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Die Flucht der Akademiker

Südtirols schlaue Köpfe suchen im Ausland ihr Glück. Der Brain Drain, die Abwanderung qualifizierter Fachkräfte, macht dem Land zu schaffen.

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Bild: jesse orico/unsplash.com

Folge zwei unseres Südtirol-Alphabets, diesmal geht es um B wie Brain Drain.

Eine Karriere in Südtirol ist für Peter S. unvorstellbar. Der Molekularbiologe forscht an der kalifornischen Universität Stanford. Nach dem Doktoratsstudium in Wien zog er vor vier Jahren mit seiner Frau hierher, Tochter Rosalie macht das Familienglück komplett. Eine Rückkehr in seine Studienstadt Wien ist für ihn denkbar, nach Südtirol will er nicht zurück. Die beruflichen Perspektiven sind dort wenig attraktiv, das Land im Vergleich zum weltoffenen Kalifornien eng. Außer der Familie verbindet ihn kaum mehr etwas mit seiner Heimat.

So wie Peter S. geht es vielen Südtiroler Akademikern. Sie gehen fürs Studium ins Ausland, machen Karriere, gründen eine Familie. Südtirol laufen seine jungen, gebildeten Bewohner weg – und es werden immer mehr. Das belegt auch eine Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung der Handelskammer Bozen WIFO. Seit 2012 ist die Zahl der Südtiroler Abwanderer, also der italienischen Staatsbürger mit Geburtsort in Südtirol, von rund 1.100 Personen jährlich kontinuierlich auf rund 1.500 Personen im Jahr 2017 angestiegen. Über 70 Prozent davon sind akademisch gebildet, überdurchschnittlich häufig in den MINT-Studiengängen, also den Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. MINT-Absolventen wie Peter S. sind am Arbeitsmarkt besonders begehrt.

Zu teuer, zu verschlossen
Anstatt in die Heimat zurückzukehren, lassen sich Südtirols Akademiker im Ausland nieder, häufig am ehemaligen Studienort. Zwar sind in den letzten Jahren mehr Personen zu- als abgewandert, allerdings besitzen unter den Zuwanderern deutlich weniger einen Hochschulabschluss. Damit gehen Südtirol insgesamt gesehen hochqualifizierte Arbeitskräfte verloren. Die genannten Gründe für die Abwanderung ähneln denen von Peter S.: Die Lebenshaltungskosten seien zu hoch, Wohnraum sei teuer, die Gesellschaft verschlossen. Vor allem aber bemängeln Abwanderer, dass es in Südtirol an fair bezahlten Arbeitsplätzen fehle.

Für den sh-Vorsitzenden Matthias von Wenzl sind es alltägliche Dinge, die Akademiker fern der Heimat zu schätzen lernen. 

Bild: Südtiroler Hochschülerschaft
Doch es sind auch die alltäglichen Dinge, die Akademiker fern der Heimat zu schätzen lernen – etwa das Gesundheitssystem. Matthias von Wenzl, sh-Vorsitzender und Politikwissenschaftsstudent an der Universität Innsbruck, sagt: „Wenn ich in Südtirol ein Jahr auf eine Facharztvisite warten muss und in Österreich am selben Tag zum HNO-Arzt gehen kann, weil alles die Krankenkasse zahlt, kann das durchaus ein Grund sein, nach dem Studium nicht zurückzukehren.“ Auch die Zweisprachigkeitsprüfung sieht er mitunter als Hürde. „Viele Südtiroler aus ländlichen Gegenden kommen außer in der Schule und vielleicht beim Sommerjob im Gastgewerbe mit dem Italienischen nicht in Berührung. Wie soll ich es dann lernen?“ Warum eine Prüfung absolvieren, um eine Stelle im öffentlichen Dienst zu ergattern, wenn ich im Ausland leichter an eine Stelle komme und besser bezahlt werde? So denkt wohl der ein oder andere Südtiroler, der der Heimat den Rücken kehrt.

 

Um den Nachwuchs werben
Gründe für den sogenannten Brain Drain, die Abwanderung akademischer Fachkräfte, gibt es viele. Was also tun? Handelskammerpräsident Michl Ebner sieht auch die heimischen Unternehmen in der Pflicht. Er fordert sie auf, sich bereits während der Studienzeit um Südtirols Studierende zu bemühen – etwa mit attraktiven Praktikumsangeboten. Denn wenn der Nachwuchs einen Betrieb bereits kennt, ist er eher geneigt, auch dort zu bleiben. Den Nachwuchs früh für sich gewinnen, das wollen auch sh und WIFO. Sie planen eine Art Job-Speeddating in den Außenstellen. Damit sollen Südtirols Studierende im Ausland die hiesigen Vorzeigeunternehmen kennenlernen. Flexible Arbeitszeiten zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie sind nur einige der Vorteile, die Südtirols Arbeitgeber bieten müssen, um mit Unternehmen im Ausland mithalten zu können.

„Das kulturelle Angebot in Südtirol ist karg, ich bekomme hier immer das Gleiche geboten. Das nervt viele.“ (Thomas Kobler)

Nicht nur die Unternehmen müssen wettbewerbsfähig bleiben, auch die Politik ist gefragt, um den Exodus der schlauen Köpfe zu stoppen. An Ideen mangelt es nicht. Das WIFO denkt zum Beispiel an eine internationale Schule für Kinder, um für Akademiker im Ausland attraktiver zu sein. Von Wenzl sieht Aufholbedarf in Sachen Mobilität: „Als Pusterer denke ich da etwa an die Riggertalschleife, die man seit zwanzig Jahren fordert. Ob ich zwei oder eineinhalb Stunden vom Pustertal mit dem Zug nach Bozen fahre, macht sehr viel aus.“ Und für Thomas Kobler, Mitarbeiter im Ost-West-Club in Meran und Politologe, ist der Brain-Drain eng mit der lokalen Kulturpolitik verbunden: „Das kulturelle Angebot in Südtirol ist karg, ich bekomme hier immer das Gleiche geboten. Das nervt viele.“ Auch wenn man mit Großstädten wie Wien nicht gleichziehen könne, so könnte man sich von Kleinstädten wie Innsbruck doch einiges abschauen.

Steuererleichterungen für Hochqualifizierte
Es gibt italienweit aber auch Maßnahmen, die bereits umgesetzt wurden. Das Dekret „Rientro dei cervelli“ etwa räumt Hochqualifizierten seit 2010 Steuererleichterungen ein. Wer in den letzten fünf Jahren nicht in Italien ansässig war und seinen Wohnsitz nach Italien verlegt, erfüllt die Voraussetzungen dafür. Als Folge wird nur ein Teil des Einkommens besteuert. Im Falle von Forschern wie Peter S. bleiben sogar 90 Prozent des Einkommens für mehrere Jahre steuerfrei. Ein durchaus attraktives Zuckerl also, das spezialisierten Arbeitskräften die Rückkehr schmackhaft machen soll. Das findet auch Matthias von Wenzl. Ob das nachhaltig ist, ist er sich allerdings nicht sicher. Schließlich sei die Einkommenssteuer in Österreich ohnehin niedriger als in Italien.

Spitzt sich die Abwanderung der klugen Köpfe zu, könnte das Arbeitsmarkt und Wirtschaft spürbar beeinträchtigen. Südtirol tut also gut daran, um seine Abwanderer zu kämpfen. Doch trotz aller Bemühungen um die eigenen schlauen Köpfe – jene um Peter S. sind vergebens. Er und seine Familie fühlen sich im Ausland wohl, aus beruflicher Sicht wäre eine Rückkehr nach Südtirol für den Forscher auch ein Rückschritt.

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Michael Keitsch

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