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Braunes Gold

Kaffee ist nach Rohöl der zweitwichtigste Exportrohstoff der Welt. In unserem Alltag täuschen schicke Maschinen und Milchschaumherzen über ein unfaires Geschäft hinweg. Warum es beim Kaffee in Sachen Produktion und Wertschöpfung ein Umdenken braucht.

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Bild: Anna Mayr/oew

So manche*r Europäer*in empfindet den Anspruch auf den täglichen Kaffee quasi als Geburtsrecht. „Nicht ohne meinen Kaffee!“, denke auch ich mir an diesem Morgen, als ich mir im Homeoffice Tagesration Nummer Eins des schwarzen Getränks koche. Mit der Nase im Kaffeedampf startet es sich doch gleich viel leichter in die Arbeit. Für Italien gibt Statista für das Jahr 2019 einen Pro KopfKonsum von 4,92 Kilogramm an. An das Anbauen, Ernten und Verarbeiten verlieren die Koffeinbedürftigen dabei kaum einen Gedanken. Die Konsument*innenperspektive herrscht vor und neben viel Diskussion um Koffein und Blutwerte wird kaum thematisiert, wie „gesund“ der Kaffeehandel für Umwelt und Produzent*innen ist. Die Herkunft interessiert uns im wahrsten Sinne „nicht die Bohne“.    

Eine Kirsche, zwei Sorten, 840 Aromen
Die Bühne des Weltmarktes teilen sich die vorrangig in Südamerika angebaute Coffea Arabica, die edlere der beiden Sorten, und die in Asien angesiedelte Coffea Robusta. Kenner*innen wollen bei der Arabica-Bohne fruchtige und komplexe Geschmacksnoten erkennen, während Robusta einen dunklen, erdigen und eher bitteren Ton anschlägt. Erst durch die unterschiedliche Dauer und Temperatur der Röstung entstehen die rund 840 Kaffeearomen. Auch die Anbaubedingungen spielen eine Rolle für den Geschmack. Dabei ist „die Bohne“ in Wahrheit ein Samen. Und die Frucht des Kaffeebaums, das ist die „Kaffeekirsche“. Doch wie kommt es nun zu den unfairen Produktionsbedingungen, die uns das braune Gold so günstig in die Tasse bringen?

Bild: Alice Cristelli/oew
Das Kaffeeparadoxon Ohne den historischen Kolonialismus der europäischen Großmächte kann „unser“ Kaffee von vornherein nicht gedacht werden. Die aus dem afrikanischen Äthiopien stammende Frucht etablierte sich in Europa durch Kaffeehäuser im 16. und 17. Jahrhundert, und ihr Anbau wurde durch europäische Kolonialmächte vorangetrieben. So verbreiteten die Niederlande die Kaffeepflanze in ihren Kolonien und auch in den Kolonien Hollands, Frankreichs und Portugals wurden auf Kaffeeplantagen bis Ende des 19. Jahrhunderts afrikanische Sklav*innen ausgebeutet. Und heute? Die Kleinproduzent*innen, die die Kaffeekirsche anbauen und das Fruchtfleisch von den Samen trennen, verrichten eine Arbeit, die sich schon seit Jahren kaum mehr lohnt. Der Rohkaffee wird auf Containerschiffen aus den Produktionsländern in den Globalen Norden exportiert. Röstereien generieren jährlich 55 Milliarden USDollar Umsatz, der Einzelhandel sogar 200 bis 250 Milliarden. Der Rohkaffee generiert jedoch nur 20 Milliarden US-Dollar. „Damit kann niemand kostendeckend produzieren. Wenn das so weitergeht, werden immer mehr Menschen aufgeben“, sagt die Bio-Bäuerin und Gewerkschafterin Dolores Espinoza aus Honduras in Südamerika. Sie verkauft ihren Kaffee mittlerweile gemeinsam mit den rund 70 Mitgliedern ihrer Kooperative an die Initiative EZA Fairerer Handel. Es klingt fast schon paradox, dass bis auf Äthiopien und Brasilien die meisten Kaffeeproduzent*innen lange selbst gar keinen Kaffeekonsum kannten, sondern nur den Export. Die Kolonialware war nie dazu gedacht, vor Ort genossen zu werden. Die Verarbeitung und damit der größte Teil der Wertschöpfung erfolgt in den USA, Kanada, Europa und China. Der Börsenpreis für ein Pfund Rohkaffee liegt derzeit bei 1,86 US-Dollar. Das entspricht 1,42 Euro. So viel kostet hierzulande ein Espresso.

Bei der Ernte von Hand gelangen nur reife Früchte in den Kaffee.

Bild: Alice Cristelli/oew

Kaffee macht reich
Kaffee ist ein Spekulationsobjekt an der Börse. „Auf den globalisierten Märkten gibt es Akteure die mit dem Kaffeepreis spekulieren. Sie erwerben zu äußerst günstigen Konditionen die rohen Kaffeebohnen und lagern sie ein. Im Anschluss beobachten sie die Preisentwicklungen und geben sie bei hohen Preisen und guten Konditionen wieder ab“, erklärt die kolumbianische Professorin Xiomara-Fernanda Quinones-Ruiz, die an der Universität für Bodenkultur in Wien lehrt. Die Preisschwankungen erschweren die Budgetplanung, es fehlt das Geld für die Instandhaltung der Plantagen, Jungpflanzen, Pflanzenschutzmittel. Niedere Erträge werden zur Armutsfalle. Durch den Klimawandel und die steigenden Temperaturen wird die Kaffeepflanze vermehrt von Schädlingen und Krankheiten wie Kaffeerost befallen. Kaffeepflanzen reagieren besonders empfindlich auf Bedingungen des Bodens, der Luftfeuchtigkeit, der Temperatur und des Niederschlags. Dies kann dazu führen, dass Bauern und Bäuerinnen auf die widerstandsfähigere Robusta Bohne umsteigen müssen, die weniger Verdienst bedeutet und mehr Konkurrenz. Die Erschließung neuer geeigneter Anbauflächen führt zur Abholzung unberührter Regenwaldgebiete. Dieser Fakt steht nicht auf Clooneys eleganten Schachteln.

Geht es auch anders?
Einen Ansatz, um den weltweiten Handel mit Kaffee zu verändern, ist der Faire Handel. Dieser strebt eine „partnerschaftliche Handelsbeziehung“ an. Die World Fair Trade Organisation ist dabei die weltweite Dachorganisation des Fairen Handels. Sie hat zehn Kriterien festgelegt, darunter Umweltschutz, Geschlechtergerechtigkeit, Arbeitsschutz und Preisfestlegungen vor der Ernte. Die ganze Lieferkette, das heißt jede*r Handelspartner*in, jede Organisation, jede*r Lieferant*in muss diese Kriterien einhalten. Unternehmen, die Mitglieder sind und die Standards der WFTO befolgen, dürfen auf der Verpackung deren Logo abdrucken. Bekannt ist auch Fair Trade International, wo nur das Produkt selbst unter Fairen Bedingungen hergestellt werden muss. Mittlerweile gibt es weitere Labels, viele davon auch mit unklaren Bestimmungen. Professorin Xiomara-Fernanda QuinonesRuiz spricht sich vielmehr für die Röstung in den Produktionsländern aus. Mit der Veredelung vor Ort können mehr Arbeitsplätze und ein lokales Wirtschaftswachstum außerhalb der Landwirtschaft ermöglicht werden. Dieses Modell geht weiter als Fairer Handel. Aber damit es eine Veränderung herbeiführen kann, braucht es laut Professorin Quinones-Ruiz noch viel mehr Hersteller*innen mit dem nötigen Know-how, mehr Abnehmer*innen, die original gerösteten Kaffee auf den Markt bringen wollen und Konsument*innen, die beim Kauf genau hinsehen.

Dieses Modell geht weiter als Fairer Handel. 

Jede Tasse zählt
Unsere Alltagshandlungen zeigen in unerwarteten Bereichen Wirkung: Ein klimaschädlicher Lebensstil trägt zu Missständen im Kaffeehandel ebenso bei, wie der Griff zum Billigkaffee. „Letztes Jahr hatten wir allein zwei Wirbelstürme und zum Ende des Jahres konnte der Kaffee nicht mehr ausreifen“, berichtet Dolores Espinoza. Sie ist sich sicher, dass der Globale Norden mit einem klimafreundlichen Handeln und politischem Druck Positives bewirken kann. Und vielleicht können wir uns einmal ins Bewusstsein rufen, dass wir kein Grundrecht auf „unseren“ Kaffee haben. Wie so vieles hat Europa sich auch die braunen Bohnen einfach genommen. Kaffee ist ein Luxusgut, bloß sind wir es nicht mehr gewohnt, den wahren, fairen Preis dafür zu zahlen. Alternativ können wir uns das nächste Mal, wenn wir eine smarte Maschine mit Clooneys Kapseln beladen, im Sinne des deutschen Kabarettisten Eckart von Hirschhausen fragen: „Möchte ich daraus bestehen?“ Schließlich ist man, was man isst, und auch was man trinkt. Wer möchte da nicht lieber aus etwas Fairem bestehen?

Text: Anna Maria Parteli

Erstmals erschienen in der Straßenzeitung “zebra” Nr. 68/2021

Die Südtiroler Weltläden und die OEW – Organisation für Eine solidarische Welt machen vom 09.09. bis 01.10.2021 mit der Kampagne fairever coffee auf die Produktionsbedingungen von Kaffee aufmerksam. Mehr Infos unter: www.fairevercoffee.org 

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Straßenzeitung zebra.

Beim Zebrastreifen am Bahnhof, vor der Bäckerei, neben dem Dom – die VerkäuferInnen der Organisation für eine solidarische Welt bringen zebra. druckfrisch unter die Leute. Sie sind an ihren Ausweisen gut erkennbar und verkaufen die Straßenzeitung für drei Euro. Die Hälfte davon geht in die Produktion, die anderen 1,50 Euro bleibt dem/der VerkäuferIn. Pro Ausgabe wird ein zebra-Artikel hier auf BARFUSS veröffentlicht – zum Reinschnuppern ins neue Heft.

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