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Jugendtheaterfestival sapperlot

Die Kraft des Theaters

Das sapperlot verwandelt Fremde in Familie und Autisten in Adlige. BARFUSS besuchte das Jugendtheaterfestival in Brixen und traf dort die „Theater-Mafia".

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Bild: Associazione La Torre del Drago: "anno 2035", sapperlot 2018

Normalerweise singt Markus Dorfmann. „Ich bin so froh, dass i ein Südtiroler bin“ zum Beispiel. Oder „Mir sein mir“. Und normalerweise turnt er dabei über die Südtiroler Bühnen und Bildschirme. An diesem Samstag singt und turnt „dor Doggi“ jedoch nicht. Den Platz im Zentrum der Aufmerksamkeit hat heute seine Tochter eingenommen – und mit ihr fast 150 andere Kinder und Jugendliche. Zu Rovazzis „Andiamo a comandare“ tanzen sie auf dem Maria-Hueber-Platz in Brixen. Das „sapperlot“ hat die Brixner Innenstadt erobert.

sapperlot statt Stille
sapperlot, das ist das größte Jugendtheaterfestival Norditaliens. Das Festival, das alle zwei Jahre vom TPZ, dem „Theaterpädagogischen Zentrum Brixen“, organisiert wird, zieht jedes Mal über hundert junge Schauspieler aus allen Winkeln der Welt an. Dieses Jahr sind unter anderem Gruppen aus Russland, England, der Slowakei und den USA angereist. Und wenn Heinrich Heine heute durch Brixen gereist wäre, dann hätte er keine „dämmernde Stille“ und „melancholisches Glockenbimmel“ wahrgenommen. Heute übertönen dies die jungen Sapperlotter.

„Dor Doggi” beim sapperlot 

Bild: Wolfgang Tessadri

Im Hof des Kassianeums, der Unterkunft der Jungschauspieler, wird gelacht, deklamiert, improvisiert und geschminkt – gerade ziehen die Russen aus, um die Brixner Gassen zur Bühne ihres eigens dafür eingeübten Straßenstücks zu machen. Eine schattige „Chill-Out-Area“ mit gemütlichen Sofas und Sesseln gibt es zwar, aber die kommt nur bei absoluter Entkräftung zum Einsatz. Der eigentliche Ruhepol des Festivals ist Heidi Troi. Die Organisatorin des Festivals steht solide im Auge des Sturms und lässt sich auch davon nicht aus der Ruhe bringen, dass „schon am ersten Tag ein paar Jungs und Mädels mit Knutschflecken herumlaufen“.

Ein Festival für die ganze Familie
1996 hat Heidi Troi das Festival, das damals noch den schlichten Namen „Theaterfestival“ trug, zusammen mit ihrem Mann Thomas und dessen Schwester Elfi ins Leben gerufen und seitdem gemeinsam durch mal mehr und mal weniger stürmische Zeiten gesteuert. „Als ehrenamtlicher Verein ist das TPZ auf die Förderungen des Landes angewiesen. Während der Wirtschaftskrise, als die Beiträge später kamen und schmaler ausfielen, war das eine harte Belastungsprobe,“ erzählt Heidi nach dem Werdegang von sapperlot gefragt. Mittlerweile haben sich die Wogen wieder geglättet: Thomas Troi leitet das TPZ in Vollzeit und das Geld reicht noch für eine weitere Theaterpädagogin in Teilzeit. Dennoch bleibt ein großer Teil der Arbeit für und auf dem Festival immer noch ehrenamtlich. Und im Falle der Trois könnte man sagen: ein Festival, eine Familie.

Neben Elfi, Heidi und Thomas ist nämlich unter anderem auch noch der Nachwuchs Benedikt, Jonathan und Magdalena im Dauereinsatz. „Wir sind die Troi Theater-Mafia“, meint Jonathan dazu nur grinsend. Heidi selbst organisiert das Festival fast völlig in ihrer Freizeit. Hauptberuflich arbeitet sie als Grundschullehrerin. Dennoch nimmt sie sich selbst lieber zurück: „Wir haben das große Glück, dass bei uns alle mit Leib und Seele dabei sind, auch unsere Jugendlichen stecken ihr gesamtes Herzblut in die Organisation.“ Annie vom Central Youth Theatre aus England kommentiert diese Aussage nur lachend mit: „Heidi ist wie ein Schwan. An der Oberfläche sieht man nur, wie sie ruhig dahingleitet, aber man weiß, dass sie sich unter Wasser, versteckt, ganz schön abstrampelt.“

Mehr Theater, bitte
Und das Strampeln zahlt sich aus. Als sich an diesem Nachmittag der Vorhang zu „Who’s the man“ der englischen Theaterakademie „Theatre Train“ hebt, merkt man als Laie erst, was Jugendtheater eigentlich leisten kann. Obwohl das Stück gekürzt ist, macht die Inszenierung das mehr als wett. Immer wieder wird von einem Erzähler zusammengefasst, was in den übersprungenen Szenen passiert ist, indem sich alle Schauspieler auf der Bühne zusammenkauern und diejenigen hochschnellen, die der Erzähler gerade nennt. So lässt sich der Verwechslungskomödie mit ihren zahlreichen Irrungen und Wirrungen mühelos folgen. Die Dialoge wirken nicht gelernt, sondern gelebt, die Gesichter passen zu ihren Rollen. Und als der Hauptdarsteller am Ende auch noch singen kann, ist ihm der stürmische Applaus des Publikums sicher.

Ein Schauspieler des englischen „Theatre Train“ in Aktion

Bild: sapperlot 2018, Wolfgang Tessadri

Am Ende weist Heidi noch auf einen der Nebendarsteller: „Ist dir aufgefallen, dass er den anderen Schauspielern, nie in die Augen geschaut hat? Das fällt ihm schwer, weil er Autist ist.“ Es ist mir nicht aufgefallen, für mich war er 50 Minuten lang ein pöbelnder Edelmann aus dem 17. Jahrhundert, sein Autismus spielte keine Rolle. „Das macht für mich die Kraft des Theaters aus,“ ergänzt sie noch, „jeder kann seine Grenzen austesten, kann scheinbar in Stein gemeißelte Körper- und Geisteshaltungen aufbrechen und neue Rollen ausprobieren.“

Holly (l.) und Annie vom Central Youth Theatre

Bild: sapperlot 2018, Wolfgang Tessadri

Das jugendliche Publikum strömt in der Zwischenzeit dem Ausgang entgegen. Englische, slowakische, italienische, russische und deutsche Wortfetzen schwirren durch die Luft. „Wir wollen den Jugendlichen auch die Möglichkeit geben, andere Kulturen kennenzulernen und Vorbehalte abzubauen“, sagt Heidi nachdem uns der Strom nach draußen getragen hat. Und auch das ist gelungen. Hier scheint Babylon überwunden. Jeder spielt und redet in seiner eigenen Sprache und trotzdem versteht man sich. „Man fühlt sich hier wie in einer großen Familie mit viel Theater,“, schaltet sich Holly aus England in unser Gespräch ein und lacht. „Das sapperlot ist mein absoluter Festivalliebling – tolle Leute, tolle Landschaft, gutes Essen.“

„Ich bin so froh, dass i ein Südtiroler bin“, singt „dor Doggi“. Und recht hat er, sapperlot.

 

Wolfgang Tessadri

erforscht in der Ferne den Dialekt seiner Heimat. Mag Wortspielereien in Laut und leise und am liebsten schriftlich. Schreibt selbst gerne, schaut aber meist eher anderen beim Schreiben auf die Feder.
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