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Der Dreck im Netz

Folter, Kindesmissbrauch, Enthauptung: Junge Menschen in Entwicklungsländern säubern die sozialen Netzwerke von Dingen, die wir nicht sehen sollen. Der Film „The Cleaners“ zeigt die Mechanismen im Netz.

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Bild: Gebrüder Beetz Filmproduktion

Zehntausende Menschen sichten für Soziale Netzwerke wie Facebook, Youtube oder Twitter Fotos und Videos. Im Sekundentakt entscheiden sie darüber, welche Inhalte wir zu sehen bekommen. Der Film „The Cleaners“ zeigt die Arbeit dieser Content-Moderatoren in Manila auf den Philippinen, die stolz sind auf ihren Job für die Internetgiganten im Silicon Valley. Regie führten die jungen Berliner Filmemacher Hans Block und Moritz Riesewieck. Der Südtiroler Georg Tschurtschenthaler arbeitete am Drehbuch mit und war für die Produktion verantwortlich.

Was waren die wichtigsten Schritte von der Idee bis zur Premiere?
„The Cleaners“ ist eine riesige Rechercheleistung. Wir sprechen über eine gewaltige Schattenindustrie, in der großer Druck auf die Mitarbeiter ausgeübt wird. Es ging darum, aus diesem komplexen Thema einen spannenden Film zu machen, der möglichst viele Menschen erreichen soll. Hier war die große Frage, wie man das Verborgene zeigen kann und diese belastende Arbeit darstellen soll, ohne permanent schreckliche Bilder und Videos zeigen zu müssen. Nachdem wir diese Nuss geknackt haben, mussten wir den Film unter Hochdruck und vielen Nachtschichten fertig machen. Wir hatten ja vor einem Jahr Premiere auf dem renommierten Sundance Film Festival in den USA. Da sind wir als einer von zehn Filmen aus 1.100 Einreichungen ausgewählt worden. Der Film ist drei Tage vor der Premiere fertig geworden.

Georg Tschurtschenthaler

Bild: © Raimond Spekking

Regie führten die jungen Filmemacher Moritz Riesewick und Hans Block. Wie kam es zur Zusammenarbeit?
Wir haben vor etwa drei Jahren eine E-Mail von Hans und Moritz bekommen, in der sie eine unglaubliche Geschichte erzählten: Sie haben die Menschen in Manila gefunden, die die Sozialen Netzwerke von dem reinigen, was wir nicht sehen sollen. Gleichzeitig hat man auch sofort gemerkt, dass die beiden komplette Anfänger sind. Und obwohl das eine sehr riskante Produktion war, mit schwierigsten Recherchen und großem Zeitdruck, kann ich nur den Hut vor den beiden ziehen, wie sie aus diesem abstrakten und komplexen Thema einen starken Film gemacht haben.

Auf welche Widerstände seid ihr in der Produktion gestoßen? 
Facebook, Google und Co. tun alles, um diese Schattenindustrie geheim zu halten. Niemand soll über die Kriterien und Regeln sprechen, nach denen die Sozialen Netzwerke gereinigt werden. Und natürlich erst recht nicht über die geheimen Deals, die die Firmen mit Staaten wie etwa der Türkei machen, damit politisch brisante Inhalte gelöscht werden. Problematisch ist natürlich auch, dass dieser hochsensible und komplexe Job von Maturanten in Manila unter großem zeitlichem und psychischem Druck ausgeübt wird. Wir haben über Monate recherchiert, bis wir Menschen gefunden haben, die uns ihre Geschichte erzählten.

Auf den ersten Blick zeigen Soziale Netzwerke schöne, glückliche, lachende Menschen – aber es gibt auch die dunkle Seite: Gewalt, Propaganda, Hass.

Welche Perspektivenwechsel haben sich bei der Produktion von „The Cleaners“ für dich ergeben?
Mir ist noch einmal klarer geworden, dass es hinter einer Geschichte oft noch eine größere, versteckte Geschichte gibt. Und dass wir heute in einem ständigen Informationsüberfluss leben, in dem wir alles schon mal gehört haben. Tatsächlich geht es aber um tieferes Verstehen. Auf den ersten Blick zeigen Soziale Netzwerke schöne, glückliche, lachende Menschen – aber es gibt auch die dunkle Seite: Gewalt, Propaganda, Hass. Über Soziale Netzwerke sind der Brexit und die Trump-Wahl entschieden worden.

Wie kann man sich deine Arbeit als Produzent vorstellen – bist du der Mann im Backoffice, der die wichtigen Telefonate macht oder mit vor Ort?
Ich bin als Creative Producer im täglichen Austausch mit den Regisseuren und den wichtigsten Partnern im Projekt, also dem Team, aber auch den Coproduzenten, Sendern und Partnern. Wichtig ist es, das Team zusammen zu stellen, also die richtige Mischung aus den passenden Qualifikationen und auch Menschen, die zueinander passen. Dann bin ich viel im Schnittraum, das ist für mich die spannendste Phase im Dokumentarfilm. Da entsteht der Film aus dutzenden oder manchmal auch hunderten von Stunden Material. Ansonsten entwickle ich viele Stoffe, das heißt ich recherchiere und schreibe. Das macht mir auch sehr viel Spaß.

Die Doku eignet sich gut für die Verwertung im Kino und auf Festivals, aber auch fürs TV. Wie schafft man im Dokumentarfilm den Balanceakt zwischen ästhetischem und Verwertungs-mäßigem Anspruch?
Man muss ehrlich sagen, dass „The Cleaner” ein Sonderfall ist. Bei vielen Stoffen muss man sich für ein Medium entscheiden. Aber hier war das Thema so stark, dass wir über alle Medien Millionen Menschen erreicht haben und konkrete politische Wirkung erzeugt haben. Wir waren mit dem Film im EU-Parlament, im Deutschen Bundestag, bei der UNESCO etc. In den letzten Jahren haben sich die erzählerischen Möglichkeiten im Dokumentarfilm aber auch erweitert. Gerade entstehen viele spannende, überraschende und hochwertige Filme. Das Genre blüht!

Was treibt dich an, Dokumentarfilme zu machen?
Für mich ist es die Neugierde an der Welt, ständig mit neuen Themen, Menschen und Geschichten konfrontiert zu werden. Und die Verantwortung, aus diesen ganzen Teilen eine Erzählung zu machen und damit Menschen zu erreichen, die – nachdem sie den Film gesehen haben – zumindest nicht dümmer sind als vorher.

Gab es für dich einen Moment, wo du wusstest, dass du Dokumentarfilme machen möchtest?
Eigentlich nein, auch wenn das vielleicht eine etwas enttäuschende Antwort ist. Mein Weg zum Dokumentarfilm war recht kurvig, mit einigen Umwegen. Ich habe Wirtschaft studiert und tatsächlich auch als Unternehmensberater gearbeitet. Nach zwei Jahren wollte ich etwas anderes probieren und habe einem Freund bei einem Dokumentarfilm geholfen. Das ist 16 Jahre her. Zum Dokumentarfilm bin ich eher zufällig gekommen, dass ich dabei geblieben bin, ist kein Zufall mehr.

Im Moment ist „Leaving Neverland“, eine Doku über Michael Jackson, in aller Munde. Was denkst du über diese Produktion?
Ich habe den Film leider noch nicht gesehen, deswegen will ich nicht darüber urteilen. Grundsätzlich habe ich nichts gegen eine subjektive Meinung in einem Dokumentarfilm, wenn sie klar erkennbar ist. Im Gegenteil. Aber sehr problematisch finde ich eine Pseudoobjektivität oder wenn leichtsinnig und voreingenommen mit komplexen Themen und realen Geschichten umgegangen wird.

Woran arbeitest du im Moment mit der größten Begeisterung?
Aktuell arbeiten wir an einem Dokumentarfilm über das „World Economic Forum“, dem global wichtigsten Treffen zwischen Politik und Wirtschaft, das jeden Jänner in Davos stattfindet. Wir haben vier Jahre am Zugang gearbeitet und konnten dort tatsächlich hinter verschlossenen Türen drehen. Der Film ist jetzt im Schnitt und wird im Herbst fertig gestellt. Dann beginnen wir gerade mit einer großen dokumentarischen Serie, einem Wirtschaftskrimi vor dem Hintergrund der deutschen Wiedervereinigung. Und wir haben einige Projekte in Entwicklung, auch im Bereich der Neuen Medien.

Welchen Anspruch verfolgst du mit deinen intermedialen Projekten?
Auch hier ist es die Neugierde, die neuen erzählerischen Möglichkeiten im Netz, aber auch im Game-Bereich und derzeit im Virtual-Reality-Bereich kennen zu lernen. Ich glaube, dass kein Medium per se schlecht oder gut ist. Es geht immer darum, diese Medien mit möglichst gutem Inhalt zu füllen.

Es ist nach wie vor praktisch unmöglich, einen Spielfilm allein aus Südtirol heraus zu stemmen.

Planst du wieder ein intermediales Projekt?
Wir haben letzte Woche eine Virtual-Reality-Installation in einem Museum in Berlin eröffnet. Virtual Reality ist ein sehr spannendes Medium und wir haben noch lange nicht ausreichend verstanden, wie man es am besten nutzen kann. Derzeit machen wir eine größere Produktion mit einer bekannten deutschen Band, wo wir viel experimentieren und lernen. 

Natürlich die obligatorische Frage: Wie siehst du die Südtiroler Filmwirtschaft und welche Rolle nimmt der Dokumentarfilm da ein?
Eigentlich auf einem sehr guten Weg. Im Spielfilmbereich hat sich Südtirol als Drehort und Produktionsland international etabliert und professionalisiert. Allerdings ist es nach wie vor praktisch unmöglich, einen Spielfilm allein aus Südtirol heraus zu stemmen. Anders im Dokumentarfilmbereich: Mittlerweile gibt es einen schönen Haufen engagierter und sehr erfolgreicher Kollegen, die unterschiedliche Sachen machen: Andreas Pichler ist seit Jahren international auf höchstem Niveau unterwegs; Veronika Kaserer hat letztes Jahr auf der Berlinale einen Preis gewonnen; Hannes Lang ist mit seinen tollen Projekten seit Jahren eine feste Größe und auch dieses Jahr wieder auf dem Filmfestival Bozen vertreten. Besonders freut es mich, dass in wenigen Wochen der Zelig-Absolvent Nuno Escudeiro Weltpremiere von seinem Film „The Valley“ beim renommierten Hotdocs Filmfestival in Toronto feiern wird, produziert übrigens von Miramontefilm. Aber auch die Kollegen von Helios arbeiten seit Jahren erfolgreich im dokumentarischen Bereich. Besonders freut mich der sensationelle Publikumserfolg des Films „Das versunkene Dorf“ von Georg Lembergh und Hansjörg Stecher. Allein an diesen Beispielen zeigt sich die Vielfalt des Genres und die Breite der Südtiroler Dokumentarfilmer.

Der Film läuft derzeit auch im Rahmen des Bolzano Film Festivals Bozen.

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