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Blick ins Kino

„Die Kinokultur war im Grunde schon tot“, sagt die Cineplexx-Geschäftsführerin. Ein Ausflug in die Südtiroler Kinolandschaft.

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Bild: Oliver Oppitz

Popcorn gibt es keines, so richtig dunkel wird es nicht und der Saal erinnert eher an die letzte Schulveranstaltung als an ein Kino. Es ist Freitag in Meran. Über die Leinwand flimmert das Panorama der Drei Zinnen. Til Schweiger kommt ins Bild, es läuft „Honig im Kopf“. Seit Dezember 2014 bespielt der Filmclub an vier Tagen in der Woche die Aula Magna der Handelsoberschule Meran. Nach fünf Jahren hat die Stadt damit ihr Kino wieder. Sieben von ihnen gab es einmal in den 70er-Jahren, 2009 musste mit dem Apollo-Kino das letzte das Feld räumen.

Im selben Jahr stampfte man an anderer Stelle in Südtirol ein Kino aus dem Boden. „Die Kinokultur war aufgrund des fehlenden Angebots im Grunde schon tot. Mittlerweile haben wir sie hoffentlich wiederbelebt“, sagt die Geschäftsführerin des Bozner Cineplexx, Marlene Sebastiani. Mit dem ersten ausländischen Ableger des österreichischen Kinogiganten bekam die Landeshauptstadt einen Kinotempel, der vor allem Blockbuster und Mainstream-Filme im Programm hat. Sieben Säle, 2.000 Quadratmeter und Platz für 1.500 Besucher, das sind die Eckdaten dieses modernen Kinos am Bozner Stadtrand.

Ein Rundgang durchs Archiv

Mitten in der Altstadt von Bozen besetzt der Filmclub seit bald vier Jahrzehnten seinen angestammten Platz. Filmclub-Gründer Martin Kaufmann steht zwischen alten Filmrollen, die übereinandergestapelt das Archiv des Kinos füllen. „Die nackte Kanone“ liegt da unter Staubschichten neben „Das Wunder von Bern“. „Die Deutschen haben oft gesagt: Die Zeit ist bei uns vorbei, die Filme könnt ihr behalten und wir waren froh darüber“, erklärt er. Bis vor wenigen Jahren musste man zwei, drei Wochen warten, bis die Filmkopien nach Bozen kamen. Mit der Digitalisierung wurden sie sofort verfügbar. Am anderen Ende des Raumes thront ein 20.000 Euro teurer Projektor. 2011 erst hat man ihn fürs Capitol gekauft. Die Digitalisierung verbannte ihn ins Archiv. „Nicht einmal Sammler haben mehr Interesse an solchen alten Projektoren, die haben jetzt Blu-rays“, sagt Kaufmann.

Ist Kino im Zeitalter von Blu-ray und Heimkino überhaupt noch attraktiv? „Das Kino ist immer abhängig von den Filmen. Wenn kein guter Film läuft, dann kommen die Leute auch nicht“, erklärt Sebastiani. Für sie läuft das Kinojahr gut, wenn Filme wie „Avatar“ starten. 40.000 Besucher brachte der 3D-Film dem Cineplexx ein, bei aktuell etwa 400.000 Besuchern im Jahr. 2014 war „Vaterfreuden“ der Renner unter den deutschsprachigen Besuchern, „Hobbit“ und „Die Tribute von Panem“ lockten beide Sprachgruppen ins Kino. Und was für das Mainstream-Kino gilt, gilt auch für die kleineren Kinos und die Filmclubs im Land. „Es sind im Jahr drei bis vier Filme, die uns wirklich nach oben ziehen. Da marschieren auf einmal alle auf und wir kommen auf ein paar tausend Besucher“, sagt Kaufmann. „Das Finstere Tal“ war 2014 mit 4.500 Besuchern der erfolgreichste Film im Bozner Programmkino. Bleiben diese Erfolge aus, spüren das auch die Südtiroler Kinos.

Werbung fürs Kino

Die Südtiroler Kinos, das sind neben den beiden Bozner Kinos der Filmtreff Kaltern, das Stella-Kino in Brixen, das Odeon in Bruneck und eine Reihe von Außenstellen des Filmclubs: Neben Bozen und Meran sind diese in Schlanders, Brixen, Neumarkt, Bruneck und Sterzing zu finden. Der Filmclub arbeitet dafür mit Freiwilligen, Filme werden meist nur an einigen wenigen Tagen in der Woche gezeigt. Manchen Kinobesuchern in Sterzing ist das zu wenig. Sie sehen sich die neuesten Filme vielfach lieber in Innsbruck an.

„Wenn ich früher einen Klassiker gezeigt habe, kamen 20 Zuseher. Jetzt kommen 80“, sagt Kaufmann.

„Heuer wird ein gutes Jahr. Zumindest fängt es gut an: Honig im Kopf und Fifty Shades of Grey, das sind ganz starke Filme“, erklärt Sebastiani. Auch Kaufmann meint dazu: „Wenn wir Fifty Shades of Grey kriegen würden, dann würden wir ihn vielleicht auch zeigen. Das sind Filme, die bevor sie ins Kino kommen schon in aller Munde sind.”. Er weiß, wie wichtig mediale Aufmerksamkeit fürs Kino ist: Jeden Mittwoch zeigt der Filmclub einen Film in der Reihe „Specials“. Die Cineteca von Bologna restauriert Kopien alter Klassiker, die heimischen Kinos spielen sie; auch der Filmclub. Medien wie die Rai, die Repubblica oder der Corriere della Sera berichten groß darüber – mit Erfolg. „Wenn ich früher einen Klassiker gezeigt habe, kamen 20 Zuseher. Jetzt kommen 80“, sagt Kaufmann.

Platz fürs Kino

Der Abspann des Til-Schweiger-Films läuft, der Saal leert sich. Lange bleiben die Meraner nicht sitzen in ihrem neuen Teilzeit-Kino. Sie stehen draußen und lassen den Film Revue passieren. Mit 150.000 Euro hat die Filmförderung der Business Location Südtirol „Honig im Kopf“ unterstützt. Die Drei Zinnen, der Bahnhof von Toblach oder der Toblacher See: Südtirol auf großer Leinwand, das ist die Werbung, von der nicht nur die Hoteliers profitieren. Til Schweigers Film, er lief schon auf allen Kinoleinwänden im Land.

„Das neue Meraner Kino wird angenommen, es läuft erstaunlich gut gerade“, resümiert Kaufmann. In seiner Blütezeit hatte Südtirol einmal 40 Kinos. Die meisten von ihnen sperrten in den 90er-Jahren zu. 2009 öffnete das Cineplexx, vor kurzem bekam Meran sein Kino wieder. Es gibt wohl immer einen Platz fürs Kino.

Irina Ladurner

lebt und studiert in Wien. Ausgezogen, um die Welt kennen zu lernen. In Wien die (Südtiroler) Heimat gefunden. Mag den Südtiroler Exotenbonus, das Wiener Dorf und die Rückkehr in die eine oder andere Heimat.
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Unterwegs in der Südtiroler Kinolandschaft und auf den Spuren jener Menschen, die das Kino und den Film in Südtirol prägen und mitgestalten.

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