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Jobs, Zuckerberg und ein Bozner

Blitze im Web

FlashBeing ist das erste Real Network. Eine Online-Revolution aus der Feder eines 19-jährigen Bozners: Wer der Kopf dahinter ist und was sein Produkt alles kann.

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Bild: Flashbeing

Wenn bei Matteo Biasi in den letzten Wochen und Monaten das Telefon klingelte und ein Freund fragte, ob er etwas unternehmen wolle, sagte er Nein. Er ging abends nicht feiern und fuhr nicht mit Freunden in den Urlaub. Er saß von morgens um acht bis nachts um drei vor seinen Bildschirmen und arbeitete für seinen Traum. Biasi ist 19 Jahre alt. Das ideale Alter, um zu träumen, seine Träume auf die Zukunft zu verschieben und mit Freunden feiern zu gehen.

Am 17. September hat Biasi Geburtstag. Mit zwanzig Jahren kann er dann sagen, dass er auf den Tag genau drei Monate zuvor auf der Bühne der Eurac stand und seinen real gewordenen Traum präsentierte: FlashBeing, eine Plattform, die alle Online-Funktionen in einem Produkt vereint.
Er kann sagen, dass er die 200.000 Euro, die ihm eine Mailänder Investorengruppe anvertraut hatte, nicht in den nächsten Urlaub, sondern in seinen Traum gesteckt hat. Dass er wie Apple-Mitbegründer Steve Jobs vor großer Leinwand sein Produkt präsentierte – eines, das es so noch nicht gegeben hat. Dass er wie Marc Zuckerberg den visionären Jungunternehmer verkörpert – abgesehen davon, dass der Facebook-Gründer am Beginn seiner Karriere schon zwanzig war.


Biasi hört den Vergleich mit Zuckerberg nicht gerne – nicht nur deshalb, weil der als introvertiert und verschlossen gilt: „FlashBeing ist nicht vergleichbar mit Facebook oder Twitter. Es definiert eine neue Produktkategorie. Deshalb haben wir es Real Network genannt. Sicher hat es Funktionen, die auch Facebook hat, dazu gehört der soziale Part, aber das ist ein kleiner Teil davon. Auf Facebook habe ich nicht die Möglichkeit, Videos zu sehen, Musik zu hören, ein Hotel zu buchen oder direkt von einem Restaurant zu bestellen.“ Denn das alles kann sein Real Network. FlashBeing will verhindern, dass wir zehn Apps mit unterschiedlichen Funktionen benutzen oder unzählige Tabs im Browser öffnen. Es will eine neue Art des Internet-Surfens initiieren, die Zeit und Datenverkehr spart, weil alles an einem Ort vereint ist.

„Das schwierigste ist, den Leuten FlashBeing verständlich zu machen. Viele sagen, das ist doch ein soziales Netzwerk. Ist es aber nicht“, erklärt Biasi. Auch mir fällt es schwer, in FlashBeing nicht nur das x-te soziale Netzwerk zu sehen. Ich muss es also selbst ausprobieren.

Weniger Zeit, weniger Daten

Biasi nützt neben Google nur mehr FlashBeing: Kein Facebook, keine Online-Nachrichtenseite, kein Youtube, keinen Wetterdienst. Eine ungewöhnliche Vorstellung. „Tippe ein, was du brauchst“ steht nach der ersten Registrierung rechts oben im Fenster. Ich tippe also „Gone Girl“ ein und sofort erscheint ein Wikipedia-Eintrag mit Informationen zum neuen Film von David Fincher, den ich mir abends im Kino anschaue. Ich tippe „Video Gone Girl“ und der Trailer erscheint. Ich versuche es noch einmal, zuerst mit „Music Beatsteaks“, dann mit „Wetter Bozen“. Mir werden eine Liste von Musikvideos der Beatsteaks und dann die Wetterprognose für Bozen angezeigt. Gebe ich „News Politik“ ein, werden mir die neuesten politischen Nachrichten präsentiert. FlashBeing holt sich die Informationen dafür direkt von der Ursprungsseite, etwa über RSS-Feeds, und muss dazu nichts auf seinem Server speichern.
Ich muss zwar nachlesen, in welcher Form ich Suchbefehle eingeben muss, bekomme aber schnell das, wonach ich suche.

„‚Flash sein‘ im Web bedeutet, im realen Leben menschlich zu sein.“

Schnelligkeit ist das Stichwort und erklärt auch den Namen „flash“ – also Blitz. Die Plattform synchronisiert in Echtzeit, der User kann sehen, was seine Freunde im gleichen Moment machen, und er kann „Flashs“ teilen: ein Begriff, der die Begriffe „Tweet“ oder „Post“ ersetzt. Mit dem Unterschied, dass ein Flash zeitgleich über Facebook und Twitter veröffentlicht werden kann und noch dazu verrät, wie viele Freunde man damit erreicht hat. Benötigen wir bei Suchvorgängen im normalen Browser drei Minuten, so braucht FlashBeing dafür nur 20 Sekunden, demonstriert Biasi in seiner Präsentation in der Eurac, die auch auf Youtube zu finden ist. Mit FlashBeing spare sich der User 90 Prozent an Zeit und reduziere den Datenverkehr um 95 Prozent.

„‚Flash sein‘ im Web bedeutet, im realen Leben menschlich zu sein,“ erklärt Biasi. Denn seine Plattform soll uns nicht nur mehr Zeit im realen Leben schenken, sie schafft auch eine Verbindung zur Online-Welt. So können User beispielsweise via QR-Code bei einem Event einchecken. Damit erhalten sie allgemeine Informationen zur Veranstaltung, sehen aber auch, welche Freunde anwesend sind, solange das die Privatsphäre-Einstellungen zulassen. Das Real Network soll es Nutzern ermöglichen, mit dem Smartphone ein Hotel zu buchen und im selben Hotel via QR-Code einzuchecken oder aber einen Tisch im Restaurant zu reservieren und dort dann direkt online von der Menükarte zu bestellen.
Damit die Funktionen des Real Network voll genutzt werden können, müssen die Macher vermehrt am Marketing arbeiten. Biasi hat sechs Monate lang Informatik studiert. Im April brach er das Studium ab und widmete sich bis zum Launch ganz seinem Projekt. Und das war erst der Anfang. Er und sein Team haben mit FlashBeing noch einiges vor.

„Wir erwarten uns 100.000 Nutzer bis zum Ende des Jahres.“

Hat Biasi die ersten beiden Jahre noch alleine an seinem Traum getüftelt, kamen im September 2013 Julian Ansaloni und Marco Mondini dazu. Heute sind es etwa ein Dutzend junger Leute, die stundenlang diskutieren, welches Weiß für den Hintergrund der Seite verwendet werden soll, die vor kurzem eine FlashBeing-App auf den Markt gebracht haben und die in den nächsten sechs Monaten das Sprachangebot der Plattform von Deutsch, Italienisch und Englisch um Spanisch, Französisch, Russisch und Chinesisch erweitern wollen.
FlashBeing soll so vielen Menschen wie möglich zugänglich sein. Nach dem Launch in der Eurac meldeten sich 1.000 neue User binnen zwölf Stunden an. In zwei Tagen erreichte die Plattform 2.400 Anmeldungen. Heute sind es 3.500. „Wir erwarten uns 100.000 Nutzer bis zum Ende des Jahres“, sagt Biasi.

Gewohnheitstiere und Visionäre

FlashBeing ist mehr als nur eines von vielen sozialen Netzwerken, die mittlerweile Teil unseres Alltags geworden sind. Es ist ein ganz neues Produkt, das ein verändertes Denken erfordert. Die Bedienung der Seite ist intuitiv, die grafische Darstellung reduziert. Das erleichtert die Orientierung. Trotzdem werde ich nach den ersten Versuchen in dieser neuen Online-Welt noch etwas Zeit brauchen, um mich darin vollkommen zurecht zu finden. Aber schließlich haben auch Steve Jobs und Marc Zuckerberg ihre Zeit gebraucht, um Gewohnheitstiere wie mich von ihren visionären Ideen zu überzeugen.


„Rückblickend denke ich mir, dass unsere Investoren verrückt gewesen sind, in FlashBeing zu investieren“, lacht der Jungunternehmer heute. Zu einem Zeitpunkt, als es noch keine Gesellschaft gab, keine Marke, kein Patent, nur die nackte Idee: die Idee eines 19-Jährigen. Ob er nie Zweifel gehabt hätte, ob er in den letzten Monaten nie müde geworden sei, immer Nein zu sagen? Sicher, auch ihm sei die viele Arbeit manchmal auf die Nerven gegangen, aber: „Mit dem Ehrgeiz, den ich habe, würde ich heute nichts anders machen. Ich sage nicht: Hätte ich mal lieber den Sommer genossen.“

Irina Ladurner

lebt in Wien. Ausgezogen, um die Welt kennen zu lernen. In Wien die (Südtiroler) Heimat gefunden. Mag den Südtiroler Exotenbonus, das Wiener Dorf und die Rückkehr in die eine oder andere Heimat.
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