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Bittere Schokolade

Wenn Kinderarbeit im Osterhasen steckt. Das zebra.-Interview mit Bernhard Zeilinger über (un)faire Kakaoproduktion, (un)gerechte Löhne und Ausbeutung.

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Bild: Bernhard Zeilinger

Osterzeit ist Schokoladezeit. Große Unternehmen überschlagen sich im Produzieren und Verzieren von Osterhasen. An goldenen Schokohasen klimpern Glöckchen, innen aber steckt Kinderarbeit. Bernhard Zeilinger war drei Jahre lang Südwind-Koordinator für die Kampagne „Make Chocolate Fair!“ Er hat auf den Kakaofeldern der Elfenbeinküste und von Ghana recherchiert und in der europäischen Schokoladebranche für fairere Bedingungen lobbyiert.

Bernhard Zeilinger
Sie haben jahrelang für faire Anbaubedingungen auf Kakaofeldern gekämpft. Was hat sich verändert?
Bernhard Zeilinger:
Wir beobachten eine zunehmende Sensibilisierung unter den Bürger*innen und ein gestiegenes Interesse der Medien. Vielen Menschen sind inzwischen die Probleme rund um die Verarmung der Kakaobäuerinnen und -bauern, der Einsatz von Kindersklaven und miserable Bedingungen für Landarbeiter*innen bekannt. Der Grund dafür sind vor allem wissenschaftliche Studien der Tulane Universität aus den USA und des VOICE Netzwerkes sowie Reportagen von vor Ort: Der Einsatz von Kindersklaven ist weitverbreitete Praxis in den Kakaoanbauländern Ghana und Elfenbeinküste und hängt unmittelbar mit der Verarmung von Kakaobauern zusammen.

Was ist der Unterschied zwischen konventioneller und fairer Schokolade?
In den 1980er-Jahren kam es aufgrund des Washington Consensus - eines Bündels an wirtschaftspolitischen Maßnahmen des IWF und der Weltbank - zu einem rapiden Preisverfall für viele landwirtschaftliche Güter in den Ländern des globalen Südens. So ist der Verkaufspreis für Kakao innerhalb von zehn Jahren um die Hälfte gefallen. Haben Kakaobäuerinnen und -bauern vorher aus dem Erlös ihres Anbaus gut für sich und ihre Familien sorgen können, bedeutete der immense Preisverfall, dass heute neun von zehn Kakaobäuerinnen und -bauern unter der Armutsgrenze leben und mit rund einem Euro am Tag auskommen müssen. Das durchschnittliche Tageseinkommen in der Elfenbeinküste liegt bei 0,50 USD und in Ghana bei 0,84 USD. Diese beiden Länder sind auch die größten Exportländer von Kakao. Elfenbeinküste liefert 38 Prozent und Ghana 22 Prozent der weltweiten Kakaobohnen.

Was wurde dagegen unternommen?
Als Reaktion auf diese Missstände haben sich Faire Handelsbewegungen gegründet, die dem ausbeuterischen konventionellen Handel eine existenzsichernde Alternative gegenüberstellen wollten. Daraus entwickelte sich zum Beispiel Fairtrade. Fairtrade unterstützt die Kakaobauern durch Prämien und Schulungen, um die Praxis des Anbaus zu verbessern. Mit Prämienzahlungen erhalten sie zusätzliche Geldmittel, um den Aufbau von Infrastruktur, Straßen, Schulen, Brunnen und neuen Setzlingen zu finanzieren. Dafür hebt Fairtrade bei den Schokoladeproduzent*innen einen Preisaufschlag ein. Dieser beträgt bei einer herkömmlichen 100-Gramm-Tafel Milchschokolade rund zwei Cent. Doch diese zwei Cent bedeuten für den*die Kakaobauern*in eine Erhöhung des Erlöses von 20 Prozent.

Ist der Preisunterschied beim Schokoladen-Endprodukt groß?
Nein, der Preisunterschied zwischen konventioneller und fair gehandelter Schokolade ist für die Konsument*innen gering. Für die Kakaobäuerinnen und -bauern und ihre Familien bedeutet Fairer Handel jedoch die Chance auf ein Leben in Würde. Darüber hinaus initiierte Fairtrade etliche Programme zur Bekämpfung von Kinderarbeit.

Oft steht der Vorwurf im Raum, dass nicht genügend fair gehandelte Kakaobohnen zur Verfügung stünden, um Großabnehmer zu bedienen.
Multis wie Mars und Nestlé haben durch ihre Umstellung auf faire Bohnen in Großbritannien gezeigt, dass das möglich ist. Fakt ist, dass Fairtrade-zertifizierte Kakaobauern aktuell durchschnittlich nur 40 Prozent ihrer geernteten Kakaobohnen als Fairtrade verkaufen können. Es gibt also aktuell ein Überangebot, 60 Prozent müssen trotz Zertifizierung am Weltmarkt zu einem niederen Preis verkauft werden.

Jede dritte Bohne kommt aus der Elfenbeinküste. Sie waren im Dezember dort. Unter welchen Bedingungen wird Kakao angebaut?
Beim unserem Besuch bei Kakaobauern rund um das Dorf Tiemokokro nördlich des größten städtischen Ballungsraums der Elfenbeinküste Abidjan wurde schnell klar, wo die Probleme liegen: Während der Weltmarktpreis für Kakao sich seit den 1980er-Jahren real halbiert hat, sind die Kosten für die Produktion enorm gestiegen. Da der Kakaobaum sehr krankheitsanfällig ist, braucht es das ganze Jahr über umfassende Pflege. Der Anbau von Kakao ist daher sehr arbeits- und pflegeintensiv. In Tiemokokro sind alle Kakaobauern bei einer FAIRTRADE Kooperative. Sie erhalten Schulungen zur Verbesserung ihrer Anbaupraxis und Prämien. Damit konnte bisher eine Schule errichtet werden. Es ist die einzige in dieser Region.

Bernhard Zeilinger
Werden bei der Ernte und Pflege Maschinen eingesetzt?
Noch immer wird die Arbeit auf den Kakaofeldern per Hand erledigt: Kakaoschoten werden mit Hilfe von Macheten von den Bäumen abgeschlagen. Frauen tragen sie meist in riesigen bis zu 50 Kilogramm schweren Säcken zu den Sammelstellen. Dann werden die Schoten mit Macheten aufgehackt, um die Kakaobohnen für die Fermentierung freizulegen. Das Fermentieren geschieht im Freien, wobei die Kakaobohnen für sieben Tage in Bananenblätter eingewickelt werden. Dieser Prozess ist sehr heikel und entscheidend für die Qualität. Die Temperatur muss ständig kontrolliert werden, um ein Überhitzen und dadurch das Verderben der Bohnen zu verhindern. Anschließend werden die Kakaobohnen zur Trocknung am Dorfplatz auf großen Tischen ausgelegt und laufend gewendet. Hier erfolgt auch die Selektion von qualitativ minderwertigen Kakaobohnen.

Warum exportieren die Anbauländer nur Rohware und kaum fertige Schokolade?
Die Kakaobohne ist von ihrer Geschichte her ein klassisches Kolonialgut. Der Kakaobaum wurde aus Zentralamerika in Westafrika heimisch gemacht und dort von den Kolonialmächten für den europäischen Markt angebaut. Alle Verarbeitungsschritte von der Vermahlung bis zur Schokolade werden heute in europäischen Fabriken durchgeführt. So bleibt umgerechnet 87 Prozent der Wertschöpfung in Europa. Die Kakaobauern bekommen vom Verkaufspreis einer 100-Gramm-Tafel Milchschokolade nur 6,6 Prozent. 1980 betrug dieser Anteil noch 16 Prozent. Vor allem die Supermärkte beanspruchen einen immer größeren Anteil für sich: Er beträgt über 45 Prozent. Auf die Schokoladeunternehmen entfallen zirka 35 Prozent. Es gibt aber Versuche, Verarbeitungsschritte in die Anbauländer zu verlegen. So würden mehr finanzielle Mittel im Land bleiben. In der Elfenbeinküste und in Ghana wurden einzelne Kakaomühlen in Betrieb genommen. Im Mai 2015 eröffnete in der Elfenbeinküste die erste Schokoladefabrik.

„In Westafrika arbeitet jedes dritte Kind zwischen fünf und 17 Jahren im Kakaoanbau, also über zwei Millionen Kinder!”

Häufig hört man von Kinderarbeit und Versklavung. Was hat es damit auf sich?
Kinderarbeit spielt eine große Rolle, vor allem um Kosten für Lohnarbeiter*innen zu sparen und somit das Familieneinkommen zu erhöhen. In Westafrika arbeitet jedes dritte Kind zwischen fünf und 17 Jahren im Kakaoanbau, also über zwei Millionen Kinder! Das Phänomen der Kinderarbeit ist zwar nicht neu, jedoch hat die Form der missbräuchlichen Kinderarbeit stark zugenommen. So werden häufig Kinder aus Burkina Faso und Mali durch Menschenhändler versklavt und an Kakaobauern verkauft. Dabei haben schon 2001 viele Schokoladenkonzerne erstmals versprochen, entschieden gegen Kinderarbeit vorzugehen. Diesem Versprechen folgte 2010 mangels Erfolg eine Selbstverpflichtung der namhaften Schokoladenkonzerne: Sie verpflichten sich, ab 2020 keine Kakaobohnen mehr aus Betrieben mit Kinderarbeit zu kaufen. Wie die Unternehmen dies erreichen wollen, bleibt weitgehend unklar. Noch immer fehlt es an umfassenden Kontrollen vor Ort.

Welche Arbeiten müssen die Kinder verrichten?
2014 gaben bei der Untersuchung der US-amerikanischen Tulane-Universität 90 Prozent der befragten Kinder an, regelmäßig gesundheitsgefährdende Tätigkeiten zu verrichten. Dazu zählen unter anderem das Schleppen von schweren Kakaosäcken, der Umgang mit Pestiziden und lange Arbeitszeiten. Das alles sind Tätigkeiten, die laut Internationaler Labour Organisation für unter 17-Jährige strengstens verboten sind. Während in der Elfenbeinküste die Anzahl von Kindern in gesundheitsgefährdenden Arbeitsverhältnissen zwischen 2008/09 und 2013/14 um 46 Prozent stieg, ist der Anteil in Ghana um etwa sechs Prozent gesunken.

Bild: Bernhard Zeilinger

Und wie sieht es derzeit mit den Kakaobohnen-Preisen aus?
Während die Nachfrage nach Kakaobohnen seit Jahren steigt, stagnieren die Ernten. Vermutlich wird die Nachfrage spätestens im Jahr 2020 unter den aktuellen Bedingungen nicht mehr gedeckt werden können. Aufgrund der drohenden Verknappung steigen die Preise an den Börsen nun kontinuierlich an. Bei den Kakaobauern kommt diese Preissteigerung nur mit erheblicher Verzögerung an. Profiteure sind hauptsächlich die Händler. In Anbetracht dieser Situation initiieren Schokoladenunternehmen aktuell unzählige Programme, die den Bauern helfen sollen, ihre Erntemengen zu erhöhen: Dazu gehört neben der Ausdehnung der Anbauflächen auf Kosten der Regenwälder der Einsatz von Düngemitteln und Chemikalien. Viel Geld fließt außerdem in die Forschung. Diese ertragssteigernden Maßnahmen  versprechen den  Kakaobauern langfristig keine Erhöhung ihres Einkommens.

Was muss sich für die Anbauer*innen ändern, damit künftig genügend Rohware auf den Markt kommt?
Wir essen heute Schokolade zu Preisen wie vor 40 Jahren. Längst ist Schokolade kein Luxusgut mehr, das man sich hin und wieder zur Belohnung gönnt. Heute wird Schokolade zu billigsten Preise verschleudert. 21,2 Millionen Kilo Schokolade haben die Österreich*innen allein im Jahr 2014 verputzt und dafür 176 Millionen Euro ausgegeben. Unsere billige Schokolade ist nur möglich geworden, weil Kakaobauern über Jahrzehnte ausgebeutet wurden. Wir sollten Schokolade viel mehr wertschätzen, weniger und dafür fair gehandelte und qualitativ hochwertige Produkte genießen. Ich trete daher strikt gegen eine weitere Ausdehnung der Produktion ein und fordere stattdessen eine angemessene Bezahlung.

Sie haben verschiedene Gespräche mit den großen Schokoplayern in Europa geführt. Gibt es Bestrebungen für die Beschaffung fairer Bohnen?
Viele heimische Schokoladenhersteller*innen haben uns ihr Versprechen gegeben, bis 2020 nur mehr nachhaltig produzierte und fair gehandelte Kakaobohnen zu verarbeiten. Hier einige Erfolge: Manner hat 2012 die „Mannerschnitte“ auf UTZ (Gütesiegel für nachhaltigen Anbau von Agrarprodukten) und mit April 2015 die „Casali-Schokobananen“ auf FAIRTRADE umgestellt. Hofer produziert seit 2012 teilweise unter UTZ und FAIRTRADE-Standards. Außerdem haben Heindl und Heidi Chocolat einige Marken auf FAIRTRADE-Kakao umgestellt. Auch die beiden größten Schokoladenanbieter am österreichischen Markt, Milka (Mondelez) und Lindt&Sprüngli, haben kürzlich Programme zur Unterstützung der Kakaobäuerinnen und -bauern und zur Bekämpfung der Kinderarbeit initiiert. Erstaunlich: Im Dezember 2015 gab der Dachverband der europäischen Schokoladenindustrie CAOBISCO zum ersten Mal öffentlich bekannt, sich an der Berechnung eines existenzsichernden Einkommens für Kakaobauernfamilien zu beteiligen.

Ist Bio im Kakaoanbau möglich?
Ursprünglich war der Kakaoanbau zu 100 Prozent ökologisch. Aufgrund des Preisverfalls verwenden nun immer mehr Kakaobauern Chemikalien. Dabei setzen sie sich und ihren Familien großen Gesundheitsrisiken aus, da die Handhabe mit Chemikalien Großteils ohne Schutzmaßnahmen erfolgt. Außerdem werden die leeren Spritzmittelbehälter nach Gebrauch häufig als Behälter für Lebensmittel und Trinkwasser benutzt, da die Gefahr dieser chemischen Substanzen nicht bekannt ist.

Essen Sie Schokolade?  
Ich esse sehr gerne Schokolade. Zu einem guten Essen gehört für mich ein Stück zum gelingenden Abschluss. Und ich oute mich als Fan von Zotter-Schokolade: Vor allem die Vielfalt an fair-gehandelter Schokolade macht jeden Genuss zum Erlebnis.

Von Verena Gschnell

Der Text erschien erstmals in der 15. Ausgabe von „zebra.”, März 2016.

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