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Blut und Gedärme

Anstößige Texte und harte Klänge – der Brutal Death Metal liebt die Provokation. BARFUSS hat Meat Devourer im Proberaum in Naturns besucht.

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Bild: Thomas Tribus

Wir schreiben das Jahr 1955. Horden von Eltern gehen auf die Barrikaden, weil der Rock ‘n’ Roll die Welt erobert. Elvis Presley, Chuck Berry und Little Richard machen die Konzerthallen unsicher. Mütter sperrt eure Töchter ein, denn dem Rock ‘n’ Roll wird nachgesagt, dass er die Moral der Menschen zerstört. Sechzig Jahre später muss man schmunzeln, wenn man zurückschaut. Die Gesellschaft hat den Rock 'n’ Roll überlebt, den Punk auch. An was soll sie sich also nun die konservativen Zähne ausbeißen? Die Antwort: Brutal Death Metal.
Ein Musik-Genre so hart, so brutal, dass einem die Ohren bluten. Ein Sub-Genre des Metal, das es auf die Extreme abgesehen hat. Auch in Südtirol zelebrieren Bands diese Musikrichtung. Meat Devourer ist so eine Band. Die drei Mannen aus Naturns geben sich seit Jahren dem Brutal Death Metal hin, mit Erfolg. So sind die drei mittlerweile zu einer namhaften Größe in der Südtiroler Szene geworden. Die heurige Tournee durch die Tschechei unterstreicht das nur noch.

Ein herrlicher Tag zum Slamen

Es ist heiß, sehr heiß sogar. So heiß, dass es einem so vorkommt, als ob die gesamte Untervinschgauer Bevölkerung ins Schwimmbad nach Naturns flüchtet. Genau wie ich. Nur, dass ich nicht ins kühlende Nass will. Sondern in den kühlenden Proberaum, der sich unterhalb des Schwimmbades befindet. Es ist zehn nach zwei, ich öffne die große gelbe Tür. Der Korridor, der sich vor mir auftut, besitzt ein eigenes Flair. Die Katakomben der Kreativität quasi. Der Proberaum ist noch verschlossen, doch schon parkt ein grüner Fiat Punto auf dem Parkplatz davor. Fabian „Fa“ Oberhofer, der Drummer der Band, steigt aus. 

 

 

Charismatischer Frontmensch

Während Fa sein Schlagzeug aufbaut, erzählt er mir, dass er momentan im Ahrntal wohnt. Er arbeitet dort für eine Catering Firma, die das Essen für den Drehort eines Spielfilms bereitstellt, der dort momentan gedreht wird. Hollywoodschauspieler Jean Reno ist der Star des Films. Fa begutachtet seinen Finger: „Ich habe mir den Mittelfinger verletzt. Hoffentlich schaffe ich es, heute zu spielen, sonst bist du am Ende noch umsonst den ganzen Weg hierher gefahren“, meint er und bearbeitet ein wenig sein Schlagzeug. Nach ein paar Minuten öffenet sich die Tür. Der nächste Musiker ist da. Jakob „Chuck” Putzer, heißt er. Charismatischer Frontmensch und Charakterkopf der Band. Der 19-jährige Herr ist mit einer teufelsgleichen Stimme gesegnet. Er packt seine zackige Gitarre aus, steckt sie an den Verstärker, verstellt noch ein wenig die Regler und reißt dann auch gleich ein superschnelles Gitarrenriff runter. „Zum Aufwärmen”, wie er meint.

Als nun auch René Gerstgrasser, der Bassist der Band, angekommen ist, seine Bassgitarre nun auch mit dem Verstärker verbunden und Fa sich am Schlagzeug eingespielt hat, geht es los. Die Brutal Death Metaler zeigen sich von ihrer bösen Seite. „Dead politicians are better than living betrayers“ wird angestimmt. Fa bearbeitet sein Schlagzeug mit einer unglaublichen Geschwindigkeit und Präzision. Das Einzige, das die ganze Sache noch toppt, ist das Gitarrenspiel von Chuck. Während er seine monströsen „Growls“ (eine Gesangstechnik, bei der eine besondere Kehlkopftechnik zur Anwendung kommt) hören lässt, spielt er in einer schier unfassbaren Genauigkeit und Geschwindigkeit seine Gitarre. Die Songs dauern alle nicht lange, lehnt sich die Musikrichtung ja grob an den Punk an.

Misanthropic Massacre

Es zählt zur Stilistik einer Brutal Death Metal Band, dass der Tod und das Leiden ihr ständiger Begleiter sind. So erklärt sich auch das krasse Cover der CD von Meat Devourer, die mir Chuck aushändigt. Das Album trägt den Namen „Misanthropic Massacre“. Der Titel hält, was er verspricht. Songs wie „Festing through the Mutilated“ oder „Stabbing a Virgin“ sind da nur die Spitze des Eisberges. Auf dem Cover findet sich eine Szene, die aus einem Snuff-Film stammen könnte. Das sind Filme, in denen zur Unterhaltung des Zuschauers, die Ermordung eines Lebewesens aufgezeichnet wird. Natürlich ist bei der Aufzeichnung des Covers keiner zu Schaden gekommen, stellen die Bandmitglieder klar. Vielmehr solle die ganze Sache provozieren.

Als ich Chuck frage, ob sie sich denn als den modernen Punk sehen, antwortet er mir: „Nein, Punk und Rebellion findet man in der heutigen Gesellschaft eher in Discos und bei Trendsettern wieder“, und spielt damit auf die „Verpopung” der heutigen Punkmusik an. Es gebe nur mehr wenig, das schockiert und zum Nachdenken anregt. In Zeiten, in denen die Punkrockband „The Ramones” mehr T-Shirts als Alben verkauft hat, ist der Aufschrei nach einem alternativen Sprachrohr natürlich groß. Chuck erklärt weiter: „Wir machen Musik, die uns gefällt. Natürlich wollen wir dabei auch provozieren. Es sollte jedem klar sein, dass wir Songs wie „Stabbing a Virgin” nicht ernst meinen. Was uns aber wichtig ist, ist, dass wir mit unseren Songs auf gesellschaftskritische Themen eingehen und wir unseren Zuhörern eine Message mitgeben können“ so der Rotschopf, bevor er und seine zwei Kollegen mir weitere Kostproben ihrer brutalen Musik geben.

Latest News: Gestern ließ Meat Devourer über Facebook den Ausstieg von Bassist René verlauten. Die Band soll aber weiterbestehen. 

Thomas Tribus

Als Studierender schreibt, filmt und fotografiert er für mehrere Redaktionen dies- und jenseits der Alpen. Liebt gutes Essen und gute Musik.
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