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An Tagen wie diesen

Champions-League-Finale oder Toten-Hosen-Konzert? Unsere Autorin hat sich für die über 50-jährigen Deutschrocker entschieden. Und war froh darüber.

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Bild: Flickr, U.S.Fotografie

Tausende schweißtriefende Körper fremder Menschen reiben sich aneinander. Lange, zu einem Pferdeschwanz zusammengebundene Haare schlagen mir ins Gesicht. Der ein oder andere tanzwütige Ellbogen trifft mich schon mal in die Seite – und ich möchte trotzdem mit niemandem tauschen. Ja, es war wieder so weit: Die Toten Hosen haben in Innsbruck gespielt.

Da ich es aus unerfindlichen Gründen verpennt hatte, Karten im Vorverkauf zu besorgen, tat ich dies im letzten Moment bei einem Fremden im Internet. Wie durch ein Wunder komme ich damit tatsächlich in die Olympiahalle, und nach nicht ganz legalem Bändchentausch mit Freunden, gelange ich von der Tribüne zu den Stehplätzen. „Hey ho, let’s go!“, kann ich da nur sagen.
 
Zu klein für die Toten Hosen
 
Was jetzt folgt, hat allerdings wenig mit dem romantisch verklärten Bild eines Rockkonzerts zu tun. Ich merke wieder einmal, dass 1,60 m Körpergröße für ein Event dieser Art nicht geeignet sind. Meine, rechts neben mir zwischen zwei Kolossen eingequetschte Kollegin, scheint auch noch nicht den perfekten Platz gefunden zu haben. Nun heißt es also weg vom Rasta-Typ, dessen drahtige Locken meiner Freundin beinahe die Augen ausstechen. Weg von der riesigen Frau, die mir durch ihre rhythmischen Bewegungen ständig ihren Hintern in die Magengegend drückt. Und unfreiwillig hin zu den halbnackten, betrunkenen Männern, die im Moshpit endlich ihre angestauten Aggressionen ausleben können und dabei auch den so lang ersehnten Körperkontakt bekommen. 
 
Am Rande der Ausbrüche dieser Pogo-Tänzer beginnt sie dann wirklich, die Konzertromantik. Plötzlich sind uns die kleinen Schubser und die etwas zu auffälligen „unabsichtlich-am-Busen-Vorbeistreifer“ egal. Der 60-jährige Mann vor uns geht ebenso ab wie die beiden 12-jährigen Mädchen daneben. Jetzt sind wir alle eins und springen und schreien und grölen die Songtexte unserer Lieblinge.
 
„Steh auf, wenn du am Boden bist“ wird dramaturgisch perfekt inszeniert, indem die ganze Meute aufgefordert wird, sich auf den Boden zu setzen. Auch die härtesten (Punk)Rocker folgen brav den Anweisungen. Eng aneinander gekuschelt warten wir darauf, passend zum Refrain in die Höhe zu springen. Was für ein euphorisches Gefühl! Richtig laut wird es, als die Hosen „Schrei nach Liebe“ von dem jahrelang nicht sehr geliebten Dreiergespann aus Berlin, den Ärzten, zum Besten geben. Sind die Toten Hosen etwa doch noch erwachsen geworden und legen den alten Streit bei? Ich find’s super, und brüll: „Arschloch, Arschloch, Arschloch!“
 
In Topform
 
Warum diese über 50-jährigen Männer immer noch einen solch ungeheuren Reiz ausüben? Sie machen einfach seit 30 Jahren tolle Musik. Die Toten Hosen entwickeln sich gemeinsam mit ihren Fans weiter und schaffen es dabei, ihren jugendlichen, punkigen Wurzeln treu zu bleiben. Das kommt dann auch bei den jüngeren Fans gut an. Dass Campino & Co. trotz ihres Alters immer noch in Topform sind, ist ein positiver Nebeneffekt. Campino kann es sich wahrscheinlich auch noch mit 60 Jahren erlauben, seinen Oberkörper zu entblößen.  
 
Das Fazit des Abends ist also ganz einfach: 
1. Musik ist wichtiger als Fußball. Wenn sich Bayern-Fans mit Robben-Trikots zum Konzert der Toten Hosen wagen, zeugt das von Mut. Wenn Campino (als Fortuna Düsseldorf-Fan) ihnen den Champions-League-Sieg gönnt, von Reife. Daumen hoch!
2. Dass die Toten Hosen nicht nur viele Südtiroler nach Innsbruck gelockt haben, sondern auch selbst dem Land Tirol so einiges abgewinnen können, beweist der rot-weiße Konfettiregen beim Lied „Tage wie diese“. Dass die Bandfarben dieselben sind, wie die der Tiroler Fahne, kann doch kein Zufall sein, sondern ist wohl eher als Tiroler Liebesbeweis zu deuten? 
3. Ja, wir wünschten uns Unendlichkeit.

Julia Tapfer

mag Geschichte und Geschichten. Liebt gutes Essen und hasst es, für schlechten Kaffee auch noch Trinkgeld geben zu müssen.
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