher ins Nachbarland Mazedonien, geht es zurück in das Land, von dem mancher Südtiroler glaubt, dass dort messerstechende und gewaltbereite Banden ihr Unwesen treiben. So, wie ich die Bevölkerung kennengelernt habe, ist das ganz anders. Die Albaner sind sehr gastfreundlich und wie bei uns auch, gibt es auch dort abweichendes Verhalten. Und das wird von den Menschen dort genauso wenig toleriert wie bei uns. Wenn man die Leute in Albanien anspricht, wie sich eine Minderheit von Albanern bei uns in Südtirol verhalten, so schämen sich diese für ihre Landsleute im Ausland. In Albanien gilt das ungeschriebene Gesetz der Gastfreundschaft. Gäste stehen in einem Haus unter dem Schutz der Hausherren. So war Albanien das einzige Land, das im zweiten Weltkrieg keine Juden an die Nazis ausgeliefert hat, oder zigtausenden italienischen Soldaten wurde nach dem Einmarsch der Deutschen (1943) der Kopf gerettet. Wenn ich an unsere eigene braune Vergangenheit denke, wo Tiroler Patrioten Juden ins KZ denunziert haben, und dies bis heute nicht vom offiziellen Südtirol als Tatsache angesehen wird, dann schäme ich mich auch für unser Land. Die Gastfreundschaft der Albaner habe ich auch so empfunden, wenn unsere Reisegruppe in fremde Häuser gekommen ist.
 
Im Armutsviertel
 
Ich treffe auf Menschen, die kaum selbst für sich sorgen können. So haben wir die Gelegenheit durch eine italienische Ordensfrau, welche in Bathore, einem Stadtteil von Tirana, arbeitet, auch eine Schattenseite kennenzulernen. Schwester Virginia (71) stammt aus Pordenone und gehört dem Orden der Dominikanerinnen „Beata Imelda“ an. Seit 1996 ist sie in Albanien tätig, und so wie sie arbeitet und vom Charakter her, erinnert sie mich stark an Don Camillo. Mit Sr. Virginia gehen wir durch die Behausungen von Bathore. In diesem Viertel leben geschätzt 80.000 Menschen unter Bedingungen, die für uns fremd sind. Die Menschen lassen uns in ihre rudimentären Behausungen hinein und bieten uns an, das Essen zu teilen.
 
Wie eine Mutter von acht Kindern, die auf dem offenen Feuer – mit furnierten Pressplatten - „Fli“ zubereitet. Es ist eine Speise, die traditionell zu Festtagen gekocht wird. Eine Art Omelettenteig, welcher in dünnen Schichten in einer Pfanne durch die Hitze des Deckels gebacken wird. Wenn eine Schicht gar ist, wird eine neue Teigschicht darüber gegossen. Im Laufe von zwei bis drei Stunden ensteht so ein dicker Kuchen. In den Gassen laufen mir Ratten über den Weg und Kinder erledigen ihre Schularbeiten auf dem nackten Betonboden. Von außen sehen die Behausungen solide und sauber aus. Sr. Virginia lässt kein gutes Haar an der einfachen Bauweise. „Non sono capaci di fare le case. Addirittura riempiono i mattoni di sabbia, perchè credono che cosi hanno più stabilità. D'estate fa un caldo, e d'inverno un freddo e muffa dapertutto.“
 
Dafür boomte in den vergangenen Jahren die Bauwirtschaft in Albanien. Quer durch das Land stehen Rohbauten, in denen teilweise schon gewohnt wird. In den Städten sind Hochhäuser entstanden, da viele das Leben in modernen Wohnungen dem Leben in den Häusern am Land vorziehen. Seit weltweit Kriese herrscht, investieren Auslandsalbaner vermehrt ihre Ersparnisse in die Heimat. Zurzeit stagniert der Bauboom. Allein in Tirana stehen 30.000 neue Wohnungen leer, die keinen Käufer finden. Und das nur wenige Kilometer vom Armutsviertel in Bathore entfernt.
 
Im Jugendgefängnis
 
Jene, die dort gestrandet sind gehören oft der Minderheit der Roma an. Sr. Virginia erzählt, dass sie meist von Diebstahl leben. Jugendlichen aus solchen Verhältnissen, begegne ich auch in einem Jugendgefängnis. In Kvaje, 20 Kilometer vor Durres an der Adriaküste. Leider war das Fotografieren dort nicht erlaubt. 14- bis 18-Jährige sitzen hier ein und verbringen Haftstrafen von bis zu acht Jahren für Mord und Totschlag. Drei Monate gibt es für einen Fahrraddiebstahl. Der Jugendknast wurde mithilfe von UNICEF gebaut, und man versucht, die Jugendlichen auf das Leben nach der Haftstrafe vorzubereiten. Es gibt Psychologen, Schulunterricht, Werkstätten und Freizeitaktivitäten. Der Ansatz ist gut, nur nach der
Haftstrafe gibt es draußen keine Unterstützungen mehr. Ein Sozialsystem wie wir es kennen, gibt es in Albanien nicht. Viele Jugendliche sind nach der Haftentlassung auf sich alleine gestellt. Für uns Besucher aus Italien zeigt die Gefängnisleitung vieles durch die rosa Brille. Allein die Tatsache, dass in der Metallwerkstätte keine Rohstoffe oder Abfälle vorhanden sind, ist für mich etwas eigenartig. Noch komischer wirken die Jungs in ihren sauberen Arbeitsanzügen, mit Schutzhelm und -brille, in einem Arbeitsraum, der nicht nach täglichem Handwerken aussieht. Für die Jugendlichen im Knast, aber auch Menschen die ohne Perspektive leben wie in Bathore, ist Italien das gelobte Land. Wenn man sie darauf anspricht, möchten sie dorthin. Ein jugendlicher Gefangener meint: „Voglio andare là, perchè c'è di più da fregare.“
 
Fazit 
 
Albanien ist eine Reise wert. Das Land ist vielfältig und die Leute sind tolerant. Und gut essen kann man auch. Es gibt dort eine Zivilgesellschaft, die sich über die Konfessionen hinweg einbringt und Veränderungen anstrebt. Und das alles ohne staatliche Unterstützungen. Unterstützung kommt aber oft von europäischen Ländern, die sich projektbezogen engagieren. Dank des Reiseleiters Elton (37), der mit viel Hintergrundwissen zu Land und Leuten aber auch mit kritischen Anmerkungen unsere Reisegruppe fütterte, war die Studienfahrt von Südtiroler Jugendarbeitern ein tolle Erfahrung. Wenn sich zukünftig ein Albaner bei uns daneben benimmt und dies salopp abtut mit „da noi è così“, kann ich ihm nun eine adäquate Antwort geben.
 
Bei der Heimreise am Flughafen treffe ich erneut auf Rezeart (40). Er lebt und arbeitet seit 20 Jahren in Bozen und ist mit einer Italienerin verheiratet. Zwei Kinder im Mittelschulalter. Ich hatte Rezeart bereits bei der Einreise, als wir beim Zoll warten mussten, kennengelernt. Damals fragte ich ihn, ob er nach Hause fährt? Er lachte. „No, vengo a trovare i genitori. A casa sono a Bolzano.“
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Reise nach Albanien

In Südtirol leben rund 5.500 Albaner, es ist damit die größte Ausländergruppe im Land. Deshalb machte sich eine Gruppe Südtiroler auf nach Albanien, um die gesellschaftlichen und kulturellen Hintergründe, vor allem die Situation von Kindern und Jugendlichen, kennenzulernen. Es war eine Studienfahrt für Menschen, die hauptberuflich in der Südtiroler Jugendarbeit beschäftigt sind. Organisiert wurde das Ganze vom Amt für Jugendarbeit, unter der Federführung der Kulturvermittlerinnen Ana Agolli Cela und Gerda Gius. 

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Ein sehr schöner und vor allem endlich mal ein sehr langer Artikel (wie man ihn sich öfter wünscht). Eine andere Sicht auf ein Land und sein Volk, dem die meisen Südtiroler leider mit den altbekannten Scheuklappen begegnen.

Danke Mömchen :)

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