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Unterwegs mit der Wasserrettung

Die Etschwächter

Sie ziehen Ertrinkende aus Eisack und Etsch, tauchen stundenlang nach Menschen, für die jede Hilfe zu spät kommt – ein Besuch bei der Bozner Wasserrettung.

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Bild: Wasserrettung Bozen

„Schwimm nach oben, gegen die Strömung!“ Ja genau, noch was. Ich, mittelmäßiger Schwimmer und gegen kaltes Wasser allergisch, soll die Etsch durchschwimmen, und das auch noch flussaufwärts. Wie soll das denn gehen? Aber Helmuth Schrott, seines Zeichens Wasserretter und Wasserratte, weiß schon, was er sagt. Indem man gegen die Fließrichtung schräg zum Ufer schwimmt, drückt das flussabwärts strömende Wasser den Schwimmer nach außen und erleichtert die Aufgabe. Dann muss man „nur“ noch eine ruhige Stelle finden und sich an Land wälzen. Und schon ist diese Herausforderung erfolgreich bewältigt. Denn die Flussquerung soll weder Spaß machen (tut sie aber trotzdem), noch ist sie ein Notfall. Es ist eine Übung der Wasserrettung Bozen.

Die Männer und Frauen der Wasserrettung treffen sich jeden Mittwoch und fahren an Etsch oder Eisack, einen Bergbach oder einen See, um für Rettungseinsätze zu trainieren. Sie sind Teil des Südtiroler Zivilschutzes und werden immer dann gerufen, wenn eine Person im oder auf dem Wasser in Not gerät. Mal ist es ein Boot, das nicht anlegen kann, vielleicht aber auch einer, der zu ertrinken droht. Sobald der Funk die Meldung „Person im Wasser“ durchgibt, schalten die Wasserretter das Blaulicht ein und machen sich auf den Weg.

In den Fluss steigen die Wasserretter nur im äußersten Notfall selbst, meist kann man vom Ufer aus helfen oder mit dem Boot. Denn während die Etsch relativ einfach zu meistern ist – nicht umsonst werde ich hier ins kalte Wasser geschmissen und nicht anderswo – ist Schwimmen im Wildwasser sehr gefährlich. Erst die Eigensicherung, dann die Opferbergung. Das wiederholen sie auch bei ihren Vorträgen in den Schulen immer wieder: „Nicht reinspringen und den Helden spielen!“ Lieber die Rettung alarmieren.

„Man geht ins Wasser, um den Menschen zu finden, aber man fürchtet sich auch davor.“

Alarm gibt es heute häufiger als früher. Die Leute sind sensibler, passen besser auf, und dank Mobiltelefon kann der Alarm auch schnell genug eingehen, um Rettung zu ermöglichen. Im Schnitt wird die Wasserrettung Bozen einmal pro Monat alarmiert, manchmal auch mehrmals pro Woche.  Achtsam sein ist wichtig, sagen die Wasserretter, aber man solle auch nicht vorschnell alarmieren: „Wenn er nicht um Hilfe schreit, lass ihn!“ Sie selbst informieren vor jeder Übung die Landesnotrufzentrale, denn es kam schon vor, dass einer die Männer und Frauen während einer Übung sah und die Rettung verständigte.

Wasserretter Helmuth Schrott

Bild: Wasserrettung Bozen
Wenn die Wasserretter zu einem Sucheinsatz im See gerufen werden, ist es für eine Rettung meist schon zu spät. „Das Wasser verzeiht nicht“, sagt Schrott. Dann steht die Suche nach dem Ertrunkenen an. Keine schöne Vorstellung, einen trüben See nach einer Leiche abzutasten, denn in unseren Gewässern ist vor allem im Sommer die Sicht gleich Null. „Man geht ins Wasser, um den Menschen zu finden, aber man fürchtet sich auch davor“, sagt Schrott, der das schon mehrmals erlebt hat. Trotzdem habe die Suche auch etwas Meditatives, allein, keine Geräusche, keine Sicht, Zeit nachzudenken.

Trotzdem, mit dem Sporttauchen im Meer und „Fischelen schau'n” hat die Arbeit wenig zu tun: Was beim Sporttauchen bewusst getan wird, zum Beispiel das Tarieren, muss jetzt automatisch gehen. Das geht nur mit viel Übung. Und bei all dem Spaß und Adrenalin, der Hintergrund ist ernst: „Wir wissen, dass es für die Angehörigen wichtig ist, Gewissheit zu haben“, sagt Vereinspräsident Fabrizio Pascotto. Denn manche Vermisste findet man nie, vor allem jene in den Fließgewässern. Auch der berühmt-berüchtigte „Rechen“ bei Mori hält nicht alles auf, wenn der Wasserstand hoch ist.

„Man muss ein bisschen verrückt sein und das Adrenalin mögen. Es ist immer ein Risiko dabei, und es ist körperlich anstrengend.“ 

Helmuth Schrott ist Einsatztaucher, Fließ- und Wildwasserretter, Bootsführer, gemeinsam mit anderen für die interne Ausbildung zuständig, staatlich geprüfter Bademeister, Schriftführer, Vizepräsident des Landesverbands und Mädchen für alles. Heute leitet er die Übung. Er gibt detailliert Anweisungen, bevor es in Vilpian erstmals richtig ins Wasser geht – und selbiges ist kalt. 14 Grad Celsius meldet das Hydrographische Amt. Im Winter sind es auch nur sechs oder sieben. Ich stehe mit Schwimmweste, Helm und speziellen Schuhen bis zu den Knien im Wasser, und die gut 80 Kubikmeter Etschwasser, die pro Sekunde vorbeifließen, zerren ordentlich an den Beinen. Auf Kommando von Helmuth wate ich in Richtung Flussmitte, aber schon lange, bevor ich die Mitte erreiche, reißt mich die Strömung mit. Der Neoprenanzug schützt, aber als das Wasser hinten in den Kragen rinnt, läuft es einem buchstäblich kalt über den Rücken. Wie besprochen lege ich mich auf den Rücken, lasse mich treiben und warte, bis mir die Retter zwanzig Meter flussabwärts ein Rettungsseil zuwerfen. Auch diese Übung (die natürlich nicht nur einmal gemacht wird) ist abgehakt.

Das Schwimmen ist aber nur ein Teil des Programms. Zu Beginn des Abends lässt Pascotto in Sigmundskron den Jetski zu Wasser und braust mit mir flussaufwärts bis Vilpian. Auch das ist nicht nur Spaß, die Wasserretter müssen ihren Fluss kennen, die Untiefen, die Strömungen, die Kehrwasser. Trotzdem, es gibt Schlimmeres, als mit bis zu 85 km/h über die Oberfläche zu gleiten. Zwischendrin dirigiert mich Pascotto, möglichst ohne das Wassermotorrad umzukippen, auf den vorderen Sitz, damit ich auch mal steuern kann. Und das ebenfalls mit Vollgas, denn nur wenn das Fahrzeug über das Wasser gleitet, lässt sich das Ding kontrollieren, das auch bei Niedrigwasser eingesetzt werden kann und sich mit Schubumkehr sogar bremsen lässt. 

Mit dem Jetski durch die Etsch

Bild: Wasserrettung Bozen

Die Wasserrettung gibt es vier Mal in Südtirol. Sie ist als privater Verein organisiert, als „ehrenamtlicher Rettungsverein“. Die Wasserrettung Bozen zählt 13 Mitglieder. In ganz Südtirol sind es rund 60 Aktive.  Voraussetzungen, um bei der Wasserrettung mitzumachen, gibt es wenige. Man muss gut schwimmen können, klar, aber der Rest wird intern gelehrt. Tauchschein und Bootsführerschein schaden natürlich nicht. „Wasserretter haben alle einen kleinen Dachschaden“, sagt Schrott. „Man muss ein bisschen verrückt sein und das Adrenalin mögen. Es ist immer ein Risiko dabei, und es ist körperlich anstrengend.“ Stundenlange Tauchgänge in kaltem Wasser ohne Sicht sind wenig unterhaltsam. Eistauchen, um die Bergung von im Eis eingebrochenen Eisläufern zu üben, ist auch nur bedingt entspannend. Trotzdem kann man hier seine Leidenschaft in den Dienst der Sache stellen. Wie Davide Gilli, der zehn Jahre in Kanada lebte, in seiner Freizeit Wracktauchen ging und sich seit einigen Monaten zum Wasserretter ausbilden lässt. 

„Die Wasserrettung hat leider weder die Bekanntheit wie Feuerwehr, Weißes Kreuz und Bergrettung, noch genügend Priorität bei der öffentlichen Verwaltung.“

Die größten Sorgen machen Finanzierung und Bürokratie. Die Wasserrettung bekommt einen Beitrag vom Land, der aber nicht alle Spesen deckt. Den Rest erwirtschaften die Wasserretter mit Sicherungsdiensten bei Veranstaltungen, Spenden, Festen, zur Not gleichen sie das Defizit aus eigener Tasche aus. „Die Wasserrettung hat leider weder die Bekanntheit wie Feuerwehr, Weißes Kreuz und Bergrettung“, bedauert Schrott, „noch genügend Priorität bei der öffentlichen Verwaltung.“

Die letzte Übung des Tages ist mehr eine Demonstration. Über der tiefsten Stelle der Etsch – der Wasserstand beträgt heute 2,40 Meter – lässt Helmuth ein Seil von der Brücke herabhängen, an das wir nacheinander gehängt werden, um die Kraft der Strömung zu spüren. Denn solange man schwimmt, kommt sie einem gar nicht so stark vor. Wenn aber die Wassermassen so richtig an einem zerren, merkt man, dass es wenig Sinn machen würde, sich irgendwo festzuhalten. Zum Glück weiß ich jetzt, wie man  am besten aus dem Fluss herauskommt.

Die Zentrale der Wasserrettung Bozen

Bild: Wasserrettung Bozen

Inzwischen ist es Nacht geworden, und es geht zurück in die Zentrale. Dort stehen Jeep, Schlauchboot, Wassermotorrad und Mannschaftswagen, dazu die Ausrüstung für Fließwasser und See, ordentlich aufgereiht und griffbereit. Im Hintergrund brummt der Kompressor, der je nach Einsatztiefe und -dauer spezielle Luftmischungen in die Druckluftflaschen presst.

Nachdem alles verräumt ist, geht es ein Stockwerk höher, zum Deko-Bier, dem Dekompressionsbier. Da wird der Einsatz besprochen und alte Geschichten erzählt, wie die vom Feuerwehrmann, der bei einer Übung ins Wasser fiel und den die Wasserretter wieder herausziehen mussten, denn in voller Montur kann man schlecht schwimmen. Und so klingt der Abend langsam aus, und nur der modrige Geruch des Etschwassers hängt noch in der Luft.

Tipp: Die Wasserrettung Bozen lädt zum Tag der offenen Tür am 28. September ab 10 Uhr am Stützpunkt in der Handwerkerzone Frangart, Pillhof 33.

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Matthias Mayr

überzeugter Heimkehrer, solange man ihm seinen Reisepass nicht abnimmt. Salurner, Maschggramensch, mag es barfuß, warm und sonnig.
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