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Veröffentlicht
am 28.09.2023
LebenBetroffene sprechen: Die Realität von Schwangerschaftsabbrüchen

Die emotionale Achterbahnsfahrt einer Abtreibungsentscheidung

Veröffentlicht
am 28.09.2023
Zwischen Scham und Selbstfindung begann eine Reise, die eine junge Frau vor unüberwindbare Entscheidungen stellte und sie schließlich zu einem mutigen Wandel in ihrem Leben führte. Hier ist ihre berührende Geschichte.
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Spanien, Sommer 2006, 1. Juli. Es war ein viel zu früher Samstagmorgen, als sich das zweite Strichlein vom Schwangerschaftstest, den ich am Abend zuvor gekauft hatte, rot färbte. Ich verließ das Bad, wort- und schuhlos die Wohnung und hinterließ verdutzte Blicke meiner Mitbewohner und eine pfeifende Mokkamaschine.  Ich spürte und dachte erstmal gar nichts, ich wollte weg! Im Nachhinein verstehe ich, dass ich einfach nur so viel Entfernung wie nur möglich zwischen mir und diesem Strichlein bringen wollte, ganz nach dem Motto: aus den Augen aus dem Sinn.  Ich wollte „es“ verleugnen, negieren, verdrängen. Ich wollte es nicht wahrhaben. Ich war zu dieser Zeit gerade dabei mich in einem neuen Land zurechtzufinden, mich neu zu finden, nachdem ich mich verloren hatte. Ich war auf einem guten Weg und ich fühlte mich frei. Und ich war verliebt, sehr. Ich hatte wieder Lust auf Leben. Fast alles machte endlich wieder Sinn.

Ich kam also, ohne es mir vorgenommen zu haben, bis zum Strand und genoss die spitzen Steine unter meinen Füssen, den körperlichen Schmerz, der mich davon abhielt, den Schrei aus meinem Inneren zu hören. Ich ging auf und ab, genoss die morgendliche Ruhe und nahm einfach nur wahr, was um mich herum passierte. Und da war es, ich spürte es ganz deutlich: Ich bin noch nicht so weit! Und dieses Gefühl verwandelte sich in einen Gedanken und dieser Gedanke in eine Entscheidung und mit der Entscheidung kam eine Träne, die erste von vielen, die ich in den nächsten Monaten noch weinen sollte.

Gleich am Montag vereinbarte ich einen Termin für eine gynäkologische Visite. Dort wurde bestätigt, was ich schon wusste: „Sie sind schwanger, sechste Woche“. Und ich wusste auch, ich werde dieses Kind nicht zur Welt bringen. Dennoch gab ich mir noch eine Woche Bedenkzeit, nahm mir einige Tage frei von der Arbeit, verbrachte Zeit mit meinem Partner, der meine Entscheidung unterstützte, und tauschte mich mit einigen wenigen guten Freunden aus. Ich suchte keinen Rat, ich suchte verständnis- und liebevollen Kontakt, der es mir ermöglichte, mir selbst zu begegnen. Und je näher ich mir kam, desto klarer spürte ich es: Ich bin noch nicht so weit. Ich habe in dieser Woche sehr viel geweint, aber nie aus Zweifel. Der Abschiedsprozess hatte bereits begonnen. Ich trauerte um mein Kind, das bald nicht mehr da sein würde, weil ich es so entschieden hatte.

10 Juli, der Tag der Abtreibung. Eine Freundin brachte mich mit dem Auto zur Klinik und ich ertappte mich beim Gedanken, hoffentlich niemanden nach dem Weg fragen zu müssen, ich schämte mich und ich fühlte mich schuldig. Schuldig gegenüber diesen Frauen, die sich nichts sehnlicher wünschen als ein Kind zu gebären aber es aus irgendeinem Grund nicht können. Und gleichzeitig beneidete ich sie um ihren Mut, sich dieser großen Aufgabe stellen zu wollen und um ihre Überzeugung, dieser Aufgabe auch gewachsen zu sein. Nein, ich war noch nicht so weit, ich konnte diesem Kind keine Sicherheit anbieten, zu groß war meine Angst, dass mein psychisches Gleichgewicht wieder ins Wanken gerät.

In der Klinik angekommen, erledigte ich beim Anmeldungsschalter die Formalien und setzte mich in den sterilen Beratungsraum an den Schreibtisch gegenüber einer umso sterileren Psychologin, die meine anagrafischen Daten abfragte und sich nach Protokoll darüber informierte, wie es zu dieser Entscheidung gekommen sei. Ohne mich meine vielleicht etwas dahergestammelte Antwort zu Ende reden zu lassen, sagte sie, dass es wichtig sei, den Partner in der Entscheidung miteinzubeziehen, da sich Männer in solchen Situationen oft machtlos fühlen. Mit vorwurfsvollem Ton erklärte sie mir dann, dass immer mehr junge Frauen eine Abtreibung als mögliches Verhütungsmittel missbrauchen, wie es ihr ihre langjährige Erfahrung gezeigt hätte.  „Dann kann es ja nicht so schlimm sein“, war meine patzige und entschiedene Antwort und damit war das Gespräch für mich beendet. Ihr Angebot, mir das weitere Prozedere zu erklären, nahm ich nur mehr entfernt wahr. An alles weitere, was danach geschah, erinnere ich mich nur vage. Ich schaltete auf Autopiloten. Teilnahmslos saß ich auf dem Stuhl, hörte das Geräusch vom Absauggerät und spürte, wie eine Träne sich den Weg bis zu meinem Ohr bahnte. Es war geschehen. Ich war leer und so fühlte ich mich auch. Dieses Gefühl der Leere war gekommen, um zu bleiben, es ließ mich nicht mehr los und führte dazu, dass ich einige Monate später meine Zelte in Spanien wieder abbrach und mich auf dem Weg nach Hause machte. Ich hatte das Bedürfnis wieder dahin zu gehen, wo ich herkomme. Und dort saß ich, tränenüberströmt in der Küche einer langjährigen guten Freundin, die es schon immer wusste, mir ein Gefühl des Ankommens zu vermitteln. Und während sie Sahne schlug für die heiße Schokolade, die sie für mich zubereitet hatte, sagte sie: „Diese Seele wird wiederkommen, wenn du so weit bist.“  

10 Juli, 2007 ein zweites rotes Strichlein auf einem Schwangerschaftstest. Ich bin schwanger. Ich spürte eine Träne über meine Wange rinnen. „Willkommen zurück liebe Seele, ich bin bereit!“ Manchmal ertappe ich mich dabei, meinen Sohn anzuschauen und zu denken: Gut, dass ich gewartet habe.

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