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Südtiroler Kultur-Highlight

Der Schaukler von Prokulus

Er ist das vielleicht berühmteste Stück Südtiroler Kirchenmalerei: der Schaukler im Naturnser Prokulus-Kirchlein. Doch das über 1.300 Jahre alte Gotteshaus hat noch viel mehr zu bieten, das Museum ebenso.

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Bild: Tanja Flarer

Es könnte der hl. Prokulus sein, Bischof von Verona. So genau weiß man es nicht – wie so vieles unklar ist bei diesem alten Kirchlein im Untervinschgau. Der Bischof hatte irgendwann im 4. Jahrhundert aus der Stadt flüchten müssen, der „Schaukler“ an der Südwand hängt also nicht zum Spaß da rum, sondern wird vielleicht gerade von den Stadtmauern abgeseilt. Auch einige der anderen Malereien würde man nicht unbedingt in einer Kirche vermuten. Auf der Rückwand sehen wir eine Rinderherde mit Hütehund und doppelt behornter Leitkuh. Und die neugierig dreinblickenden Kumpanen auf der Nordwand? Sind es die Apostel oder nur neugierige Zuschauer?

Diese Wandmalereien sollen die ältesten im deutschen Sprachraum sein und aus dem 7./8. Jahrhundert stammen (zugegeben, manche datieren sie auch auf ein paar Jahrhunderte später), aber die Maler haben nicht unterzeichnet, und so werfen die Figuren mehr Fragen auf, als sie beantworten.

Da, wo heute die Kirche steht, lebten schon vor fast zwei Jahrtausenden Menschen. An dieser Stelle stand in der Spätantike ein Haus, das irgendwann abbrannte. Danach wurde der Platz lange als Bestattungsort genutzt, bis im frühen Mittelalter, wohl in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts, auf den Fundamenten des abgebrannten Wohnhauses eine Kirche errichtet und bunt bemalt wurde.

Im 14. Jahrhundert mischten die Maler erneut Farbe an, ober und über den frühmittelalterlichen Bildern entstanden gotische Fresken. Darunter das letzte Abendmahl mit einem verdächtig weiblich aussehenden Apostel – Maria Magdalena etwa, Jesus' angebliche Frau? – und dem zweigesichtigen Thomas. Damit der Putz für die Fresken haftete, hatte man den Untergrund mit einem Pickel aufgeraut und einige der ursprünglichen Malereien arg beschädigt.

Der Schaukler von Prokulus

Bild: Naturns Prokulus; Angelika Schwarz, IDM Südtirol

Die übermalten und ramponierten frühmittelalterlichen Malereien gerieten in Vergessenheit. Erst Anfang des 20. Jahrhundert entdeckte man sie und legte sie frei. Die entfernten gotischen Malereien, darunter eine seltene Darstellung des Marientodes, kann man heute im nebenan liegenden Museum sehen. Und das beherbergt neben den abgenommenen Malereien und viel Wissenswertem über das Leben in jenen Zeiten auch die exhumierten Pestopfer aus dem 17. Jahrhundert. Denn Prokulus hat nicht nur Malerei zu bieten, interessant ist auch, was unter der Erde liegt. Da sind die Gebeine der Frau aus dem abgebrannten Wohnhaus, die wohl einfach liegengelassen wurden. Später wurden hier Germanen neben Römern bestattet. Die einen traditionell mit Grabbeigaben für das Leben nach dem Tod, die anderen, schon christianisiert, schlicht. Mit der Zeit vermischten sich die Riten. Ein sicheres Zeichen, dass die beiden Völker meist friedlich neben- und miteinander lebten.

Ab 1365 nutzten die Herren von Annenberg, die das nahe Schloss Dornsberg gekauft hatten, die Kirche als Eigenkirche und Grablege, die Grabplatte aus Marmor ist noch heute in der Kirche zu sehen. Schließlich die Massengräber aus der „Pest“-Zeit. Der Kirchhof bei Prokulus, etwas außerhalb von Naturns, diente 1636 als Friedhof. Das Fleckfieber grassierte (aus Unkenntnis hieß damals jede Seuche einfach Pest) und forderte einmal elf Tote an einem einzigen Tag, die aber trotzdem pietätvoll bestattet wurden.

Ein Blick ins Museum

Bild: Naturns Prokulus; Angelika Scharz, IDM Südtirol

Kirche und Museum sind mit einem einzigen Ticket zugänglich und ergänzen sich: Nach dem Blick auf Malereien aus frühchristlicher Zeit lässt sich im Museum, das unterhalb des neuen Naturnser Friedhofs liegt, das Gesehene vertiefen. Man erfährt viel über die bewegten Zeiten, als Südtirol am Schnittpunkt der Reiche der Franken, Bajuwaren und Langobarden lag, man lernt, wie man Fresken abreißt und was es mit dem kleinen Kind auf sich hat, das Marias Seele darstellt.

 

Öffnungszeiten für Kirche und Museum:

25. Juni – 31. August 2020
Donnerstag: 10.00 – 12.30 / 14.30 – 17.30
Sonntag: 10.00 – 12.30 / 14.30 – 17.30
 

01. September – 29. Oktober 2020
Dienstag: 10.00 – 12.30 / 14.30 – 17.30
Donnerstag: 10.00 – 12.30 / 14.30 – 17.30
Sonntag: 10.00 – 12.30 / 14.30 – 17.30

Preis für Erw. 6,00 € für Kirche und Museum, freier Eintritt mit der museumobil Card und der Museumcard sowie für Jugendliche mit abo+.

Weitere Informationen gibt es hier.

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