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Omas gegen rechts

Der Protest der alten Damen

Um gegen den Rechtsruck in der Gesellschaft zu kämpfen, haben sich nun auch in Südtirol die „Omas gegen rechts“ zusammengeschlossen. Eine von ihnen ist Gertrud Gius.

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Bild: Angelika Aichner

Dem Archetyp einer politischen Aktivistin entspricht Gertrud Gius vielleicht nicht. Graumeliertes Haar, wild nach hinten gekämmt. Kornblumenblaue Augen. 66 Jahre alt. Dennoch, sie will sich dem zunehmenden Rechtsruck entgegensetzen und mit einigen Gefährtinnen, darunter Elisabeth Mair, ehemalige Journalistin der italienischen Nachrichtenagentur ANSA, die Bewegung „Omas gegen rechts“ auch hierzulande etablieren.

Gegründet wurde diese vor knapp zwei Jahren von der pensionierten Psychotherapeutin Monika Salzer und der Journalistin Susanne Scholl in Wien aus Protest gegen die schwarz-blaue Bundesregierung. In ihrem Manifest heißt es: „Unsere geistige Jugend verbindet sich mit jener Erfahrung, derer es bedarf, um zu sehen, wenn sich eine Gesellschaft in eine falsche Richtung entwickelt.“ Nicht nur österreichweit – auch in Südtirol wurde Rechtspopulismus salon- und regierungsfähig, als die christlich-konservative Südtiroler Volkspartei (SVP) nach den Landtagswahlen im vergangenen Herbst eine Koalition mit Matteo Salvinis Lega einging.

„Die politisch Rechte geht von einer Ungleichheit der Menschen aus. Sie benennt einen gemeinsamen Feind, der nicht mit der eigenen Identität konform ist. Dabei ist es doch unmöglich, dass eine Gesellschaft eine homogene Gruppe bildet.“

„Die politisch Rechte“, so Gertrud Gius, „geht von einer Ungleichheit der Menschen aus. Sie benennt einen gemeinsamen Feind, der nicht mit der eigenen Identität konform ist, sei es des Geschlechts wegen, der Herkunft, der Religionszugehörigkeit. Dabei ist es doch unmöglich, dass eine Gesellschaft eine homogene Gruppe bildet.“ Identität, sagt sie, sei ein Prozess, der ständig im Wandel begriffen sei und durch Einflüsse von außen nicht gemindert, sondern sogar bereichert werden könne.

Beinahe ihr ganzes Leben lang schon ringt Gius um eine gerechtere Welt. Geboren 1953 in Bozen, aufgewachsen in der Kaiserau, begann sie während ihres Kunstgeschichtestudiums in Salzburg in den 1980er Jahren, sich politisch zu engagieren. Sie initiierte feministische und interkulturelle Projekte, war Präsidentin des Vereins „Donne Nissà Frauen“, der Migrantinnen die Aufnahme in die Gesellschaft und den Zugang zur Arbeitswelt erleichtern will, schließlich kandidierte sie vor drei Jahren bei den Gemeinderatswahlen in Bozen für die Grünen.

Die „Omas gegen rechts“ sind aber dezidiert parteiunabhängig. Was sie eint, ist der unbedingte Wille, den Rechtspopulisten Paroli zu bieten, denen, die Ängste schüren, Unwahrheiten verbreiten und auch gewaltbereit sind. Gertrud Gius, die jegliche Gewalt ablehnt, anerkennt, dass es auch linksextreme Gewalt gibt, jedoch verweist sie auf den neuen Verfassungsschutzbericht, den der deutsche Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) und Verfassungsschutzpräsident Thomas Haldenwang vor einigen Tagen vorgestellt haben. Demzufolge habe es 2018 in Deutschland – auch dort haben sich mittlerweile „Omas gegen rechts“ formiert – 24.100 Rechtsextremisten gegeben, ein Zuwachs von 100 Personen im Vergleich zum Vorjahr. Rund 12.700 Personen davon stuft der Verfassungsschutz als „gewaltorientiert“ ein. Die Zahl der Linksextremisten sei zwar stärker gestiegen, von 29.500 im Jahr 2017 auf 32.000, jedoch sei die Anzahl der „gewaltorientierten Linksextremisten“ mit 9.000 Personen unverändert geblieben. Neigen Linksextreme eher zu Konfrontationsgewalt, die sich gegen die Polizei oder rechte Gruppierungen richtet, ist die rechtsextreme Gewalt vorwiegend rassistisch oder auch antisemitisch motiviert.

„Es werden Begriffe verwendet und Meinungen formuliert, die noch vor einigen Jahren inakzeptabel gewesen und gesellschaftlich geächtet worden wären.“

Marine Le Pen, Matteo Salvini, Viktor Orbán, Geert Wilders – die Leitfiguren der rechtspopulistischen Ideologie gewinnen europaweit an Zuspruch. Und damit einher geht eine Verrohung der Sprache. So diffamierte Edwin Hintsteiner, der Leiter der Identitären Bewegung Salzburg, die politischen Aktivistinnen auf Twitter mit der Aussage: „Wenn man länger lebt, als man nützlich ist.“ Und Heinz-Christian Strache, Politiker der rechtspopulistischen FPÖ, bezeichnete die beiden Gründerinnen der „Omas gegen rechts“ als „blöde Alte“. „Es werden Begriffe verwendet und Meinungen formuliert“, so Gertud Gius, „die noch vor einigen Jahren inakzeptabel gewesen und gesellschaftlich geächtet worden wären.“ So wie das Plakat, das an der Straße, die zur Villanderer Alm führt, angebracht worden war. „Schützt eure Kinder“ stand in großen Lettern darauf geschrieben, darunter das Antlitz eines zähnefletschenden Wolfes. Unbekannte hatten das Tier mit einer Fotografie überklebt, auf dem ein dunkelhäutiger Mann abgebildet ist, der eine junge Frau von hinten bedrängt. Gius ist über diese klar fremdenfeindliche Tat empört, allein ein breites gesellschaftliches Echo blieb aus.

Die Wiener „Omas gegen rechts.”

Bild: Monika Salzer
Gertrud Gius hat selbst keine Enkelkinder und fühlt sich doch mitverantwortlich für die Generationen, die nach ihr folgen. Sie hat sich intensiv mit dem Faschismus und dem Nationalsozialismus auseinandergesetzt und erkennt Parallelen zur Gegenwart. Noch versucht sich die Gruppe um Gius und Elisabeth Mair zu finden. Sie tragen keine roten Strickmützen als Erkennungssymbol, auch keine Buttons und schwarz-weißen Transparente mit der Aufschrift „Omas gegen rechts“. Nur eines ist klar: „Wir wollen den zivilgesellschaftlichen Protest mittragen und für die humanistischen Werte und die Demokratie einstehen“, sagt sie.

Später, wenn die Schatten länger werden, wird Gertrud Gius am Waltherplatz stehen, um mit den antifaschistischen Widerstandskämpfern (A.N.P.I.) unter dem Slogan #portiapertiallepersone ihre Solidarität mit Carola Rackete, der Kapitänin der „Sea-Watch 3“ und den vierzig Migranten, die sich zuletzt darauf befanden, zu demonstrieren – nur wenige Stunden bevor Rackete das Rettungsschiff ohne Genehmigung im Hafen von Lampedusa anlegen und festgenommen werden wird. Innenminister Matteo Salvini wird von einem „kriminellen und kriegerischen Akt“ sprechen. Laut, so laut tönt „Bella ciao“ über den Waltherplatz.

Am Dienstag, 2. Juli findet um 19 Uhr in der Laurin Bar in Bozen ein Treffen der „Omas gegen rechts“ statt. Alle Interessierten sind willkommen – auch Opas, Kinder und Enkelkinder.

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