Die Neue in der Klasse

Kann man gleichzeitig Südtirolerin UND Muslimin sein? Naghmana zeigt, wie's geht.

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Bild: privat

Als die aus Pakistan stammende Naghmana in die Volksschule Mühlbach kam, wurde sie empfangen, wie es sich für eine orientalische Prinzessin gebührt. Wir Mitschüler freuten wir uns damals alle auf das Mädchen aus dem Land von 1001 Nacht und wichen nicht von ihrer Seite. Sie und ihre Geschwister waren die ersten „Ausländerkinder" in Mühlbach. „Eine schöne Zeit“, erinnert sich Naghmana, die übrigens 1001 Nacht nicht kennt, und grinst. Wir haben uns in einem Café in Mühlbach verabredet. Sie hat wieder farbenfrohe Gewänder an, mit glitzernden Steinchen verziert: genauso, wie ich sie in Erinnerung habe. Nur, dass Naghmana kein Volksschulmädchen mehr ist, sondern 24 Jahre alt und verheiratet. Ich hingegen trage einen weißen Pullover, schwarze Jacke, braune Schuhe – Winter eben. Wir sind hier, um über ihren Glauben, den Islam, zu sprechen.

Ein falsches Bild vom Islam

„Im Islam gibt es die fünf Säulen“, beginnt Naghmana im einwandfreien Südtiroler Dialekt. Diese sind das Glaubensbekenntnis, das Gebet, die Armengabe, das Fasten im Ramadam und die Pilgerfahrt nach Mekka. Auch sie betet fünfmal am Tag, auf dem Teppich, der nach Mekka ausgerichtet ist. In Mekka war sie übrigens noch nicht. Alkohol und Schweinefleisch sind verboten, erklärt sie weiter, und Frauen sollten eigentlich ganz bedeckt sein. „Wie sehr bedeckt?“, frage ich, „doch nicht etwa von oben bis unten mit diesem Schlitz an den Augen?“. „Doch“, sagt Naghmana. Ihr Kopftuch ist ihr in den Nacken gerutscht. „Die Leute meinen, der Islam ist sehr streng und die Frauen dürfen nichts machen, aber das stimmt nicht“. Klar, die Frauen hier haben viel mehr Freiheiten, aber das Bild, das wir Südtiroler vom Islam haben, „das stimmt einfach nicht“. Die Bilder, die wir im Fernsehen sehen, von Frauen, die geschlagen werden, findet Naghmana „einfach schrecklich“.

Als Naghmana 22 Jahre alt war, zeigte ihre Familie ihr ein Foto von Mudassar. „Nein zu sagen, wäre fast eine Schande gewesen." Sie sagte Ja und wurde einen Monat später seine Ehefrau. „Ich war sehr aufgeregt“, erinnert sich meine ehemalige Mitschülerin. Mudassar ist sechs Jahre älter als Naghmana und, wie sie bald herausfand, „ein sehr feiner Mensch“. Nach der Hochzeit zogen die beiden für eine Weile nach Paris. Dort hielt es Naghmana aber nicht lange aus. „Ich hatte Heimweh nach Südtirol“, erklärt sie. Sie fühle sich nicht als Pakistanerin. „Zu mir haben schon viele gesagt, ich sei wie eine Südtirolerin. Ich habe ja auch die italienische Staatsbürgerschaft und bin schon über 20 Jahre da“, gibt sie zu bedenken. Als Naghmana zwei Jahre alt war, zog ihre Familie nach Trient, später nach Mühlbach.

Wohnungssuche mit Kopftuch

Auch sie will mit ihrem Mann und ihrer zukünftigen Familie in Mühlbach bleiben. Mudassar gefällt es hier ebenso, erklärt sie mir. Natürlich, der Schönheit der Berge, konnte auch er sich nicht entziehen, erzählt sie und strahlt. Richtig patriotisch kommt sie mir vor. Zurzeit lebt sie bei ihren Eltern und sucht eine Wohnung für sich, Mudassar und das Baby, das bald auf die Welt kommen wird. Sie sucht schon seit sechs Monaten – und findet nichts. Sie wird leise. „Wenn ich ehrlich bin, glaube ich schon, dass das mit meinem Aussehen zu tun hat“, meint sie vorsichtig. Am Telefon klingt sie ja wie eine „richtige“ Südtirolerin, steht sie dann in der Tür, kann sie ihre Wurzeln nicht mehr leugnen. Auch eine Arbeit sucht sie, vielleicht Kinderbetreuung, in dem Bereich hat sie schon berufliche Erfahrung. Und wenn das Baby dann da sei, frage ich. „Na, da passt schon auch Mudassar auf“.  

Wir nippen an unseren Getränken und machen uns dann auf die Suche nach Gemeinsamkeiten zum Christentum. Jesus ist auch im Islam ein wichtiger Prophet, Mohammed der letzte und somit natürlich der wichtigste. Wir überlegen noch ein bisschen und kommen dann zum Schluss, dass das gemeinsame Ziel beider Religionen letztendlich ist, ein guter Mensch zu sein. Na also.

 

Übrigens: Naghmana freut sich über jeden Tipp bezüglich Arbeit und/oder Wohnung. Meldet euch am besten telefonisch bei ihr, unter +39 333 7177191. 

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Maria Laura Ebensberger

wollte schon als kleines Mädchen Journalistin werden. Oder Schauspielerin. Wenn ersteres nicht klappt, seht ihr sie demnächst im Kino, an der Seite von Johnny Depp.

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