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Generation "lost"

Alles von vorne

Den Bachelor in internationalem Recht hat Mohannad in Damaskus abgeschlossen – vor dem Krieg, vor der Flucht. Kann ein Neustart in Deutschland gelingen?

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Bild: Veronika Felder

Die letzte Strecke der Flucht aus der Türkei nach Griechenland legt Mohannad schwimmend zurück. Sobald er das Festland erreicht, versteckt er sich in einem nahegelegenen Wald. Er wartet darauf, dass die Situation sicher ist, dass niemand nach ihm sucht. Denn Mohannad will seinen Fingerabdruck nicht in Griechenland hinterlassen – sein Ziel ist Deutschland.

Fünf Jahre liegt dieses aufreibende Erlebnis nun zurück, so lange lebt Mohannad nun bereits in Hamburg. So lange lebt er bereits sein neues Leben – ein Leben, das wieder auf Null zurückgesetzt wurde, das ohne Freunde, ohne Familie und ohne Job begann. Ohne all die Dinge also, die er zuhause in Syrien gehabt hatte, die sein altes Leben bestimmt hatten.

Aus einer kleinen Stadt im Herzen Syriens war er für das Studium nach Damaskus gezogen. Dort studierte er Internationales Recht und schloss 2011 ab, in jenem Jahr, als der Konflikt in seinem Heimatland sich langsam entzündete. Er trat seinen ersten Job an, arbeitete für die Rechtsberatung der syrischen Regierung. Doch schon bald wurde ihm die Situation zu brenzlig, das Feuer begann zu lodern – er hatte keine Hoffnung, in seiner Heimat ein angenehmes und vor allem sicheres Leben führen zu können. Auch ökonomisch war seine Lage aussichtslos, sein Gehalt so schlecht, dass seine Familie ihm noch immer Geld schicken musste. Also ging er.

Auf dem Campus der Universität Hamburg bewegt sich Mohannad selbstsicher. Er sitzt vor dem Eingang der Uni-Mensa auf einer Bank, die Sonne scheint auf sein Gesicht, der Wind zerzaust seine dunklen Haare.

Er hat gearbeitet, hat wieder Freunde gefunden – und sein Interesse für Sozialdemokratie entdeckt.

Auf diesem Gelände hat er in den letzten Jahren viel Zeit verbracht. Im Herbst 2018 hat er hier den Masterstudiengang in „Law and Economy“ abgeschlossen. Er hat als Studentischer Mitarbeiter gearbeitet, hat wieder Freunde gefunden – und sein Interesse für Sozialdemokratie entdeckt.

Ein Jahr nach seiner Ankunft in Deutschland lernte Mohannad eine Person kennen, der er noch viel verdanken sollte. Eine Professorin der Universität Hamburg nahm sich ihm an, als er gerade den Integrationskurs beendet und den B1-Deutschkurs in der Tasche hatte. „Professorin Prager fragte mich, ob ich arbeiten oder studieren wollte“, erzählt Mohannad. Klar, am liebsten hätte er studiert, aber wäre das nicht unmöglich? Ein paar Monate, einen Englischkurs und mehrere Anträge später begann er sein Studium. Einen internationalen Master mit einem Erasmus-Semester an der Universität in Rotterdam. 

Sein Studium an der Universität in Damaskus lag bereits einige Jahre zurück, vieles war nun anders. „Das Bildungssystem war anders, die Sprache war anders, die Zeit, in der ich studierte, war anders, meine Fähigkeit, zu lernen, war anders, ich war älter als alle meine Kommilitonen“, erinnert sich Mohannad. Sein ganzes Leben war anders, als das der anderen Studierenden – niemand hatte erlebt, was er erlebt hatte.

Niemand in seiner Umgebung hatte sich auf eine 27 Tage lange Reise von Izmir nach München begeben müssen, nachdem er 10 Monate lang in der Türkei 12 Stunden am Tag 7 Tage die Woche gearbeitet hatte, um das nötigste Geld zu verdienen. Niemand hatte großteils zu Fuß Mazedonien, Serbien, Ungarn durchqueren müssen, um sich dann von der ungarischen Polizei einen Zahn brechen, sich einsperren und nach Serbien zurückschicken zu lassen. Niemand hatte hunderte Euros einem Schlepper zahlen müssen, der ihn mit anderen zusammengepfercht im Auto an die deutsche Grenze gebracht hatte. Niemand hatte monatelang in einer Flüchtlingsunterkunft in Hamburg auf seinen Asylbescheid warten müssen, um schließlich endlich wieder leben zu können.

“Man weiß nichts über die Menschen und trotzdem hilft man ihnen, einfach nur, weil sie Menschen sind.”

Denkt Mohannad heute an die Zeit zurück, die er in einem Zelt in einem Hamburger Außenbezirk verbracht hat, weiß er, wie wichtig, sie für ihn war. Während der sechs Monate arbeitete er für zwei freiwillige Organisationen – und erkannte dabei, dass in seinem Leben bisher etwas gefehlt hatte: „Man weiß nichts über die Menschen und trotzdem hilft man ihnen, einfach nur, weil sie Menschen sind, will man sie unterstützen.“ Er merkte schnell, wie viel man zurückkriegt, wenn man etwas gibt. „Wenn du etwas für andere Menschen tust, wird dir auch jemand helfen“, sagt er.

50 Freundschaften hätte ihm das Volontieren verschafft, erzählt Mohannad – und die waren für ihn besonders wertvoll. An demselben Tag, an dem er den positiven Asylbescheid erhielt, fand er auch eine Wohnung – weil alle seine Freunde ihn dabei unterstützten.

Auch während seines Erasmus-Aufenthaltes in Rotterdam lernte er Studenten aus allen Ecken der Welt kennen, die sich häufig über soziale Rechte und Menschenrechte unterhielten. Diese Erfahrungen ließen ihn schließlich aufhorchen, als er von einer internationalen Konferenz der Sozialdemokraten in Hamburg erfuhr. Gemeinsam mit Freunden nahm er teil und lauschte gespannt den Theorien der ehemaligen SPD-Vorsitzenden Andrea Nahles, des deutschen Finanzministers Olaf Scholz und ihrer internationalen Parteigenossen. Bald darauf wurde er Mitglied der SPD.

Auf der Konferenz damals, war auch sein im Krieg zu versinken drohendes Heimatland Thema. Mohannad fragte zwei französische Parlamentarier, wie viel Menschenrechte eigentlich wert seien und warum Europa nicht in Syrien eingreifen würde. Die Antwort die darauf folgte, nennt Mohannad heute „diplomatisch“ – die Leben der Soldaten müssten beschützt werden, Europa wolle keinen Krieg.  

Für Mohannad ist der Krieg jedoch auch in Europa Realität. Ende letzten Jahres ist Mohannads Mutter gestorben, er hat sich nicht verabschieden können. In sein Land kann er nicht zurück. Mohannads neues Leben ist in Deutschland. Ihm wurde keine Wahl gelassen, er traf keine Entscheidung, er wurde von fremder Hand aus seinem alten Leben gerissen und in sein neues gesetzt.

In Deutschland läuft jedoch nicht alles rund. Bis jetzt konnte Mohannad keine Arbeit finden. Deshalb will er weiter lernen, seine Fähigkeiten verbessern – in der Hoffnung, irgendwann seinen Platz in diesem Leben, seinem neuen Leben, zu finden. 

Veronika Felder

Liebt das neue Fremde, schreckt aber auch vor dem guten Alten nicht zurück. Stets darum bemüht, ihren Horizont zu erweitern und dabei das Gute in der Welt nicht aus den Augen zu verlieren. Fachsimpelt mit Vorliebe über politische Ungerechtigkeiten.
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Generation „lost“

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