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HIV und AIDS in Südtirol

Das Leben mit dem Tod

25 Menschen stecken sich in Südtirol jährlich mit dem HI-Virus an. Sicheres Todesurteil ist das keines mehr, aber Garant für Scham und Ausgrenzung.

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Bild: Nicole Honeywill

Michl ist ein schwerer Mittfünfziger, die Schultern so breit wie das Lachen. Seine schwieligen Hände liegen gelassen auf den Rädern seines Rollstuhls. Es sind Hände, die angepackt haben, die jährlich zehntausende Kilometer durch Europa gefahren sind. Hände eines Geschäfts- und Lebemanns, dem das Leben gehorcht hat. Bis zu jenem Tag, als seine Beine plötzlich wegknickten.

Von da an versagen sie ihm immer öfter den Dienst, irgendwann kann er gar nicht mehr gehen. Es folgen Monate in Krankenhäusern – in Südtirol, Österreich, Deutschland. Kein Arzt kann sich die Lähmung erklären. Durch eine Computertomographie findet sich endlich die Ursache: Das motorische Zentrum seines Gehirns ist beschädigt, er wird wohl nie wieder aus dem Rollstuhl aufstehen können. Am Klinikum in Innsbruck schließlich die Diagnose: Michl hat AIDS.

„Wenn sich Leute mit dem HI-Virus anstecken, zeigen sich die Auswirkungen nicht sofort. Infizierte leben oft jahrelang ohne die geringsten Symptome von AIDS.“

AIDS, das steht für Acquired Immune Deficiency Syndrom, erworbenes Immundefizit-Syndrom. Die Krankheit selbst ist nicht tödlich, doch sie greift das Immunsystem so stark an, dass Betroffene anfällig für seltene Krankheiten und Krebsformen sind. Selbst eine Grippe kann dann tödlich enden. Häufig wird AIDS dabei mit dem HI-Virus (human immunodeficiency virus) gleichgesetzt – „ein weitverbreiteter Irrtum“, sagt Elke Maria Erne, Primarin der Abteilung für Infektionskrankheiten am Krankenhaus Bozen. „Wenn sich Leute mit dem HI-Virus anstecken, zeigen sich die Auswirkungen nicht sofort. Infizierte leben oft jahrelang ohne die geringsten Symptome von AIDS.“

Auch bei Michl fiel die Infektion lange Zeit nicht auf. Auf seinen Reisen durch Europa ging er immer wieder zu Prostituierten. Aus Angst vor Gerede suchte er dabei immer nur nach ausländischen Frauen, von denen er wusste, dass sie nichts weitererzählen könnten. Der ungeschützte Sex wurde ihm zum Verhängnis. Bis heute ist ungeschützter Geschlechtsverkehr die häufigste Form der Übertragung des HI-Virus. Es findet sich vor allem in Blut, Sperma, Scheiden- und Wundsekret und in der Darmschleimhaut. Beim Sex kann es durch winzige Verletzungen der Schleimhäute, zum Beispiel des Muttermundes oder der Scheidenhaut, sowie der männlichen Vorhaut übertragen werden. Drogenabhängige stecken sich außerdem häufig durch den Austausch gebrauchter Spritzen an.

Etwa 25 Neuinfektionen gibt es in Südtirol dadurch jedes Jahr. Insgesamt leben etwa 850 Patienten mit dem HI-Virus in Südtirol, die meisten davon werden im Bozner Krankenhaus behandelt. Zudem kümmert sich der Verein ProPositiv um sie und bietet beispielsweise einen anonymen HIV-Schnelltest an. „Wir haben in Südtirol eine gute Versorgung der HIV-Positiven. Wir sind auf HIV-Therapie und Betreuung spezialisiert, unsere Ambulatorien haben keine Wartelisten und Notfälle werden sofort versorgt“, erzählt Primarin Erne.

Infizierte begegnen immer noch Angst und Zurückweisung.

Durch den medizinischen Fortschritt der letzten Jahrzehnte ist eine Infektion kein Todesurteil mehr. Mit Medikamenten, die Betroffene täglich einnehmen müssen und die bei 90 Prozent der Patienten sehr gut funktionieren, kann das Virus im Körper so weit zurückgedrängt werden, dass ein Ausbruch von AIDS sehr unwahrscheinlich ist. „Wer heute mit HIV infiziert wird, hat dank fortschrittlicher Behandlungen und Medikamente eine fast normale Lebenserwartung und eine Lebensqualität wie ein Nicht-Infizierter,“ so Erne. Eine völlige Heilung ist jedoch nicht möglich. Auch deshalb begegnen Infizierte immer noch Angst und Zurückweisung.

„Es gab schon Besucher, die hier nichts berühren und sich nicht einmal neben einen Patienten hinsetzen wollten,“ meint Katiuscia Cabras, Leiterin von „Haus Emmaus“. In der Pflegeeinrichtung für AIDS-Kranke in Leifers leben Betroffene in einer Wohngemeinschaft zusammen und werden rund um die Uhr betreut. Die Einrichtung will auch über die Krankheit aufklären. Auch darüber, was im Umgang mit HIV-Positiven nicht gefährlich ist: So bergen beispielsweise Küsse, Zungenküsse, Körper- sowie Hautkontakte, gemeinsames Essen, die gemeinsame Nutzung von Geschirr, Kleidung und Wäsche oder von Schwimmbad, Sauna, Toiletten und Waschraum bei Einhaltung üblicher Hygieneregeln keine Gefahr. „Natürlich gilt es dennoch, verantwortungsvoll mit der Infektion umzugehen: Alle stechenden oder schneidenden Gegenstände, die mit Blut in Kontakt kommen können, sollten immer nur einmal benutzt oder wirksam desinfiziert werden,“ rät Erne.

Sie sieht eine Aufklärung auch deshalb als wichtig an, weil sich Betroffene aus Angst vor Ausgrenzung häufig nicht testen lassen und erst reagieren, wenn es zu spät ist. Schuld daran ist auch das Image von HIV und AIDS als Krankheit von Homosexuellen, Drogenabhängigen und Menschen mit stigmatisiertem Sexualverhalten.

„Dabei ist HIV und in der Folge AIDS immer noch unheilbar und potenziell tödlich.“

Und deshalb heißt Michl eigentlich gar nicht Michl. Er will anonym bleiben. Das Gerede im Dorf über ihn sei ihm mittlerweile egal, er hätte genug Leute, die zu ihm stehen, sagt er. Aber um seine Familie macht er sich Sorgen – er will nicht, dass sie durch ihn bloßgestellt wird. Schweigen will er aber auch nicht, denn Scham und Verschwiegenheit würden die Vorurteile nur verstärken. Also sitzt er aufrecht im Rollstuhl, ein gerader Mensch, der immer den direkten Weg nimmt, auch wenn der vielleicht nicht immer der beste ist.

Sein Ziel: Er will achtzig werden. Dank der vielversprechenden Behandlungsmethoden laut Primarin Erne kein unrealistischer Wunsch. Doch sie warnt zugleich: „Diese an sich gute Nachricht ist auch tückisch: Die Krankheit hat vielfach ihren Schrecken verloren – vor allem bei jüngeren Generationen, die die große Aufmerksamkeit gegenüber der Immunschwächekrankheit der 1980er-Jahre nicht miterlebt haben. Dabei ist HIV und in der Folge AIDS immer noch unheilbar und potenziell tödlich.“

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Wolfgang Tessadri

erforscht in der Ferne den Dialekt seiner Heimat. Mag Wortspielereien in Laut und leise und am liebsten schriftlich. Schreibt selbst gerne, schaut aber meist eher anderen beim Schreiben auf die Feder.
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