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Selbstversuch

Als mich die Trommeln schüttelten

Unsere Autorin wagte sich an einen Anfänger-Kurs in Afro-Caribbean Dance. In ihrer Reportage erzählt sie, welche Geschichte die aus Afrika stammenden Tänze erzählen und was es mit dem Hüftschwung auf sich hat.

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Unsere Autorin Valentina Gianera mit schwarzen T-Shirt beim Workshop von Tanz Bozen

Bild: Christian Klina

Die linke Hand fest auf den Rücken meines Partners gedrückt und die Rechte an seine Linke gepresst, wiege ich mich im Rhythmus der Beguine zu den Trommellauten, die Thierry über die Tanzfläche schickt. “I love you, I love you, I love you”, stimme ich in die paar englischen Wortfetzen ein, die ich aus dem kreolischen Liedtext herausfischen kann, während sich meine Augen tief in die meines Gegenübers bohren. Nicht in die meines Partners, der tatsächlich nur als Gedankenkonstrukt in meiner eigenen Haltung existiert, sondern in die Augen jener Frau, die sich mir gegenüber in den Armen ihres eigenen Gedankenkonstrukts wiegt. Ein Grinsen huscht über unsere Gesichter, als wir uns - nun mit einer Schüssel auf dem Kopf und getrieben von den an Kraft zunehmenden Trommellauten - aufeinander zubewegen. Und eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht. Mitgerissen von der tanzenden Gruppe tauchen wir nach links ab und verlieren uns aus den Augen. Und eins. Und zwei. Und drei. Und vier. Ich gerate ins Straucheln. Ohne die Augen der Frau sehe ich mich jetzt selbst tollpatschig über die Tanzfläche waten, bevor mich ein erneutes Trommel-Crescendo aus meiner Selbstbetrachtung und zurück in meinen Körper wirft.

Thierry Galand weiß um die Kraft der Trommelschläge, die die Tänzerinnen und Tänzer anspornt, sie vom Boden aufhebt und auf die Tanzfläche schubst. Seit Jahren begleitet der Franzose das Tanzensemble von Chantal Loïal “Difé Kako” mit Rhythmen und Gesang aus der afrikanischen und karibischen Tradition. So auch in der Sporthalle der Bozner Manci-Straße, wo die Tänzerin aus Guadeloupe im Rahmen von Tanz Bozen einen Anfänger-Kurs in Afro-Caribbean Dance leitet.

“One more time!”: Workshop-Leiterin Chantal Loïal

Bild: Christian Klina
“One more time!”, schreit Chantal nun schon zum dritten Mal, während uns der Schweiß in dicken Perlen von der Stirn tropft und Thierry erneut seinen Trommelwirbel anstimmt. Ich werfe meine Puddingarme in die Luft, krümme mich nach vorne und verziehe mein Gesicht angestrengt zu einer Fratze. “And smile!”, Chantals lockeres Grinsen strahlt über ihr braunes Gesicht und von dort bis in ihre Fingerspitzen. Schon die leiseste Bewegung ihres Körpers, kaum mehr als ein Fingerzeig und das leichte Wippen ihres Kopfes, vermag es, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ihre Knie beugen sich im Plié, ihr Oberkörper strahlt nach oben. “Below Afro, above Europe!”, spornt sie uns an. “C’est Kréyol!”

 

Der Kréyol erzählt die Geschichte von Chantal Loïals Vorfahren - und gleichzeitig auch ihre eigene: Mit acht Jahren zog Chantal Loïal von Guadeloupe in den französischen Antillen nach Frankreich. Seitdem schürft die mittlerweile 53-Jährige in den ursprünglich aus Afrika stammenden Tänzen und Rhythmen ihrer Vorfahren und schafft aus Elementen traditionell europäischer Volkstänze und den Rhythmen der afrikanischen und karibischen Tradition neue Ausdrucksformen. Der Kréyol erinnert dabei an den Widerstand ihrer Vorfahren, die als Sklaven in die Karibik geschleppt worden waren. Durch Trommelrhythmen und Tanz trotzten sie dort ihrer Entmenschlichung; der Tanz war eine Notwendigkeit, um als Mensch am Leben zu bleiben. Die belebenden Elemente dieser Tänze, zu denen auch der Gwoka gehört, nutzt Loïal heute, um die Erinnerung an den Widerstand, die Transformation des Leidens in einen Ausdruck der Freude hochzuhalten und neue, eigene Ausdrucksformen zu schaffen.

Der Kréyol erzählt die Geschichte von Chantal Loïals Vorfahren - und gleichzeitig auch ihre eigene.

“And take and give and take and give…”, murmelt Chantal während ich mit den Fingerspitzen immer wieder etwas zu mir hinziehe, um es meinem Spiegelbild gleich darauf wieder anzubieten. Mit den lauter werdenden Trommelschlägen gewinnen meine Gebärden an Kraft. Meine Hände graben sich jetzt schaufelartig in die Luft, mein Oberkörper beugt sich nach vorn. Beim nächsten Trommelschlag werfe ich das so Gewonnene in einer einzigen, fließenden Bewegung wieder von mir ab. “More generous!”, ruft Chantal in die Runde, “your movements! More generous!”, und führt die Tanzschritte noch mal vor.

Die 53-Jährige Chantal Loïal schürft in den ursprünglich aus Afrika stammenden Tänzen und Rhythmen ihrer Vorfahren.

Bild: Christian Klina

Anfängerinnen und Anfänger unterrichte sie am liebsten, erklärt Loïal, die nicht zum ersten Mal bei Tanz Bozen dabei ist, wo afrikanische Klänge und Rhythmen immer noch ein Inkognito sind. Bei diesen könne man nämlich dabei zusehen, wie sie mit jeder Wiederholung wachsen, weiter aus sich herauskommen. Brach bei den meisten noch die Stimme, als sie am ersten Tag ihren Namen in die Runde rufen mussten, so lösen sie sich jetzt auf in ihren Bewegungen, werden sicherer im Ausdruck und spielen mit ihrem Spiegelbild, anstatt es kritisch zu betrachten.

Nur wenn Chantal ihre eindrucksvollen Hüften schwingt, kommt die europäische Befangenheit zurück. Mehr als ein paar eckige Bewegungen bekomme ich nicht hin. Und mein Po, der bei Chantal locker auf ihren Hüften wippt, sieht wie eingefroren aus. “Do it with your own popò! Everyone can do it!”, schreit Chantal, als wir - in einem verzweifelten Versuch, sie nachzuahmen - mit unseren kleinen Ärschen viel zu große Runden ziehen. “Not so big! Like this!”. Chantal schwingt ihre Hüften wie eine Tube Mayonnaise und drückt ihr Becken mit einem Ruck nach vorne: “Bam! Allez, go drink!”.

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