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Der Jüngste

Er ist 28 und schon Landesrat. Philipp Achammer über seine Schulzeit, das Ausgehen und warum er sich gegen einen Überwachungsstaat wehrt.

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Bild: Philipp Achammer

Er singt Bass im Kirchenchor, ist gerade mal 28 Jahre jung und eigentlich noch Student. Nun soll Philipp Achammer die Problemressorts Bildung, Kultur und Integration übernehmen. 

Wie fühlen Sie sich als frischgebackener Landesrat?

Neugierde, Aufregung und vor allem große Begeisterung für einen riesigen, sehr interessanten Bereich zwischen Bildung, Kultur und Integration. Aus einer Perspektive, wo ich sicherlich weniger bildungs- oder kulturpolitische Erfahrung habe, blicke ich großen Herausforderungen entgegen. Als junger Mensch ist es auch kaum möglich, ein Vielfaches an Erfahrung mitzubringen. Aber ich habe Ansichten, die ich miteinbringen möchte. Und in der ersten Zeit maß ich es mir sicher nicht an, sofort herzugehen und zu sagen, was zu tun ist. Ich werde nun vor allem Gespräche mit allen Beteiligten in dem Bereich führen und mir die verschiedenen Meinungen anhören. Ich habe jetzt schon eine Unmenge an Zuschriften und Vorschlägen bekommen und die möchte ich auch miteinbinden – das ist eine Grundüberzeugung von mir.

Was hat Sie damals an der Schule geärgert und was möchten Sie nun an Südtirols Schulen ändern?

Das ist nicht lange her (lacht). Ganz spontan: die Beteiligung der Schüler am Schulleben. Die Mitsprache und das Mitbestimmungsgesetz der Schulgremien zu überarbeiten, wird sicherlich ein Punkt sein. Das habe ich von Anfang an gesagt. Ansonsten wird die Verbesserung der Sprachkenntnisse – ich habe das Sprachenlyzeum besucht – sicherlich zu den großen Leitlinien der Amtszeit gehören. Die Sprachvermittlung, in der Muttersprache genauso wie in der Zweit- und Fremdsprache, ist übrigens auch ein bedeutender Schwerpunkt im Koalitionsprogramm. Die Mehrsprachigkeit ist ein riesiges Potenzial für Südtirol, das man noch nicht richtig erkannt hat.

Das sind spontan die ersten Punkte, aber natürlich gibt es viele weitere, wo es darum geht, die Qualität im Unterricht zu erhalten – immerhin haben wir eine sehr gute Bildungslandschaft – aber auch noch alles zu tun, um die Qualität noch weiter zu entwickeln. Da wird sich im Laufe der Zeit sicherlich noch einiges an Herausforderungen ergeben.

Wird es langsam Zeit, sich auch in der Schule mit Südtirols eigener Nazivergangenheit zu beschäftigen?

Ja, sicher auch. Ich bin aber grundsätzlich der Überzeugung, dass Südtiroler Zeitgeschichte viel, viel mehr in der Schule vermittelt werden muss, ohne jetzt im Detail mit den am Schulleben Beteiligten, Lehrkräften und Zuständigen, gesprochen zu haben. Ich glaube, dass das etwas vom Elementarsten ist, zu wissen, wie sich unser jetziger Status der Autonomie begründet. Mit einem gemeinsamen Geschichtsbuch wurde eine Grundlage geschaffen, aber ich glaube, dass man in diesem Bereich sicherlich viel mehr tun muss.

Das Nachtleben in Südtirol hat einen neuen Tiefpunkt mit zahlreichen geschlossenen Lokalen und strikten Vorschriften erreicht. Werden Sie als junger Politiker diesbezüglich die Notbremse ziehen?

Notbremse ist wahrscheinlich etwas krass ausgedrückt. Bei der Jugendarbeit liegen mir jedoch einige Punkte am Herzen. Ich sehe das Thema Nachtleben immer in Verbindung mit Unterhaltung, aber auch mit Jugendkultur. Initiativen der Jugendkultur zuzulassen, mehr Freiräume für junge Menschen zu gestalten, wird für mich eine große Herausforderung werden und das möchte ich recht zügig angehen, da ich mir davon schon im Detail ein Bild gemacht habe. 

Es geht eben nicht nur um Events und um die Voraussetzungen für Lokalbetreiber, aber es braucht auch dort die entsprechenden Rahmenbedingungen, damit Nachtleben und sich unterhalten wollen nicht als Verbrechen betrachtet wird, sondern sich zu einem gesunden Nachtleben entwickeln kann. Die Schwierigkeiten zwischen Sicherheitslage, Ruhestörungen und Bürokratie stehen leider zu sehr im Vordergrund. Gleichzeitig – und das ist mir mindestens gleich wichtig, wenn nicht wichtiger – müssen Jugendkulturinitiativen zugelassen werden. Die Jugendkultur gezielt zu fördern, in Zusammenarbeit mit der klassischen und offenen Jugendarbeit, ist ein Thema, das sich mir relativ bald stellen wird.

Was schwebt Ihnen konkret vor?

Es gibt so viele Jugendkulturtätigkeiten zwischen Bands, Jugendtheatergruppen usw., die aus Eigeninitiative einmal beitragen möchten, dass es ein anderes Angebot am Wochenende gibt. So sollte man zum Beispiel jungen Bands eine Chance geben, irgendwo auftreten zu können. Dies muss nicht immer nur mit einem Konsumzwang verbunden sein. Da müssen wir die entsprechenden Voraussetzungen schaffen, so fehlen beispielsweise in einigen Städten auch die Räume dafür.

Sind Sie oder Freunde von Ihnen schon mal von einer „Albanerbande“ überfallen worden und glauben Sie, eine Kamera hätte in diesem Fall geholfen?

Nein, ich oder Kollegen von mir sind, Gott sei Dank, nicht Opfer von Gewaltübergriffen geworden. Ich glaube die Differenzierung – dass man Leute oder gesamte Gruppen nicht über einen Kamm schert – ist etwas vom Wichtigsten in der öffentlichen Diskussion, die man besonders im vergangenen Jahr geführt hat.

Wir müssen eine möglichst sachliche Debatte anstatt einer emotionalen führen. Insgesamt muss man dazu beitragen, dass sich die Sicherheitslage in den Nachtstunden und am Wochenende verbessert. Diese ist durchaus ein Problem geworden, viele junge Leute machen sich jetzt Sorgen darüber. Unmittelbar auf Gewaltübergriffe zu reagieren, indem man Sicherheitskontrollen verstärkt und die Ordnungskräfte in die Pflicht nimmt, ihre Arbeit zu machen, ist wesentlich. Ich halte aber wenig von einem Überwachungsstaat, wo man überall Kameras aufbaut. Das Problem ist vielschichtiger. Gewalt hat ja auch Hintergründe und deshalb muss man auch den Hintergrund des Täters sehen und überlegen, was man tun kann, um zukünftig Gewaltübergriffe zu vermeiden. Auf Gewalt kann man nicht nur mit Polizeigewalt antworten, sondern man muss auch in Gewaltprävention investieren.

Kameras nützen also nichts?

Ich halte, wie gesagt, relativ wenig von Kameras und glaube nicht, dass sie eine Lösung des Problems darstellen. Es gibt sogar schon Entwicklungen – das habe ich mir von jemandem, der in diesem Bereich tätig ist, sagen lassen – dass Kameras in einigen Ländern dazu geführt haben, dass Täter eben diese suchen, da sie den Reiz verspüren vor der Kamera Gewaltübergriffe zu verüben.

Danke für das Gespräch!

Gerne!

Maria Laura Ebensberger

wollte schon als kleines Mädchen Journalistin werden. Oder Schauspielerin. Wenn ersteres nicht klappt, seht ihr sie demnächst im Kino, an der Seite von Johnny Depp.
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Weil ich darauf angesprochen wurde: "Albanerbanden" war ironisch gemeint. Ich persönlich empfinde diesen Begriff als sehr problematisch.

Dann nehmen wir also weitere Stunden für Rechtskunde und für Geschichte dazu, dann noch für zwei-drei weitere Sprachen, dann reduzieren wir noch die Wochenstunden von 36 auf, sagen wir, unter 30. Streichen werden wir hingegen bei Physik und anderen Technikfächern. So richtig schön alles verwässern. Zum Schluss ist es egal, ob jemand ein klassisches Lyzeum oder die Gewerbeoberschule (neudeutscher Zungenbrecher: Technologische Fachoberschule) besucht...alle gleichgeschaltet. Ich bitte um eine Radikalkorrektur der K-M-schen Bildungsphilosophie.

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