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Die Körperkünstler

Clockwork Tattoos ist das erste Privatstudio in Südtirol. BARFUSS hat die vier Tätowierer in Meran besucht und sich in die Szene einführen lassen.

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Die vier sympathischen Jungs von Clockwork Tattoos, v.l.: Fabian, Manuel, Omar und Daniel.

Bild: Julia Tapfer
„Einfach rauf in den dritten Stock“, sagt die Stimme durch die Gegensprechanlage. Also betrete ich das unscheinbare Wohnhaus in Meran und gehe Stockwerk für Stockwerk nach oben. Natürlich habe ich mich, total in Gedanken versunken, gleich verzählt – war das nun schon der dritte Stock? Nach kurzer Desorientierung in den düsteren Gängen komme ich dann doch ans Ziel: Die vier Jungs von Clockwork Tattoos empfangen mich in ihrem neuen Studio, dem ersten Privatstudio Südtirols. 
 
Hier gibt's kein Arschgeweih
 
Was ein privates Tattoostudio von einem so genannten Street Laden unterscheidet, habe ich eben selbst erlebt. Kein Schild weist auf das Studio hin, Laufkundschaft gibt es also keine. Wer sich von Fabian Langes, Manuel Winkler, Omar Boggian oder Daniel Hofer tätowieren lassen will, braucht einen Termin. Dann wird in Ruhe das Motiv besprochen und gezeichnet. Mit diesem Studio haben sich die vier Südtiroler einen Traum erfüllt. Fabian hatte seit 2004 ein Tattoostudio in Naturns, in dem alle seine drei Kumpanen gelernt haben. „Jeder von uns hat sich langsam seinen eigenen Stil angeeignet. Jetzt können wir endlich nur noch den tätowieren“, erklärt Fabian den Grund, warum die vier nun alle selbstständig sind und im Frühling dieses Jahres gemeinsam das neue Privatstudio in Meran eröffnet haben. Wer ein Mode-Tattoo will, ist bei den Jungs fehl am Platz. „Bei uns gibt’s keine chinesischen Schriftzeichen, Tribals oder Schnörkelchen. Die Leute sollen sich anschauen, was wir machen, bevor sie anfragen. Sonst hat das keinen Sinn“, beantwortet Fabian meine provokante Frage, ob er mir denn ein Arschgeweih stechen würde. 
 
Gespannt lasse ich mir als Tattoo-Neuling von den jungen Männern ihren Stil erklären, den sie mir mit Beispielen auf der eigenen Haut anschaulich machen. Fabian und Daniel siedeln sich eher im Neotraditional an, Omar hat sich auf Comics spezialisiert und gibt zu, dass man dafür schon ein bisschen verrückt sein muss. Das Spezialgebiet von Manuel sind hingegen Black- und Dotwork – für mich vereinfacht als „Punktele-Technik“ bezeichnet. Er lässt sich auch von den Tattoos der Maori inspirieren.
 
Tattoo Conventions – eine Würdigung ihrer Arbeiten
 
Die vier Künstler haben sich im Laufe der Zeit auch international einen Namen gemacht. Als wichtigste Werbung überhaupt empfinden sie die Mundwerbung ihrer Kunden. Facebook oder Instagram werde auch immer wichtiger, da so ihre Werke von vielen Menschen gesehen würden – wem es gefällt, der komme dann zu ihnen. So ist eine Kundin von Manuel, der seit sechs Jahren professionell tätowiert, eigens aus Amerika angereist, um sich von ihm verschönern zu lassen. Zum Kontakte knüpfen eignen sich auch Tattoo Conventions. „Sicher bedeutet es auch etwas, wenn man zu großen Conventions eingeladen wird. Eine solche Einladung ist ja auch immer eine Bestätigung, dass die Arbeiten gefallen“, meint Fabian, dessen erstes selbst gestochenes Tattoo ein Totenkopf mit 19 Jahren war.
 
„Plunder aus dem Internetshop"
 
Kritisch betrachten die Kollegen, die sich im Laufe des Gesprächs als richtige Freunde entpuppen, den derzeitigen Weg zu einem eigenen legalen Tattoostudio. Nur 30 Stunden Hygienekurs seien dafür nötig, keinerlei Praxiserfahrung werde verlangt. „Dann kauft man sich für 150 Euro einen Plunder aus dem Internetshop und schon kann man anfangen auf anderen herumzukratzen“, sagt Daniel, mit 24 Jahren der jüngste im Bunde. Schon in der Oberschulzeit war sein Ziel beim Schuleschwänzen meistens das Clockwork Tattoostudio. Auch er habe mit einem Set von „so einem Scheißshop" angefangen, erinnert er sich. Die ersten Opfer seien dann immer Kollegen – und natürlich man selbst. Dann hätte Fabian ihn zu sich ins Studio geholt und zum professionellen Tätowieren gebracht. 
 
Briefmarkensammlung war gestern
 
Während mir die vier Anekdoten aus dem Tätowieralltag erzählen, etwa dass Omars älteste Kundin 75 Jahre alt war, ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich von einem interessanten Tattoo abgelenkt werde und es einfach nur betrachte. Eine fiktive Briefmarkensammlung müssen sich die vier attraktiven Männer sicherlich nicht zulegen, ein einfaches „Komm, ich zeig dir meine Tattoos“ reicht da sicher aus, geht es mir durch den Kopf.
 
Als ich nach dem Interview die Treppen hinunter zum Ausgang gehe, schaue ich so an mir herunter und finde meine Haut schon etwas langweilig. „Bei dir wäre es auch Zeit, langsam anzufangen“, haben die Jungs scherzend gemeint. Meinen ersten Besuch in einem Tattoostudio habe ich ohne Tinte unter der Haut überstanden. Wer weiß, wie es nach dem zweiten Besuch ausschaut.

Julia Tapfer

mag Geschichte und Geschichten. Liebt gutes Essen und hasst es, für schlechten Kaffee auch noch Trinkgeld geben zu müssen.
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Und wer sticht die ganze Nazi-Scheiss. Hackenkreuze, Landser & Co. In der Szene ein offenes Geheimsiss, wo man sich so etwas machen kann.

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