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Wie Boccia, nur auf Eis

In wenigen Tagen beginnt die Eisstock-WM am Ritten. BARFUSS hat die Südtiroler Nationalspieler im Eisstockschießen besucht und den Sport im Selbstversuch getestet.

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Karl Abfalterer

Bild: Petra Schwienbacher

Mit meinem rechten Fuß stütze ich mich an der Eisenhalterung am Boden ab und nehme den Stock mit der schweren Scheibe dran in die Hand. Ein bisschen fühlt er sich wie der Ganghebel eines Autos an. Fest umklammert hole ich damit aus und schwinge ihn vor und zurück. Einmal, zweimal. Beim dritten Mal strecke ich den Arm durch und schleudere den Stock über das aufgeraute Eis. Ein dumpfes Geräusch, die Scheibe rauscht über den eisigen Platz und bleibt in seiner Mitte liegen. Die Männer neben mir, die dem Spektakel gespannt zugesehen haben, lachen. „Das war gar nicht mal so schlecht“, sagt einer. „Normalerweise rutscht die Scheibe nicht so weit.“ Ich freue mich. Das war es also, mein erstes Mal Eisstockschießen. Zugegeben wusste ich vor dem heutigen Tag nicht mal genau, wie der Sport funktioniert, sondern nur, dass er Curling ähnlich ist.

Eisstockschießen sieht leichter aus als es ist – das habe ich im Selbstversuch erfahren.

Bild: Petra Schwienbacher

Ich stehe am Rand der Eisarena in Brixen. Die Männer neben mir sind Nationalspieler im Eisstockschießen: Karl Abfalterer und Markus Niederkofler aus Luttach, Matthias Morandell aus Kaltern und Reinhold Oberhammer aus Pichl-Gsies. Wie jedes Jahr nach der Italienmeisterschaft hat Herrenfachwart Hans Hofer das Team eigens für die anstehende Weltmeisterschaft zusammengestellt. Die findet vom 17. bis zum 28. Februar auf dem Ritten statt. Heute trainieren die vier Sportler zum ersten Mal in dieser Saison gemeinsam.

Präzisionsarbeit

Bei Karl Abfalterer sieht das Eisstockschießen natürlich anders aus als bei mir. Er nimmt einen Stock in die Hand und visiert die Daube an – die runde schwarze Scheibe, die aussieht wie ein Eishockeypuk und zu Beginn des Spiel auf das Mittelkreuz gelegt wird. Er konzentriert sich, holt Schwung und lässt den Eisstock gekonnt übers Eis gleiten, bis er kurz vor der Daube zu liegen kommt. Präzisionsarbeit, die er sich in den vergangenen Jahren angeeignet hat.

„Zu Beginn muss man vor allem darauf achten, den Stock schön aufs Eis aufzulegen. Man muss ein Gefühl dafür entwickeln, wo man ihn platzieren und welchen Stock des Gegners man wegschießen muss. Der Rest kommt mit der Zeit“, erklärt der 46-Jährige im typischen Ahrntaler Dialekt. Klingt einfacher, als es ist.

„Beim Eisstockschießen kommt es vor allem auf die Taktik an.“

Beim Eisstockschießen gibt es zwei Wettbewerbe: Das Ziel- und das Stockschießen, also den Einzelwettbewerb und die Mannschaftsdisziplin, in der Abfalterer und sein Team antreten. Die Herren dürfen nur an jeweils einer der beiden Disziplinen teilnehmen. Bei den Damen ist das anders, weil wenige Frauen den Sport ausüben.

Beim Mannschaftssport treten zwei Mannschaften zu je vier Spielern gegeneinander an. Dabei versucht jeder Spieler pro Durchgang, den Stock so nahe wie möglich an der Daube zu platzieren. Im Fachjargon nennt sich das „Kehre“. Gegnerische Stöcke dürfen dabei aus dem Zielfeld geschossen werden, das mit roten Ringen unter dem Eis markiert ist. Ein Spiel besteht aus sechs Kehren und jede wird von einem anderen Spieler durchgeführt. Beim Training heute gilt das nicht, hier spielen die Herren ausnahmsweise zwei gegen zwei und jeder benutzt zwei Stöcke. „Das Prinzip bleibt aber dasselbe“, erklärt Abfalterer, während Oberhammer sich den Stock schnappt.

Jeder hat seine eigenen Stöcke und Platten zum Austauschen.

Bild: Petra Schwienbacher

Der Sportler schraubt die Scheibe ab – es gibt verschieden starke – und bringt eine andere an. Damit kickt er Abfalterers Stock aus dem Feld. Treffer. So geht es weiter. Jeder der vier Spieler platziert seine Stöcke und schießt hie und da einen Stock aus dem Feld. Die Abstände zur Daube markieren dabei die gewonnenen Punkte. Zehn, acht, sechs zählen sie nach außen hin.

„Beim Eisstockschießen kommt es vor allem auf die Taktik an“, erklärt Abfalterer. Es sei so ähnlich wie beim Boccia-Spielen, wo man ein Spiel aufbauen müsse, das den Gegner zu einem Fehler zwingt. „Damit kann man Mannschaften, die eigentlich besser wären, auch mal durch eine gute Taktik schlagen“, sagt Abfalterer. Laut dem Luttacher kommt die Elite in diesem Sport aus Österreich und Deutschland. Trotzdem hat er 2011 und zuletzt in diesem Jahr mit seinem Team vom ESC-Luttach die Europameisterschaft im Herren-Mannschaftsspiel gewonnen. In den vergangenen Jahre wurden sie vier Mal Vize-Europacupsieger. 2014 gelang Abfalterer gemeinsam mit Matthias Morandell, Robert Bacher und Reinhold Oberhammer der Sieg bei der Weltmeisterschaft in Innsbruck.

Während sie heute zum ersten Mal für die WM trainiert, geht es bei den Einzelsportlern auf dem benachbarten Eisfeld gerade ums Ganze. Dort läuft die erste Qualifikation im Einzelwettbewerb der Männer und Frauen aus der Italienischen Nationalmannschaft für die bevorstehende Weltmeisterschaft am Ritten.

„Man hat nie ausgelernt“

Eisstock soll in Skandinavien entstanden sein, viel ist darüber allerdings nicht bekannt. Fakt ist, der alte Volkssport blickt in den Alpen auf eine jahrhundertealte Tradition zurück. Auch in Luttach, einem kleinen Dorf mit rund 1.000 Einwohnern.

Eisstockschießen hat eine lange Tradition.

Bild: Oskar Verant

Mit 14 Jahren hat Abfalterer hier mit dem Eisschießen angefangen. Die Kinder trafen sich regelmäßig zum Eislaufen, Hockeyspielen und eben auch zum Eisstockschießen im Dorf. „Wir haben es bei den Älteren gesehen und es dann einmal ausprobiert“, sagt er heute. Mit der Zeit wurde er ehrgeizig, trainierte regelmäßig und nahm an den Jugendmeisterschaften teil. Bei anderen Nationen schaute sich sein Team neue Taktiken und Techniken ab und wurde immer besser. „Es war einfach bärig, wir hatten gute Mannschaften“, erzählt er. Heute werden in Luttach vier Jugendliche trainiert. Auch Abfalterers achtjähriger Sohn beginnt jetzt mit dem Sport. Seinen Vater freut das.

Bis zur Weltmeisterschaft in der Arena Ritten Ende Februar wird Abfalterer zusammen mit seiner Mannschaft noch fünf Mal trainieren. Dann kämpfen die vier gegen die Weltelite um den Sieg. Die große Herausforderung besteht darin, die Konzentration über mehrere Stunden zu halten, ohne Fehler zu machen. „Die Spannung wird wieder groß sein. Auch wenn das Zuschauen für einen Laien relativ schwierig ist“, sagt Abfalterer und grinst. Anstatt nur zuzuschauen, versuche mich noch mehrmals am Eisstock. Viel besser werde ich nicht, und doch macht der Sport großen Spaß.

 

Petra Schwienbacher

mag große Hunde, ihre rote Rostlaube und Mamas Lasagne. Sie ist laut ihren Freunden immer lustig und labert gerne Blödsinn. Beim Schreiben kann sie aber auch ernst bleiben.
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